Ja, die Erwartungshaltung war eine andere. Der kollektive Freudentaumel über die Freilassung der letzten noch lebenden Geiseln beschränkte sich vorrangig auf die jüdische Welt. Nein, to be fair: Es gab auch einige nichtjüdische Menschen, es gab Politiker, es gab durchaus auch Stimmen, die sich freudig zeigten. So wie es in der ganzen Zeit Menschen gab, die sich an die Seite Israels stellten – auch wenn sie in der öffentlichen Wahrnehmung in der Minderzahl waren.
Aber da war andererseits auch dieses sehr laute Schweigen – und zwar von jenen, die sich schon kurz nach dem 7. Oktober 2023 in „Aber …“-Formulierungen ergingen, von jenen, die nach Ausbruch des Krieges rasch von „Unverhältnismäßigkeit“ sprachen, von jenen, die nach und nach und dann in den letzten Monaten vor der Freilassung der nach Gaza noch lebenden Verschleppten ganz massiv einen „Genozid“ an Palästinensern und Palästinenserinnen durch Israel anprangerten.
Die „Genozid“-Rufer und -Ruferinnen waren auf Demos anzutreffen, auf Social Media sowieso, sie sind in der Spitzenpolitik vieler Länder vertreten, in den Reihen von NGOs, in der UNO, in der Kulturbranche, auf den Universitäten. Sie alle, sollte man meinen, sollten sich ebenso über den Geiseldeal, der gleichzeitig das Ende der Kampfhandlungen in Gaza bedeutete, freuen. „Ceasefire now“ war doch die Forderung, auf Kundgebungen ebenso wie bei Society-Events in Hollywood. Aber da kam nichts. Oder doch: es wurde weiter demonstriert gegen Israel und den „Genozid“.
Als dann Videos zeigten, dass die Hamas in Gaza Palästinenser auf offener Straße erschießt, die sie der Kollaboration mit Israel bezichtigte: Schweigen. Kein Wort. Keine Demo für die Menschen in Palästina, die sich gegen das sie unterdrückende dschihadistische Terrorsystem richteten. Um Palästinenser und Palästinenserinnen drehte sich ja vordergründig die – berechtigte – Sorge während der vergangenen zwei Jahre (und auch schon davor). Doch Demos gegen die Hamas sucht(e) man ebenso vergeblich wie Demos gegen die Taliban oder die Huthi.
Der Vorwurf, dieses und jenes sei antisemitisch,
wird empört zurückgewiesen.
Antisemit will nämlich heute keiner
mehr sein. Man ist ja Antifaschist!
Let’s face it: Antisemitismus war nie weg. Auch dort, wo er in den vergangenen Jahrzehnten nicht offen geäußert wurde, schlummerte er unter der Oberfläche. Und nun ist der Geist wieder aus der Flasche emporgestiegen und lässt sich nicht mehr in diese zurückstopfen. Es fühlt sich ein bisschen wie ein point of no return an – zumindest für diese Generation.
Das, was in den vergangenen zwei Jahren wieder salonfähig wurde zu sagen, am realen wie am virtuellen Stammtisch, in TV-Studios, aber auch in Zeitungskommentaren, im kollegialen beruflichen Umfeld, unter Schulkollegen- und -kolleginnen und im universitären Bereich, das ist da. Das pickt. Das ist laut. Und das wird als in Ordnung empfunden.
Mehr noch: Der Vorwurf, dieses und jenes sei antisemitisch, wird empört zurückgewiesen. Antisemit will nämlich heute keiner mehr sein. Man ist ja Antifaschist! Man hat die Lehren aus der Shoah gelernt! Doch dann ist es schon da, das große Aber: Aber wie soll man denn bitte akzeptieren, dass Israel nun einen Völkermord begehe. Gerade Israel sollte doch aus der Geschichte gelernt haben! Die Täter-Opfer-Umkehr, auch das ein über die Jahrhunderte bekanntes Phänomen des sich einerseits wandelnden und dann doch wieder alten Antisemitismus.
Am Ende müssen Juden und Jüdinnen – die einen resignierend, die anderen weiterhin den Kampf dagegen nicht aufgebend – feststellen: Der Antisemitismus erfüllt eine gesellschaftliche Funktion. Es braucht diese Projektionsfläche für Hass, als Blitzableiter, als Feindbild, als vermeintliche Lösung für Konflikte aller Art. Dass das dann zum ganz realen Problem für den einzelnen Juden und die einzelne Jüdin wird: Das wird nicht bedacht. Leider auch von vielen Menschen nicht, die sich das Label „antifaschistisch“ ganz groß auf ihre Fahnen geschrieben haben.
























