Die Anschläge der Hamas am 7. Oktober 2023 und das von ihr verübte Pogrom auf die Zivilbevölkerung im Süden Israels haben das ganze Land in einen Schockzustand versetzt. Die Angriffe der palästinensischen Terrororganisation waren nicht nur die schlimmsten Massaker von Jüdinnen und Juden seit dem Holocaust: Der darauffolgende Gazakrieg hat Israel und seine florierende Wirtschaft ebenfalls hart getroffen. Vor allem die Tourismusbranche, die sich nach der Covid-19-Pandemie gerade erst zu erholen begonnen hatte, wurde schwer in Mitleidenschaft gezogen.
Obwohl der Waffengang noch nicht vorbei ist und die Situation jetzt mit dem Krieg gegen den Iran zu eskalieren droht, hatten einige internationale Fluggesellschaften damit begonnen, ihre Flüge von und nach Israel Schritt für Schritt wieder aufzunehmen. Hotels wurden wiedereröffnet, und Touristenattraktionen heißen überall Gäste willkommen, wobei diese hauptsächlich aus dem Inland anreisen und seltener, wie kürzlich bei den Pessach-Feiertagen, aus der ganzen Welt.
„Als Vater, dessen Tochter bei dem schrecklichen
Massaker von Nova abgeschlachtet wurde, ist diese
Gedenkstätte für mich und alle Hinterbliebenen-
Familien ein Platz, an dem wir spüren, dass unser
Schmerz gesehen und gehört wird.“
Michael Bar
Während Reise-Highlights wie das Tote Meer oder Jerusalem sich nur mühsam erholen, mag der Begriff Touristenattraktion für die Gedenkstätte des Nova-Musikfestivals in der Nähe des Kibbuz Re’im unpassend erscheinen. Doch trotz des tragischen Kontexts ist dieser Ort seit dem Hamas- Massaker vor über anderthalb Jahren genau das geworden.
„Dieses Mahnmal ist von enormer nationaler Bedeutung“, erklärt Michael Bar, Landwirt aus Kfar Warburg, 40 Kilometer südlich von Tel Aviv, dessen 23-jährige Tochter Zohar bei dem Hamas-Massaker vom 7. Oktober ermordet wurde. „Während der Schiwa [der siebentägigen Trauerzeit im Judentum] besuchte ich das Nova-Gelände in Re’im. Damals wussten die meisten Familien noch nicht, was mit ihren Kindern geschehen war. Jeder legte einen Stein nieder und gestaltete entsprechend den finanziellen Möglichkeiten oder Vorstellungen auf seine Weise eine Gedenkstätte. Wir wollten ein respektvolles, zugängliches Umfeld schaffen.”
Die Supernova-Party war ein mehrtägiges Outdoor-Trance-Musikfestival, das am 6. Oktober 2023 begann. Was als Feier geplant war, verwandelte sich schnell in einen Albtraum, als tausende Hamas- Terroristen unter einem Raketenhagel einmarschierten, die Feiernden mit Gewehrfeuer unter Beschuss nahmen und viele vergewaltigten sowie verstümmelten, ehe sie auf grausame Weise ermordet wurden. Fotos und Videos zeigen in Panik geratene Menschenmengen, die um ihr Leben rennen, von Kugeln durchsiebte Autos und eine Straße, die mit Leichen übersät ist. Nach Angaben der israelischen Streitkräfte (IDF) wurden 344 Zivilisten, die an der Tanzparty teilnahmen, und 34 Sicherheitskräfte bei dem Angriff ermordet. Darüber hinaus verschleppten die Terroristen weitere 44 Personen in den Gazastreifen, von denen mehrere in der Gefangenschaft getötet wurden.
„Als ich mit einem Foto meiner getöteten Tochter eine kleine Erinnerung für sie platzieren wollte, sprach mich ein Vertreter des Jüdischen Nationalfonds (JNF) an“, erzählt der Vater von Zohar. „Die Organisation plante, einen Großteil der Finanzierung der Gedenkstätte zu übernehmen, und machte mich zum Verbindungsmann zwischen ihnen und den trauernden Familien. Die Zusammenarbeit verlief hervorragend, und wir konnten die Arbeiten vor Ort durchführen.“

Während das Projekt noch zu Beginn ein Sicherheitsrisiko darstellte, ermöglichte die Hilfe des JNF, der rund 1,1 Mio. US-Dollar bereitstellte, die Unterstützung der Hinterbliebenenfamilien. Vor allem aber dank des ehrenamtlichen Einsatzes des in Tel Aviv lebenden Künstlers Amir Chodorov wurde das Gelände in eine bewegende und würdevolle Gedenkstätte für die Opfer umgestaltet. Der Fotograf schuf einheitliche Gedenktafeln, die jedem Wetter standhalten. Mit über 200.000 Besuchern im Monat ist das Mahnmal mittlerweile der am meisten besuchte Ort in Israel.
„In den meisten Gedenkstätten auf der Welt erzählt der Staat die Geschichte“, erzählt Chodorov. „In Re’im erzählen die Opfer. Die meisten waren jung und hatten noch das ganze Leben vor sich. Wir haben das Mahnmal wie ein Fotoalbum konzipiert, damit sie alle nicht in Vergessenheit geraten.“
Der 68-jährige Künstler, der selbst eine halbe Million US-Dollar in das Projekt steckte, diente 25 Jahre lang als Pilot in der IDF. Nach einer kurzen Tätigkeit in der Wirtschaft studierte er Fotografie in Rom und entwickelte seinen charakteristischen Stil: großformatige Werke, die auf Renaissance- Prinzipien basieren. Eine zufällige Begegnung mit einer Hinterbliebenenfamilie veranlasste ihn, eine Collage mit den Gesichtern von 420 Opfern zu gestalten, die Anfang 2024 auf der ehemaligen Tanzfläche des Festivals aufgestellt wurde. Am selben Tag pflanzte der JNF dort auch einen Gedenkwald mit einem Baum für jeden ermordeten Festivalteilnehmer. Mittlerweile hat der Künstler 1.300 der rund 4.000 geplanten Arbeiten fertiggestellt. Diese reichen von Gedenktafeln bis hin zu Installationen, die die Geschichten der Opfer auf Hebräisch und Englisch erzählen sowie erklären, was an bestimmten Punkten entlang des Gedenkpfades passiert ist. Dabei geht man an Orten des Grauens vorbei, etwa der am 7. Oktober 2023 von Leichen übersäten Bar, dem Mahnmal für die getöteten Polizisten sowie einem völlig ausgebrannten Krankenwagen.
„Die Terroristen schossen mit einer Panzerfaust auf die Ambulanz“, erzählt Chodorov. „Die 18 Menschen, die sich darin versteckt hatten, verbrannten bei lebendigem Leib. Von ihnen blieb nichts übrig. Für die Beerdigung wurden die verbliebenen Überreste eingesammelt. Als Videoaufnahmen zeigten, dass sich auch vermisste Personen darin befanden, grub man die Gräber aus und fand Gewebereste weiterer Personen.“
Besonders ergreifend ist ein gelber Müllcontainer, in dem sich während des Massakers zahlreiche Menschen versteckten, bevor sie gefunden und niedergemetzelt wurden. Der Künstler kaufte ihn dem Besitzer ab und beschloss, die Toten wieder zum Leben zu erwecken, indem er ihre Geschichten anhand von Transkripten von verängstigten WhatsApp-Nachrichten erzählt, die sie aus ihrem Versteck an Familie und Freunde geschickt hatten. Die Nachrichten endeten abrupt um 11:47 Uhr, als die Bewaffneten näher kamen.
„Auch ein Denkmal für die Hauptbühne ist im Bau“, erklärt Chodorov. „Wir hoffen, dass es als Mittelpunkt für Gedenkfeiern dienen wird. Mittlerweile hat das Mahnmal mein Leben völlig auf den Kopf gestellt und erschüttert, doch mit dem Leid der Hinterbliebenen ist das natürlich nicht zu vergleichen. Einige Psychiater baten mich sogar, Menschen zu besuchen und ihnen von der Gedenkstätte zu erzählen, in der Hoffnung, sie dadurch davon abzuhalten, ihrem Leben ein Ende zu setzen. Manche Eltern waren noch nicht hier, da sie es nicht schaffen, aus ihrem Bett zu kommen.“

Fürsorge und Erinnerung an die Toten. Doch ohne die Entscheidung des JNF, das ihm gehörende Grundstück zur offiziellen Gedenkstätte zu erklären, hätte das Projekt niemals realisiert werden können. Ein abgelegener Parkplatz in der Nähe des Kibbuz Re’im an der Grenze zum Gazastreifen im Süden Israels wäre normalerweise ein ungewöhnliches Ziel für täglich mehr als 7.000 israelische und ausländische Besucher. Der JNF finanzierte die Infrastruktur, den Hain, die Gedenktafeln und ein Wartungsteam.
„Wir haben die Knesset-Lobbys wegen des Denkmals kontaktiert, aber es ging nur langsam voran“, erzählt Yifat Ovadia- Luski, JNF-Vorsitzende in Israel. „Es gab zwar den guten Willen, aber keine offizielle Stelle hat die Verantwortung übernommen. 175 Millionen Schekel seien zwar für die Gedenkstätte bereitgestellt worden, doch nichts passierte. Auf dem Gelände herrschte Chaos, und das Land befand sich im Krieg.“
Mittlerweile hat das Mahnmal barrierefreie Wege, Toilettenanlagen, dauerhafte und angemessene Beschilderung, Bildungsräume und vieles mehr. Der Ort ist eine würdige und respektvolle Bewahrung des Andenkens an die Opfer und sowohl eine moralische als auch eine nationale Mission.

„Eine offene Gedenkstätte wurde geschaffen“, sagt Ovadia-Luski. „Zusammen mit den Familien der Hinterbliebenen haben wir Bäume gepflanzt, damit binnen zehn Jahren hier ein Wald entsteht, sowie zentrale Elemente des Nova-Festivals wie die Bühne nachgebaut. Dieser Ort ist nicht nur eine Erinnerung an das Geschehene, sondern auch ein lebendiges Zeugnis der Widerstandsfähigkeit, der Einheit und des Schmerzes der gesamten israelischen Gesellschaft. Das öffentliche Bedürfnis, sich zu erinnern und nicht zu vergessen, bestärkt uns in unserem Engagement, den Ort weiterhin mit der ihm gebührenden Würde zu erhalten.“
Die Verantwortlichen des Mahnmals in Re’im schätzen, dass es noch ein gutes Jahr brauchen wird, bis das gesamte Projekt abgeschlossen ist. Sie wollen eine Art „Yad Vashem des 7. Oktobers 2023“ schaffen. Mit der „Mauer der Autos“ gibt es jetzt auch eine Gedenkstätte der verbrannten Wagen von jenem Tag im 19 Minuten nordöstlich gelegenen Ort Tkuma. Mittlerweile wird darüber diskutiert, sieben Luftschutzbunker von der nahegelegenen Hauptstraße 232 – auch bekannt als Straße des Todes – herbeizuschaffen und sie zu nutzen, um die Geschichten der jungen Menschen zu erzählen, die dort auf der Flucht vor dem Massaker abgeschlachtet wurden.
„Dieser Ort ist nicht nur eine Erinnerung an das
Geschehene, sondern auch ein lebendiges Zeugnis der
Widerstandsfähigkeit, der Einheit und des Schmerzes
der gesamten israelischen Gesellschaft.“
Yifat Ovadia-Luski
Während Re’im vom Wallfahrtsort für Verwandte und Freunde zur meistbesuchten Touristenattraktion wurde, wird es noch Jahre dauern, bis Heilung für Trauer, Wut und Schmerz im jüdischen Staat möglich wird. Zahlreiche Untersuchungen, warum Israels Sicherheitsapparat am 7. Oktober 2023 zusammenbrach, kommen langsam ans Tageslicht. Für die Hinterbliebenen ist das Gelände des Nova- Festivals nur ein kleiner Trost. In der Gedenkstätte trauern sie um die geliebten Menschen, die auf so qualvolle Weise ihr Leben verloren.
„Dieser Ort ist mehr als nur ein Mahnmal“, sagt Michael Bar. „Als Vater, dessen Tochter bei dem schrecklichen Massaker von Nova abgeschlachtet wurde, ist diese Gedenkstätte für mich und alle Hinterbliebenen- Familien ein Platz, an dem wir spüren, dass unser Schmerz gesehen und gehört wird. Ich begleite sowohl jüdische als auch arabische und drusische Angehörige der Opfer. Die Trauer verbindet, ganz egal, welche Konfession man hat.“
Bar fährt mehrmals pro Woche nach Re’im und macht ehrenamtlich Führungen durch das Gelände. Meistens ist er kurz vor 6:30 Uhr dort, die Uhrzeit, als die Hölle über das Nova-Festival einbrach. Die Anschläge der Hamas vom 7. Oktober traumatisierten alle, die sich als Teil der israelischen Nation betrachten. Deshalb sei es wichtig, nicht nur als jüdische Person, sondern als Mensch an alle Ermordeten und ihr grausames Schicksal zu erinnern. „Wir gedenken nicht nur der Opfer, sondern auch der immer noch in Gaza festgehaltenen 53 Geiseln“, erklärt Bar. „Alle, die am schlimmsten Tag des jüdischen Volkes seit dem Holocaust auf so grauenvolle Weise getötet wurden, waren Menschen mit Werten, Anstand, Intellekt – sie waren die Besten der Besten.“
Er hofft auf ein Ende des Krieges. Gerechtigkeit, nicht Rache, ist seine Forderung. Und er erklärt, dass eine Verlängerung des Waffenganges die vielen Toten nicht zurückbringen wird. „Im Judentum werden die Opfer durch Erzählungen und Geschichten über sie am Leben erhalten“, weiß Bar. „Nicht Vergessen, sondern Erinnern, das steht schon in der Tora. Sie lehrt uns, dass unter den 613 Mizwot (Geboten) Ehre, Respekt und Fürsorge für eine verstorbene Person zu den größten gehören.“


























