Ein Preuße in Palästina

General Erich von Falkenhayn wurde vor 160 Jahren geboren. Er sollte 1917 die Jerusalemer Juden vor Deportation und Todesmärschen bewahren.

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©Sammlung Rauch/Interfoto/picturedesk.com

Es war eine kurze Depesche mit großen Auswirkungen. „Ich halte jüdisches Vorgehen für Taten einer ganz kleinen extremen Partei“, telegrafierte Erich von Falkenhayn im Herbst 1917 an den deutschen Botschafter in Konstantinopel, Johann Heinrich Graf von Bernstorff: „Masse Judentum hat nichts damit zu tun.“
Worauf bezog sich der deutsche General in osmanischen Diensten? Von Falkenhayn war Leiter der so genannten Heeresgruppe F. Sie bestand vor allem aus türkischen Truppen mit wenigen deutschen Waffenbrüdern und hätte ursprünglich von Aleppo aus in Richtung Bagdad gegen die Briten marschieren sollen. Doch davon war längst keine Rede mehr, und auch die Attacke auf den Suezkanal stand nicht mehr zur Debatte, im Gegenteil. Die Briten bedrängten ihrerseits bereits Palästina, standen vor der Eroberung Jaffas und würden bald Jerusalem einnehmen.
Dabei war die Sicherheitslage in Palästina für die Ottomanen auch intern prekär. Es gab arabische und jüdische Nationalisten, Juden dienten in der britischen Armee, im Zion Maultierkorps, der späteren Jüdischen Legion, etwa im Kampf um Gallipoli. Sie sammelten im Auftrag der Engländer im Nili-Spionagering wichtige politische und militärische Informationen, und auch ein zionistischer Untergrund hatte sich bereits formiert.
Der verantwortliche osmanische Generalgouverneur, Cemal Pascha, griff hart durch, mit Massenverhaftungen, Folter und Todesstrafen. „Die ungeheuerlichste Tat, die von den Türken begangen wurde“, schreibt Lenny Ben David auf der Website von Arutz Sheva, Israel National News, „war die plötzliche Vertreibung der Juden aus Jaffa-Tel Aviv am Abend des Pessach im April 1917. Zwischen 5.000 und 10.000 Juden wurden vertrieben. Der Jischuw in Galiläa und Jerusalem beherbergte viele der jüdischen Flüchtlinge, doch da finanzielle jüdische Hilfe aus dem Ausland von den Türken abgefangen wurde und das Land unter einer Heuschreckenplage litt, starben viele der vertriebenen Juden an Hunger und Krankheit. Am Ende waren 20 Prozent der Bevölkerung Jaffas umgekommen.“
Nicht nur der jüdische Untergrund befürchtete für Jerusalem eine ähnliche Aktion wie jene gegen die Armenier zwei Jahre zuvor, wo Cemal bereits eine führende Rolle gespielt hatte. Damals wurden diese in langen Kolonnen in unwegsames Gelände getrieben, mit hunderttausenden Toten. Eine Ausweisung der Juden aus Jerusalem in die judäische Wüste hätte unabsehbare Folgen gehabt.

General Erich von Falkenhayn
(3. v. li.) im Gespräch mit einem türkischen Offizier an der palästinensischen Front während des Ersten Weltkriegs, 1917.©Imperial War Museum/Mary Evans/picturedesk.com

Sven Felix Kellerhoff schreibt dazu in der deutschen Tageszeitung Die Welt: „Sicher wäre die Vertreibung der Juden in Palästina ähnlich verlaufen, wenn Falkenhayn nicht resolut eingeschritten wäre. Mit seiner Autorität als neuer Oberbefehlshaber der Heeresgruppe F ordnete er an, dass jede Kollektivbestrafung ab sofort zu unterbleiben habe. Enttarnte
Spione und Verräter sollten und durften nach dem strengen Kriegsrecht sanktioniert, also in der Regel hingerichtet werden. Doch Cemals geplantem Genozid schob er einen Riegel vor.“
„Falkenhayns Rolle war entscheidend“, meint auch der Historiker Holger Afflerbach von der University of Leeds in seiner Biografie des deutschen Generals, Falkenhayn. Politisches Denken und Handeln im Kaiserreich. „Ein unmenschlicher Exzess gegen die Juden in Palästina wurde allein durch Falkenhayns Verhalten verhindert.“ Und: „Sein Urteil im November 1917 war folgendes: Er erklärte, dass es einzelne Fälle von Kooperationen zwischen den Engländern und ein paar radikalen Juden gegeben hätte, dass es aber ungerecht wäre, ganze jüdische Gemeinden zu bestrafen, die damit nichts zu tun hätten. Somit geschah den jüdischen Siedlungen nichts. Nur Jaffa war evakuiert worden – von Cemal Pascha.“

Ein unmenschlicher Exzess gegen die Juden in Palästina wurde allein durch Falkenhayns Verhalten verhindert.
Holger Afflerbach, Historiker

Offizier und Politiker. Das bewerteten auch jüdische Zeitzeugen ähnlich: Es sei eine „besonders glückliche Fügung“ gewesen, „dass in den letzten kritischen Tagen General von Falkenhayn den Oberbefehl hatte“, schrieb rückblickend Jacob Thon, ehemals Leiter des zionistischen Büros in Jerusalem: „Cemal Pascha hätte in diesem Falle – wie er es oft in Aussicht gestellt hatte – die Bevölkerung des ganzen Gebiets verjagt und das Land in eine Ruine verwandelt.“ Laut Thon sollte man „mit tiefer Dankbarkeit an Falkenhayn denken, der durch Verhinderung einer geplanten vollständigen Evakuierung dieses Gebietes die Zivilbevölkerung vor dem Untergang bewahrt hat.“
Dabei hatte sich Falkenhayn seinem Biografen Afflerbach zufolge keineswegs durch besonderen Philosemitismus ausgezeichnet: „Er war in vielen Aspekten ein typischer wilhelminischer Offizier“, schreibt der Historiker, „und nicht einmal frei von gewissen Vorurteilen gegenüber Juden, was aber zählt, ist, dass er tausende jüdische Leben gerettet hat.“
Falkenhain hatte auch sonst eine alles andere als humanistisch geprägte Vorgeschichte. Nicht zuletzt war er als deutscher Generalstabschef für die bluttriefende Stellungsschlacht in Verdun verantwortlich. Dort hatte er sich mit seiner Taktik verkalkuliert. Er wollte nach der Eroberung zweier wichtiger Forts der Franzosen diese und englische Truppen bei der versuchten Wiedereroberung „weißbluten“ lassen. Der Krieg im Westen sei für das Deutsche Reich nicht mehr zu gewinnen, es gehe also nur noch darum, den Gegnern höhere Verluste zuzufügen, als man sie selbst erleide, um später zu einem günstigen Waffenstillstand zu kommen. Doch die Deutschen konnten nur eine der beiden Festungen erobern, in dem darauffolgenden monatelangen Abnützungskrieg starben auf beiden Seiten Hunderttausende, auch der zynisch kalkulierte zahlenmäßige Vorteil für die Deutschen stellte sich nicht ein.
Falkenhayn musste zurücktreten, doch er erhielt eine freilich kleinere weitere militärische Chance und nutzte sie. Nach dem Kriegseintritt Rumäniens eroberte er das Land trotz unterlegener Kräfte in kürzester Zeit. Dann wechselte er in das Osmanische Reich, an die Spitze der Heeresgruppe F.
Für den Orient hatte er schon länger ein Faible entwickelt gehabt.
Falkenhayn wurde 1861 in eine westpreußische Junkerfamilie mit Landgut geboren und durchlief eine militärische Musterkarriere. Mit 30 war er bereits im Generalstab. Doch er unterbrach diese wiederholt, weil es ihm zu langsam ging oder er in der Etappe gelangweilt war. So lebte er mehrere Jahre in China und baute dort eine Offiziersschule auf. 1913 war er zum ersten Mal bereit gewesen, für Konstantinopel zu arbeiten, als dort ein Generalposten international ausgeschrieben wurde. Doch dem kam eine politische Berufung zuvor: Falkenhayn wurde preußischer Staats- und Kriegsminister und musste vor dem Hintergrund zunehmender internationaler Spannungen für eine rasche Aufrüstung des deutschen Heeres sorgen. Nach dem psychischen Zusammenbruch des Generalstabschefs Helmuth von Moltke nicht lang nach Kriegsbeginn übernahm er dessen Position und legte bald darauf das Ministeramt zurück.
1922 starb Falkenhayn in Potsdam. Er sollte die Hochzeit seiner Tochter Erika mit dem Offizier Henning von Tresckow nicht mehr erleben. Dieser war später Widerstandskämpfer und zählte 1944 zu den engsten Mitverschwörern von Claus Schenk Graf von Stauffenberg bei dessen Attentat auf Adolf Hitler.

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