Ein Stück Freiheit

Wenn Anfeindungen nicht mehr nur aus den bekannten Ecken, sondern von Menschen und aus Gruppen kommen, denen man sich in der Vergangenheit nahe und verbunden fühlte, stößt das erstmal vor den Kopf. Nach einer Phase des Verzagtseins eröffnet es aber auch Möglichkeiten: Sagen, was ist und wonach einem ist, ohne vorheriges Abwägen und Samthandschuhe. Auch das ist ein Stück Freiheit.

408

Antisemitismus: Ja, viel zu oft und viel zu intensiv ist in den vergangenen Jahren die Konfrontation mit diesem gesellschaftlichen Phänomen. Positiv zu vermerken: Erfreulich ist hier die nahezu zeitgleiche umfangreiche Auseinandersetzung der Forschung mit dem Erstarken des Judenhasses. In dieser WINA-Ausgabe finden Sie etwa einen Beitrag zum neuen Band des deutschen Politikwissenschafters Lars Rensmann. Titel: Politischer Antisemitismus im postfaktischen Zeitalter.

Was Rensmann wie viele seiner Kolleginnen und Kollegen, die aktuell zu Antisemitismus forschen, konstatiert: die Breite judenfeindlicher Haltungen quer durch verschiedenste Weltanschauungen und Milieus. Da verwundert es denn auch nicht, dass Juden und Jüdinnen in den vergangenen Jahren auch im Bekannten- und Freundeskreis, seitens Kollegen am Arbeitsplatz, aber auch in zivilgesellschaftlichen Organisationen, im Sportklub und in anderen Freizeitkontexten mit offen oder verklausuliert formuliertem Antisemitismus konfrontiert wurden. Der 7. Oktober 2023 hat hier Schleusen geöffnet, die sich nicht mehr schließen lassen.

Wie damit umgehen? Da gibt es die Möglichkeit des Rückzugs, des Leise-Werdens auf Social Media, des Beziehungsabbruchs. Da gibt es aber auch die Möglichkeit, ganz zu sich zu finden. Dieser Weg erscheint mir persönlich für die eigene Befindlichkeit und Psychohygiene der geeignete.

Hinschauen ohne Rücksichtnahme auf andere Diskurse. Es darf alles angesprochen werden, unter der Voraussetzung, dass es differenziert und faktenbasiert geschieht.

 

Was meine ich damit? Anprangern, was anzuprangern ist, dabei frei und direkt zu formulieren, ohne vorheriges Abwägen, womit man in Hinblick auf welche Gruppe, der man sich eigentlich verbunden fühlt, anecken könnte und es daher präventiv etwas abzufedern gilt. Zu erkennen, dass das, was man aus der Vergangenheit kennt, sich auch durch all die vielen Bemühungen zur Aufarbeitung der NS-Zeit nicht geändert hat, dass sich nämlich Antisemitismus in letzter Konsequenz gegen alle Juden und Jüdinnen richtet. Und zwar egal, wo sie politisch stehen, egal, ob und wie sie sich für zivilgesellschaftliche Projekte einsetzen oder eingesetzt haben, egal, ob sie selbst sich als Zionisten oder Antizionisten verstehen, egal, wie sie die Politik der israelischen Regierung bewerten. Am Ende wird das einzelne Individuum nur als Jude oder Jüdin gesehen, damit als Teil eines einheitlichen Kollektivs, auf das je nach Gruppe Verschiedenstes, vorrangig jedoch Negatives projiziert wird.

Das Sagen, was zu sagen ist, bedeutet aber auch: Hinschauen ohne Wenn und Aber. Hinschauen ohne Rücksichtnahme auf andere Diskurse. Es darf alles angesprochen werden, unter der Voraussetzung, dass es differenziert und faktenbasiert geschieht. Was ich hinter mir gelassen habe, ist es, Themen auszuweichen, die deshalb unangenehm sind, weil sie beispielsweise von der FPÖ dazu missbraucht werden, die Gesellschaft zu spalten.

Klingt zu theoretisch? Lassen Sie es mich greifbarer machen: Sich mit dem Thema Integration kritisch auseinanderzusetzen, bedeutet nicht automatisch, fremdenfeindlich zu sein. Ganz im Gegenteil: Wem Integration ein Anliegen ist, der sollte sich darum bemühen, alles dafür zu tun, dass Integration im Sinn der ganzen Gesellschaft gut gelingt. Dazu gehört aber, bestehende Probleme zu bewältigen. Gelöst werden kann jedoch nur das, was auch als Problem definiert wird. Einerseits. Andererseits ist es auch kontraproduktiv, Probleme immer nur – je nach Weltanschauung – auf einer Seite zu benennen. Es geht immer um das Ganze – und damit alle Involvierten.

HINTERLASSEN SIE EINE ANTWORT

Please enter your comment!
Please enter your name here