Eine Amerikanerin in Wien

„Scheiny“ – das ist nicht nur einer ihrer „echten“ Namen, sondern auch der von Deborah Gzesh gewählte Künstlername. Die Sängerin und Entertainerin mit jüdisch-amerikanischen Wurzeln lebt seit über 30 Jahren in Wien. Hier hat sie ihre Liebe gefunden – und ihre künstlerische Heimat. Angstfrei und mutig ist sie von Beginn an ihren beruflichen Weg gegangen. Der war nicht immer eben und hat so manche Abzweigungen und kleinere Sackgassen mit sich gebracht. Aber am Ende ist sie doch da, wo sie sich von klein auf erträumt hat: auf der Bühne, die ihr die Welt bedeutet.

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© Özgün Yarar

Sängerin, Schauspielerin, Entertainerin, Produzentin, Festivalerfinderin … das künstlerische Leben von Deborah „Scheiny“ Gzesh ist ein ebenso ereignisreiches wie überraschungsreiches, nicht immer leichtes, aber immer aufregendes. Und das seit weit mehr als drei unglaublichen Dekaden.

Einwanderungsgeschichte(n). Geboren und aufgewachsen ist die US-Amerikanerin in Chicago. Alle vier Großelternteile kamen aus dem jüdischen Osteuropa der Jahrhundertwende: die Großväter aus Polen, die Großmütter aus der Ukraine und Lettland. Ihr Großvater mütterlicherseits gehörte zu den Pionieren im Aufbau Palästinas, kehrte jedoch in seine Heimat zurück, als seine Mutter im Sterben lag – und wanderte, nachdem der leidenschaftliche
Zionist nicht mehr nach Palästina zurückkonnte, illegal in die USA aus, wo er auf wilden Wegen über Texas schließlich in Chicago landete.
Ein Großteil der Familie väterlicherseits kam in der Schoah um, obwohl sich der aus einer traditionsreichen Bäckerfamilie stammende Großvater mit allen Mitteln bemühte, für seine Verwandten Affidavits zu bekommen – es war mit ein Grund, warum er sich auch nach Kriegsende unermüdlich darum bemühte, dass die überlebenden Familienmitglieder nach Amerika kommen konnten und möglichst nahe im Familienverband blieben. Deborah sollte ihn jedoch nicht mehr kennenlernen.

»Ich werde nie vergessen, wie mein Vater mich am Flughafen damals verabschiedet hat. Ich habe noch gesagt, I’ll be back, Daddy – doch er hat nur ungläubig und ein wenig wehmütig genickt – und er hat Recht behalten.«
Deborah Gzesh

Die ersten Schritte im Community Center. Bereits als Kind führt das Leben der freiheitsliebenden und neugierigen Deborah auf die Bretter, die die Welt bedeuten – sie besucht in der Nähe ihres Hauses das dortige Jewish Community Center. „Und da hab’ ich eigentlich schon mit sieben, oder vielleicht war ich sogar noch jünger, begonnen, Theater zu spielen.“
Ein Großteil der Lehrenden sind Schauspieler*innen, die in der McCarthy-Ära aufgrund ihrer kommunistischen politischen Haltung verfolgt wurden und ihre Bühnenkarriere aufgeben mussten. Es ist eine in vielfacher Hinsicht prägende Zeit für die Jüngste von vier Kindern, die ihren eigenen Weg finden muss, um gehört zu werden.
Nach der Schulzeit, in der sie die meiste Zeit mit Improvisationstraining im Second City Training Center der Stadt verbringt, folgt der nächste große Schritt: Mit einem Stipendium, das sie, verrät sie schmunzelnd im WINA-Gespräch, dank eines Essays über Golda Meir gewonnen hat, geht Deborah im Alter von siebzehn Jahren für ein Jahr nach Israel, wo sie in einem Kibbuz lebt und arbeitet, die Sprache lernt. Von dort geht es für die angehende Schauspielerin und Sängerin aus Leidenschaft direkt nach New York, wo sie an der New York University Theater und Tanz zu studieren beginnt. Es sind wilde und herausfordernde Jahre, diese späten, rauen Siebziger, in denen Deborah neben dem charismatischen Gründer des Lee Strasberg Institute auch eine Reihe weiterer großer Vorbilder der Zeit kennen lernen kann und da und dort so manchen ziemlich männlichen Theaterdonner erlebt, der sie so gar nicht mit den gängigen Rollenklischees im Reinen lässt. Und so bricht mit Anfang zwanzig für die Jungdarstellerin eine Phase der Krisen und Selbstzweifel an, ehe sie ihre Ausbildung dann doch am New Yorker Hunter College abschließt. Es soll eben sein. Trotz allem.
Auch danach geht das beruflich wie privat wilde, unstete Leben weiter. Deborah spielt, zurück in Chicago, vor allem in Improvisationsensembles. Und sie geht in dieser Phase, zum ersten Mal und noch lange nicht aus Liebe, nach Wien. In der kommenden Zeit kehrt sie immer wieder nach Europa und Österreich zurück, besucht Wien weitere Male. Sie ist Mitte zwanzig und der künstlerische Weg noch ein freies Feld der Träume und Visionen. Sie taucht Mitte der 1980er-Jahre intensiv in erste musikalische Sessions der freien Wiener Musikszene ein, lernt Gruppen und Musiker*innen kennen, die sie interessieren – und die sich für sie interessieren. Und pendelt für einige Zeit zwischen Wien und Chicago, wo sie ein Masterstudium in Kulturmanagement beginnt, ehe sie im Sommer 1989 von einem geplanten „Kurztrip“ nicht mehr zurückkehrt.
„Ich werde nie vergessen, wie mein Vater mich am Flughafen damals verabschiedet hat. Ich habe noch gesagt, I’ll be back, Daddy – doch er hat nur ungläubig und ein wenig wehmütig genickt – und er hat Recht behalten.“ In Wien bleibt Deborah der Liebe wegen.

Vom Ensemblemitglied zur Festivalgründerin. Wieder hat die Schauspielerin Glück. Sie hört vom international besetzten Serapionstheater, stellt sich vor – und ist von da an weit über eine Dekade lang Teil des Ensembles, mit dessen Mitgliedern, darunter Kari Rakkola oder Emel Heinreich, sie bis heute privat, aber auch beruflich verbunden geblieben ist. Es sind wieder intensive Jahre mit einer Reihe von Tourneen, in denen sie daneben heiratet, zwei Kinder bekommt, aber auch den Sohn ihres Mannes teilweise mit aufzieht.
Irgendwann ist es dann zu viel, und Deborah Gzesh denkt an die Worte ihres Vaters, „du musst auf deine Kinder schauen“, und verlässt das Ensemble schweren Herzens, um sich vermehrt auf ihre Familie konzentrieren zu können,
Doch so ganz ohne Kunst geht es eben nicht in ihrem Leben, und so beginnt sie erneut mit dem Kulturmanagementstudium, dieses Mal in Salzburg, das sie erfolgreich abschließt und gleich ein Festival erfindet: das Tschick Tschak Festival für zeitgemäße jüdische Kunst und Kultur. Es ist dasselbe Jahr, in dem auch Friedl Preisl sein KlezMORE Festival aus der Taufe hebt, und die beiden bis heute freundschaftlich verbundenen Kolleg*innen sprechen viel darüber, was sie mit ihren Konzepten für ein aktives und lebendiges jüdisches Kulturleben in Wien umsetzen und erreichen wollen.
Deborah Gzeshs Weg liegt damals nicht primär in der Musik, sie will mit ihrem Projekt eine ganze Palette an Künsten verbinden – doch sie muss auch Geld verdienen, und so kann sie Tschick Tschak nicht lange halten. Sie nimmt eine Einladung Frederic Lions an und wird für einige Jahre Projektmanagerin des Theaters Nestroyhof Hamakom, darunter für eigene Projekte, aber auch sehr intensiv im Dienste des neu eröffneten Hauses an der Praterstraße, das binnen weniger Jahre zu einem Fixpunkt der freien Wiener Theaterlandschaft werden wird. Auch daran hat Deborah Gzesh wesentlich Anteil. Doch auch diese Station ist noch nicht ganz die ideale. Das Singen geht ihr ab, die Kinder sind nun auch schon aus dem „Gröbsten“ heraus, und die Sehnsucht, wieder selbst auf der Bühne zu stehen, wird immer stärker.
So ist es der richtige Schritt zum richtigen Zeitpunkt, als sie die Musikerin Martina Cizek fragt, ob sie im Rahmen einer Ausstellungsfinissage in Maria Enzersdorf der singende Teil einer kleinen, spontanen Formation sein will, um dort jiddische Lieder zu präsentieren. Deborah will!
Es ist 2013, der Auftritt wird ein großer Erfolg – und nun ist es wieder Gzesh selbst, die die nächsten Schritte mit ihrem ganzen Erfahrungsschatz aktiv zu setzen beginnt: von der Gründung ihrer eigenen neuen Künstlerinnenidentität „Scheiny“ über die Auswahl der Lieder, die Besetzung ihrer Band bis hin zur Organisation der Aufritte und einer 2019 erschienen CD, die den wunderbaren Titel Geshray fun der Vilde Kachke
trägt. „Einige Lieder singe ich auf Jiddisch, andere auf Englisch und auf Jinglish – diese wunderbare Mischung zwischen den Sprachen. Das ist etwas, das gerade für die erste Generation der nach der Emigration geborenen Jüdinnen und Juden typisch ist: dieses zwischen den Dingen stehen und den Traditionen, aber auch, das neue Leben wertzuschätzen und alles wild miteinander zu verbinden.“
„Scheiny“ gibt ihr die Freiheit, neben ihrem sängerischen Können auch ihre schauspielerischen Fähigkeiten einzusetzen. Spielerisch-verspielt, humorvoll und ohne Scheu vor eben diesen „vilden“ Kombinationen in jeglicher Hinsicht.
Gefragt nach dem Namen ihres bezaubernden künstlerischen Alter Egos, verrät Deborah „Scheiny“ Gzesh, dass es ihr eigentlich zweiter Name ist, Jean – und der Name vieler ihrer weiblichen Verwandten, seit Generationen. „Das bin ich“, sagt sie selbstbewusst, auch wenn der Name ebenfalls zwischen den Sprachen steht, ein bisschen Französisch, wo er so viel wie „schön“ bedeutet, ein bisschen auch vom hebräischen Jechonan erzählt – und damit vom g-ttlichen Geschenk der Geburt und des durch das Leben begnadet Seins.
Ein Geschenk sind diese letzten, selbstbestimmten Jahre auf jeden Fall, trotz aller Schicksalsschläge: internationale Tourneen, unter anderem nach Deutschland, Tschechien, in die Schweiz und nach Israel, auch wenn das mit ihrer international besetzten „Kombo“ nicht ganz einfach war und ist. In Wien Einladungen, im Tacheles zu spielen – und im Rahmen des KlezMORE Festivals, für das auch dieses Jahr ein Auftritt mit ihrer „All Star Yiddish Revue“ geplant gewesen war.
Gerne würde sie in ihrer Lebensstadt auch noch mehr auftreten, hätte Ideen für neue Programme und hofft, dass auch die kommenden Jahre wieder so viel Überraschendes und Unerwartetes bringen wie das letzte kurze halbe Jahrhundert.

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