Der israelische Regisseur Ran Chai Bar-zvi hat für sein erstes Einpersonenstück in der Dunkelkammer des Wiener Volkstheaters den idealen Darsteller gefunden: Andrej Agranovski erzählt den rund 50 Zuschauerinnen und Besuchern der Uraufführung von „FOMO – Liebeserklärung an die Angst unserer Zeit“ in 80 Minuten von unserer neuartigen Psychose, der Fear of missing out, der permanenten Furcht etwas zu verpassen.
FOMO, das Akronym dazu, hat Anfang der 2000er Jahre der Marketingstratege Patrick J. McGinnis erfunden, durchaus verbunden mit Profitinteressen. „Seither macht der Begriff Weltkarriere – aktuellen Umfragen zufolge empfinden 70 Prozent aller Menschen regelmäßig FOMO,“ macht uns Agranovski bewußt. „Das ist ein Phänomen, das wir fast alle kennen:Verpasse ich was? Ist das Leben der anderen, wie ich es ständig sehe, nicht viel aufregender, produktiver, schlichtweg besser als meines?“

Andrej Agranovski (siehe Kurzporträt: https://www.wina-magazin.at/in-wien-habe-ich-keine-angst-den-magen-david-zu-tragen/) steht als hipper junger Schauspieler mit Vokuhila-Frisur und in pinkem Funktionsleiberl am Bühnenrand im kleinsten Spielraum des Theaters und lauscht andächtig an der Mithöranlage, die das Geräusch des eintreffenden Publikums im parallel darunter liegenden Haupthaus überträgt. Dabei spricht er voller Neid über das viel aufregendere Stück mit berühmten Schauspielern, das gerade vor 800 Zuschauern unten abläuft – und er ist voller Neid etwas Aufregenderes zu verpassen. Wir erleben eine Gegenwartsanalyse mit ADHS-Diagnose.
Andrej, der Solist, ist umringt von sechs unterschiedlich großen Bildschirmen, über die ständig abwechselnd Sänger oder Sängerinnen huschen, singend, grölend. Das Gefühl von der Angst etwas zu verpassen, vermittelt er uns, indem er gleich mehrere attraktiven Rollen des Theaters gleichzeitig anspielt. Er sprintet witzig und selbstironisch durch das Stück, verweist auf sein gelebtes Judentum, ebenso wie die „heißen Typen, die man auf Grindr* kennenlernen kann. Unmittelbar wechselt er zu Zaubertricks, bindet das Publikum charmant in das Spiel ein und landet bei PowerPoint.
*Grindr ist eine Dating- und Kennenlern-App,
die vorwiegend von schwulen und bisexuellen Männern
sowie der Trans- und queeren Community genutzt wird.
Während Andrej Agranovski im Grindr-Teil aus dem Leben des Regisseurs und Autors, Ran Chai Ben-zvi, berichtet, dominiert und berührt er selbst am meisten mit einem Kapitel aus seinem jüdischen Leben. Er kommt mit einer scharfen Kurve zum Tod seiner geliebten Großmutter und der anschließenden Shiwah. In einem weißen Astronautenkostüm am Boden kauernd, erzählt er über sein Leid, nicht an Omas Sterbebett gewesen zu sein, weil er kurz vor einer Premiere am Volkstheater Hauptprobe hatte. „Ich konnte ihre kleine, zarte Hand nicht mehr halten. Das Begräbnis verfolgte ich dank meiner Cousine übers I-Phone,“ so der eingeknickte Enkel.

Ist FOMO ein neues, digitales Phänomen? wollten wir von Ben-zvi wissen: „Gefühle wie Neid oder Angst, die mit Entscheidungen einhergehen, sind nicht neu. Aber FOMO ist im Kontext von Social Media eine Zuspitzung , eine Art Turbo-Version von der Angst etwas zu verpassen,“ so der 1989 in Jerusalem geborene Ran Chai, der bisher am Münchner Volkstheater, sowie am Schauspiel Köln und Hannover und bei der Ruhrtriennale inszenierte und den Volkstheaterdirektor Jan Philipp Gloger erstmals an eine österreichische Bühne engagierte. „Durch Social Media sind wir uns ständig bewußt, wie das Leben von anderen gerade aussieht – auch von Menschen, die wir nicht einmal kennen und die in völlig anderen Lebenssituationen sind.“
Der israelische Bühnenbildner und Regisseur absolvierte die Jerusalem High School of Arts und studierte von 2012 bis 2019 an der Kunsthochschule Berlin Weißensee. Hat er einen Rat für die FOMO-Geschädigten? „Vielleicht sollten wir alle diese Dinge ein bisschen mehr ignorieren. Ich glaube, wir sind jetzt an so einem Wendepunkt in der Geschichte, wo wir wirklich lernen müssen, wie wir mit Technologien umgehen, denn wir beherrschen sie noch nicht.“ Wie war es, das erste Solo zu schreiben und zu inszenieren? „Ja, und das erste Mal in Wien! Es war sehr schön mit Andrej zu arbeiten, denn die menschliche Nähe ist doch eine Art Medizin gegen FOMO.“






















