Ein Nobelpreis für zwei jüdische Feingeister

In diesem Jahr jährt sich der 50. Todestag sowohl der tiefsinnigen Lyrikerin Nelly Sachs wie auch des elegischen Erzählers Shai Agnon.

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Shai Agnon und Nelly Sachs bei der Verleihung des Nobelpreises am 10. Dezember 1966 in Stockholm. © Ullstein Bild / picturedesk.com

Sie wurde 1891 in Berlin-Schöneberg geboren, er drei Jahre früher im knapp 1.100 Kilometer entfernten ostgalizischen Buczacz. Am 10. Dezember 1966, ihrem 75. Geburtstag, stand Nelly Sachs vor dem schwedischen König, der ihr den Nobelpreis für Literatur überreichte. Diesem Königshaus verdankte die Schriftstellerin und Lyrikerin auch ihr Überleben. Sie teilte sich den Preis mit dem ersten Israeli, der je für hebräische Literatur von der schwedischen Akademie ausgezeichnet wurde: Samuel Josef (Shai) Agnon. Bei der Glanz und Glorie verströmenden Zeremonie standen diese zwei zarten Gestalten mit den fein linierten Gesichtszügen nebeneinander: Nelly Sachs, bereits von ihrer Krebserkrankung gezeichnet, und der fromme Shai Agnon mit einer schwarzen Kippa, die viel zu groß für seinen kleinen Kopf schien. Sie hätten ein Geschwisterpaar sein können – im Geiste waren sie es.
Agnons Werke spiegeln eine tiefe Verwurzelung in der religiösen und geistigen Tradition des Chassidismus genauso wider wie den entbehrungsreichen ostjüdischen Alltag. Seine kenntnisreiche Darstellungen von Angst und Schutzlosigkeit erinnern stark an die Stimmungen in Franz Kafkas Arbeiten. Geboren als Samuel Josef Czaczkes wuchs er in einer wohlhabenden Kaufmanns- und Gelehrtenfamilie auf. Sein Vater war Pelzhändler und chassidischer Rabbiner, dadurch erhielt der Sohn eine klassische Cheder- und Jeschiwa-Ausbildung. Durch seine weltlich gebildete Mutter lernte er die deutschsprachige Literatur kennen.
Erste Gedichte schrieb und veröffentlichte Agnon auf Jiddisch und Hebräisch bereits mit 15 Jahren in lokalen Zeitungen; als 18-Jähriger arbeitete er bei einer Lemberger Publikation. Früh hatte sich Agnon der zionistischen Bewegung angeschlossen, daher ließ er sich nach Zwischenaufenthalten in Krakau und Wien im Mai 1908 in Palästina nieder. Seine erste Erzählung Agunot (Verlassene Frauen) verfasste er unter dem Pseudonym Agnon (der Gebundene), und dieses Pseudo­nym nahm er auch ab 1924 als offiziellen Nachnamen an. Durch den Ausbruch des Ersten Weltkrieges konnte der Schriftsteller von einer Deutschland-Reise nicht mehr zurück und lebte zuerst bis 1921 in Berlin, wo er den Verleger und späteren Herausgeber der Zeitung Haaretz kennenlernte, Salman Schocken. Dieser förderte ihn nicht nur finanziell, sondern verlegte seine Arbeiten in Palästina und später in Israel. Ab den 1930er-Jahren sorgte Schocken für die Verbreitung der Werke Agnons in deutscher Sprache, ab 1940 machte er diese auch in New York dem englischsprachigen Lesepublikum zugänglich.
Drei Jahre wohnte Agnon noch in Bad Homburg, wo er zum Freundeskreis um Martin Buber gehörte. Dort heiratete er 1920 Esther Marx, mit der er zwei Kinder hatte. Als im Juni 1924 Agnons Haus in Bad Homburg mitsamt seiner aus 4.000 hebräischen Büchern bestehenden Bibliothek und zahlreichen Manuskripten von einem Brand zerstört wurde, kehrte die Familie sofort nach Jerusalem zurück. Dort wurden 1929 sein Besitz und seine Bücher erneut vernichtet, diesmal durch arabische Plünderer. Dennoch lebte Shai Agnon frei von materiellen Sorgen als Schriftsteller und Herausgeber und schrieb zahlreiche Erzählungen und Romane.

Agnons Werke spiegeln eine tiefe Verwurzelung in der religiösen und geistigen Tradition des Chassidismus genauso wider wie den entbehrungsreichen ostjüdischen Alltag.

Das Leben von Nelly Sachs hingegen war nur selten unbeschwert: Obwohl sie als einziges Kind des Ingenieurs, Erfinders und Gummi-Fabrikanten Georg William Sachs und seiner Frau Margarete Karger in einer großbürgerlichen, assimilierten jüdischen Familie aufwuchs, war ihr späteres Leben von realen Existenzsorgen begleitet.

Nelly Sachs im Oktober 1966, kurz nachdem bekannt wurde, dass sie den Literatur-Nobelpreis erhalten wird. © Personalities / TopFoto / picturedesk.com

Ihren großen Wunsch, Tänzerin zu werden, hatte sie krankheitshalber nicht verwirklichen können. Aber dafür entdeckte sie ihre Leidenschaft für die deutsche Lyrik und das Schreiben von Gedichten. Früh hatte Nelly Sachs einen Faden zu Schweden gesponnen. Zu ihrem fünfzehnten Geburtstag schenkte man ihr den Roman Gösta Berling der schwedischen Dichterin Selma Lagerlöf (1858–1940), die 1909 als erste Frau den Literaturnobelpreis erhalten sollte. Nelly Sachs war von dem Roman so begeistert, dass sie eine Korrespondenz mit der Autorin begann. Nach der Reichspogromnacht wurden Nelly Sachs und ihre Mutter enteignet und in ein sogenanntes Judenhaus zwangsübersiedelt. Die beiden alleinstehenden Frauen – der Ehemann und Vater war bereits 1930 gestorben – hofften auf die ersehnte Ausreisegenehmigung und befürchteten gleichzeitig die Deportation. Nelly Sachs wandte sich in berührenden Briefen mehrmals an Selma Lagerlöf um Hilfe. Die Dichterin war zu diesem Zeitpunkt bereits alt, krank und konnte nicht mehr viel unternehmen. Die entscheidende Hilfe kam daher von Nellys Freundin, der in Dresden lebenden Gudrun Harlan: Sie reiste im Sommer 1939 nach Schweden und erhielt dank Selma Lagerlöf eine Audienz bei Prinz Eugen Bernadotte, dem Bruder des schwedischen Königs Gustav V., der sie bei den Einwanderungsbehörden empfahl. Harlan musste zudem eine Garantiesumme als Existenzgrundlage für die beiden Frauen Sachs erwirken.
Der Befehl für den Abtransport in ein Lager traf am selben Tag ein wie das Visum für Schweden: Im letzten Moment konnten Mutter und Tochter im Mai 1940 von Berlin-Tempelhof nach Stockholm fliegen. Die Jahre nach der Ankunft waren für die Schriftstellerin und ihre Mutter von harten Entbehrungen und Krankheit geprägt. Anfangs trug Sachs als Wäscherin zum Lebensunterhalt bei und pflegte ihre kränkelnde Mutter. Die beiden Frauen wurden zuerst bei verschiedenen Familien untergebracht, bis sie nach anderthalb Jahren eine winzige feuchte, finstere Wohnung, damals im Besitz der Jüdischen Gemeinde Stockholms, beziehen konnten. Erst im Sommer 1948 erhielten Mutter und Tochter im selben Haus eine größere, hellere Wohnung. Die ökonomischen Verhältnisse der beiden Frauen blieben jedoch weiter trist.
Auf engstem Raum und in ärmlichen Verhältnissen begann Sachs, Lyrikzyklen und szenische Texte zu schreiben, ihre wesentlichen Dichtungen. Sie lernte Schwedisch und begann, moderne schwedische Lyrik zu übersetzen. Bis zu ihrem Tod sollte sie aus dem Schwedischen ins Deutsche übertragen und damit eine bedeutsame Rolle als Vermittlerin spielen. 1950 starb die Mutter, 1953 erhielt Nelly Sachs die schwedische Staatsbürgerschaft.
Ihre Poesie der Kriegsjahre enthält Bilder von Schmerz und Tod. In ihrer Dankesrede beim Nobelbankett im Jahr 1966 beschrieb Nelly Sachs, wie sie sich bei der Ankunft in Schweden gefühlt hatte: „Wir atmeten die Luft der Freiheit, ohne die Sprache zu sprechen oder irgendjemanden zu kennen. Heute, 26 Jahre später, denke ich daran, was mein Vater an jedem zehnten Dezember in meiner Heimatstadt Berlin zu sagen pflegte: ‚Jetzt findet die Nobelfeier in Stockholm statt.‘ Dank der Wahl der Schwedischen Akademie bin diesmal ich Mittelpunkt dieser Feierlichkeiten. Für mich ist ein Märchen wahr geworden.“

Das literarische Werk von Nelly Sachs ist eine Totenklage für die Juden, eine einzigartige lyrische Antwort auf die Schoah, denn sie glaubte an die Kraft der Verwandlung durch Sprache.

Das literarische Werk von Nelly Sachs ist eine Totenklage für die Juden, eine einzigartige lyrische Antwort auf die Schoah, denn sie glaubte an die Kraft der Verwandlung durch Sprache. Mit ihrem Gedicht über die „Wohnungen des Todes“, die deutschen Vernichtungslager in Polen, hat sie sich in das Gedächtnis geschrieben: „O ihr Schornsteine,/O ihr Finger,/Und Israels Leib im Rauch durch die Luft!“ Vergleichbares schuf nur noch Paul Celan.
Noch feiert Tod das Leben ist der Titel eines Gedichtzyklus von ihr, und er steht für das Werk der schwermütigen Frau, die, nachdem ihr Vater eine frühe Liebesbeziehung untersagt hatte, nie geheiratet hat. Der geliebte Mann, der Widerstand gegen die Nazis leistete, wurde später gefoltert und starb in einem KZ. Sachs hat ihn immer wieder als „Bräutigam“ in ihren Gedichten verewigt. Sie starb am 12. Mai 1970 an Krebs – an jenem Tag, an dem Paul Celan beerdigt wurde. Dem Dichter der Todesfuge fühlte sie sich seelenverwandt, sie besuchte ihn 1960 in Paris. Beide haben Gedichte geschaffen, um ihrem Dasein jenseits der Gräber einen Sinn abzugewinnen. „Dichtung war für Sachs und Celan ein über den Abgrund der Vergangenheit gespanntes Rettungsseil aus nichts als Worten“, beschrieb es der Lyriker und Literaturkritiker Peter Hamm. „Hart, aber durchsichtig“, nannte sie der junge Hans Magnus Enzensberger, der Sachs Anfang der 1960er-Jahre als Lektor in den Suhrkamp Verlag einführte und später ihren Nachlass verwaltete.

Shai Agnon galt seit seiner Rückkehr nach Palästina als einer der wichtigsten Vertreter der modernen hebräischen Literatur – und er blieb das auch im Staat Israel. Obwohl sein Roman Nur wie ein Gast zur Nacht (1964) sein von Pogromen und Armut gezeichnetes galizisches Stetl abbildete, steuerte er dem modernen Iwrith wunderschöne poetische Wortschöpfungen bei. 1970, vier Jahre nach der Verleihung des Nobelpreises, starb auch Agnon und wurde am Ölberg in Jerusalem beigesetzt. Im gleichen Jahr fand Nelly Sachs ihre Ruhe am jüdischen Friedhof in Stockholm. Ihr Preisgeld verschenkte sie zu gleichen Teilen an Bedürftige und an ihre alte Freundin Gudrun Harlan.

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