Eine heilende Insel des Friedens

Das Hadassah-Krankenhaus in Jerusalem ist viel mehr als ein Spital.

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Mit atemberaubender Aussicht auf die judäischen Hügel.© Konard Holzer

Ein blasser junger Araber im Rollstuhl schaut unverwandt aus dem Panoramafenster und unterhält sich dabei im gedämpften Ton mit seiner in einen Hidschab gehüllten Frau. Nur wenige Meter vom Paar entfernt sitzt ein orthodoxer Jude mit seiner Infusion unter einer großen Pflanze und murmelt leise in sein Gebetbuch. Es ist ruhig und sehr grün im so genannten Healing Garden im Davidson-Tower des Hadassah-Krankenhauses. Unter dichtem Grün mit atemberaubender Aussicht auf die judäischen Hügel hat man fast den Eindruck, im Freien zu sein.

„Nehmt euch da oben den Hügel von En Kerem, da habt ihr Platz, euch auszudehnen“, hat der Visionär David Ben- Gurion den Frauen von Hadassah geraten, als eine Übersiedlung des Spitals vom Berg Scopus notwendig wurde, nachdem 1948 bei einem arabischen Terrorüberfall auf einen Versorgungskonvoi 77 Ärzte und Krankenschwestern getötet worden waren. Erst nach langer Bauzeit, es gab keinerlei Infrastruktur, wurde 1962 das Haupthaus im Westen der Stadt eröffnet und nach dem Sechstagekrieg auch das Spital am Berg Scopus in Ostjerusalem wieder in Betrieb genommen.

Die Krankenschwestern Rachel Landy and Rose Kaplan mit einem Gründungsmitglied vor dem neuen Hadassah-Spital, 1913.

Heilen und Lehren. Mit dem Pioniergeist der amerikanischen Jüdin Henrietta Szold begann 1912 die Geschichte dieses einzigartigen Krankenhauses. Wenn man mehr darüber wissen möchte, darf man sich getrost der kundigen Führung der gebürtigen Schweizerin Nicole Surkes anvertrauen. Entlang von Tafeln mit alten Fotos erzählt sie höchst lebendig von den Anfängen der zionistischen Frauenbewegung „Hadassah“, die das Spital nicht nur gründete, sondern bis heute dafür verantwortlich ist.
„Hadassah ist ein Zwitter, ein privates Krankenhaus, das sich durch Spenden erhält, aber wie ein öffentliches Spital geführt wird. Von Anfang an war es auch eine Universitätsklinik und wurde daher nahe der Universität auf dem Mount Scopus gebaut, übrigens im reinen Bauhaus-Stil. Heilen, Lehren und Forschung sind, wie es auf dieser Tafel steht, seine Grundpfeiler, und es war immer schon ein Spital für alle Menschen der Stadt. Hier sieht man dieselbe Mischung der Bevölkerung, die Sie auch in Jerusalem sehen, das heißt, der Satz ‚Hadassah ist für alle da‘ wird hier tagtäglich gelebt“, erklärt Surkes und führt weiter in das Kinderspital. Weil auf größtmögliche Angstfreiheit der kleinen Patienten geachtet wird, darf kein Kind ohne Begleitung eines ihm vertrauten Erwachsenen, d. h. meist eines Eltern- oder Großelternteils aufgenommen werden. Ein Kindergarten und eine Schule mit Unterricht in Arabisch und Hebräisch sind vorhanden, ältere Kinder lernen über Computer in ihren Krankenzimmern, damit keine allzu großen Lücken im Schulfortgang entstehen.

„Nehmt euch da oben den Hügel von En Kerem, da habt ihr Platz, euch auszudehnen.“
David Ben-Gurion

Dass man sich nicht nur auf einer friedlichen Insel befindet, darauf verweist Nicole in der Notaufnahme. Nach der Intifada mit deren vielen Terroropfern wurde ein neuer Trakt notwendig, der gleichzeitig auch der große Schutzraum des Krankenhauses ist. „Hier könnte man zwei Wochen lang überleben, für Wasser und Nahrung ist gesorgt.“ Eine
Wandtafel erklärt die chemischen Waffen und ihre Auswirkungen: „Sie sind unsere größte Angst!“

Davidson-Tower. Mit 19 Stockwerken überragt der Davidson-Tower als Landmark alle älteren Gebäude. Auf fast symbolische Weise verdankt auch er sich der Gründerin, erzählt Surkes. „Der Amerikaner William Davidson fand im Nachlass seiner Mutter einen an sie gerichteten Brief von Henrietta Szold und begann sich daraufhin für Hadassah zu interessieren. Schließlich war er so begeistert von der Idee, dass er einen unglaublich hohen Betrag spendete, womit ein Großteil des neuen Spitalturms gebaut wurde.“

Mit 19 Stockwerken überragt der Davidson-Tower als Landmark alle älteren Gebäude. © Konard Holzer

Verblüffend geräumig sind hier die vom Tageslicht erhellten Krankenzimmer für jeweils höchstens zwei Patienten. Alle haben zusätzlich ein Schlafsofa für Besucher, denn Familienkontakt wird als therapeutisch förderlich sogar gewünscht. Und den ganzen „Fünf-Stern-Komfort“ gibt es für israelische Patienten auf Kasse. Der exzellente medizinische Ruf des Krankenhauses begünstigt aber zusätzlich einen „medical tourism“. „Die Privatpatienten kommen aus der ganzen Welt, aber vorwiegend aus Ländern, mit denen wir keine diplomatischen Beziehungen haben“, drückt sich die Schweizerin diplomatisch aus.

Ein kleines Hotel ist für anreisende Gäste oder für Menschen, die über Schabbat herkommen, vorhanden; hier können aber auch Wöchnerinnen, die es wünschen, nach der Entlassung mit ihren Neugeborenen noch in der sicheren Nähe der Klinik und unter Betreuung einer Krankenschwester bleiben.

„Hier sieht man dieselbe Mischung der Bevölkerung, die Sie auch in Jerusalem sehen, das heißt, der Satz ‚Hadassah ist für alle da‘ wird hier tagtäglich gelebt.“
Nicole Surkes

Verblüffend ist die zweistöckige Shoppingmall mit Lokalen und Geschäften aller Art. Patienten und Familien sitzen beisammen, spazieren vor den Auslagen und leben ein bisschen normalen Alltag ohne Spitalsatmosphäre. Es duftet nach frischem Gebäck und verführerischen Imbissen. Auch Angestellte versorgen sich hier, denn En Kerem ist trotz guter Anbindung weit weg von der City. 35 Prozent der Beschäftigten – vom Oberarzt bis zum Reinigungspersonal – sind hier arabisch, während es am Mount Scopus 60 Prozent sind, weil dort die umliegenden Dörfer arabisch sind.

Chagall-Fenster. Die berühmte Syna-goge am Gelände, für die Marc Chagall zwölf Glasfenster entwarf, jedes einzelne einem der zwölf Stämme gewidmet, wurde 1962 zum 50. Gründungsjubiläum eröffnet. Gebrochen durch Chagalls Farbenrausch fällt warmes Licht in den intimen Innenraum, in dem mehrmals täglich gebetet wird, obwohl es auch im neuen Tower eine Synagoge gibt. Im Sechstagekrieg wurden vier Fenster durch Einschüsse beschädigt und noch von Chagall selbst res­tauriert.

Für die berühmte Synagoge am Gelände entwarf Marc Chagall zwölf Glasfenster. © Konard Holzer

Andächtig staunend lassen sich Touristen aus aller Welt die biblischen Symbole und Zitate erklären, kommen doch die meisten gerade wegen dieses Highlights nach En Kerem und nehmen das Krankenhaus quasi mit. „Die deutschen Touren haben seit 50 Jahren Hadassah immer in ihrem Programm, Österreicher kommen sehr selten“, stellt Surkes aus langjähriger Erfahrung fest. Bis zu fünf deutschsprachige Führungen (15 Schekel für eine halbstündige Tour) werden täglich angeboten. Etwa eine Stunde dauert die große Tour, und so viel Zeit sollte man sich für dieses faszinierende Klinikum beim nächsten Israel-Besuch auf jeden Fall nehmen.

Nicole Surkes mit WINA Reporterin Anita Pollak in den Gängen des Hadassah-Krankenhauses. © Konard Holzer

Info:
israelvisits@hadassah.org

 

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