Eine helfende Hand

Seit Ende 2015 sammelt Shiran Nanikashvili bei Gemeindemitgliedern Spenden, mit denen die Not anderer Gemeindemitglieder etwas gemildert werden kann. Die Arbeit als Fundraiserin stiftet Sinn, meint sie. Leicht ist es aber nicht, Menschen zum Spenden zu bewegen.

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Shiran Nanikashvili, geb. 1987 in Ashkelon, die Eltern hatten als Erwachsene von Georgien aus Aliyah gemacht. Im Alter von drei Jahren Emigration mit der Familie nach Österreich. Aufgewachsen in Wien, Matura an der ZPC-Schule. Beginn eines Architektur-Studiums, jedoch baldiger Wechsel in die Arbeitswelt. Nach verschiedenen Jobs in Architektur-Büros und im kaufmännischen Bereich Ausbildung zur Fundraiserin am Wifi. Seit Dezember 2015 im Fundraising der IKG tätig. © Daniel Shaked

Die Erinnerung an ihre ersten Jahre in Israel sind stark verblasst. Shiran Nanikashvili war erst drei Jahre alt, als ihre Eltern beschlossen, mit den zwei Kindern – Shiran und ihrem älteren Bruder – nochmals zu emigrieren. Sie hatten, da waren sie bereits verheiratet, Aliyah gemacht, waren aus ihrer Heimat Georgien nach Israel gezogen. Doch es war nicht so einfach, wirtschaftlich Fuß zu fassen, erzählt die Tochter heute. So fiel die Entscheidung, nochmals auszuwandern – diesmal nach Österreich. Auch die Eltern und Geschwister der Mutter gingen nach Wien. Die Familie des Vaters – er hat zehn Geschwister – blieb in Israel. Shiran Nanikashvili sieht sich zwar als Wienerin – ist aber auch in Israel zu Hause, wo sie oft hinreist. Wenn sich dort die engere Familie trifft, sind das um die 100 Personen.
Im Familienleben in Wien spielen die beiden alten Heimaten Georgien und Israel bis heute eine wichtige Rolle. Denn im Alltag sprechen die Nanikashvilis Iwrit, teils auch Georgisch, allerdings nicht mehr so oft als in der Zeit, als ihre Großeltern noch lebten, bedauert die Enkelin. Es tut ihr auch leid, dass sie zwar fließend Georgisch spricht, die Schriftsprache aber nicht erlernt hat. Beide Sprachen, aber auch ihre Russisch-Kenntnisse kommen ihr jedenfalls bei ihrer Tätigkeit als Fundraiserin der Kultusgemeinde zu Gute. Seit Ende 2015 sammelt sie Spenden innerhalb der jüdischen Community.
Wir treffen einander in einem Café am Fleischmarkt. Das Hinterzimmer wirkt ein bisschen wie eine Puppenstube. Shiran Nanikashvili erzählt, das Kaffeehaus ist für sie wie ein zweites Wohnzimmer. Hier trifft sie sich oft mit Menschen aus der jüdischen Community, hier sucht sie das Gespräch und erklärt, warum auch Spenden in kleiner Höhe viel bewirken können und dass jeder Dauerauftrag Leid lindert und seien es monatlich auch nur fünf Euro, die überwiesen werden – aber eben regelmäßig. „Jeder kann einen Beitrag leisten“, lautet dabei ihr Credo.

»Wenn jemand in eine Notlage gerät, ist es wirklich schmerzvoll. So etwas kann jedem von uns passieren. Und dann sind auch wir froh, wenn da jemand ist, der hilft.«
Shiran Nanikashvili

Was sie am besten im Gespräch in gemütlicher Atmosphäre erklären und erzählen kann: „Es gibt auch in unserer Gemeinde Menschen, die armutsgefährdet sind oder schon in Armut leben. Es gibt Menschen, die zu wenig Geld haben, um ihren Kühlschrank zu füllen und Leute, die sich die Miete nicht mehr leisten können. Viele dieser persönlichen Katastrophen wurden durch Schicksalsschläge ausgelöst.“ Erst wenn sie – anonymisiert – von konkreten Problemlagen erzähle, würden viele begreifen, wie dringend es ist, hier zu helfen. Und dann schaffe sie es auch, den einen oder anderen dazu zu bewegen, hier regelmäßig, eben mittels Dauerauftrag, zu spenden.
Viele dieser Geschichten haben auch ihr gezeigt, „wie dankbar ich darüber bin, was ich habe. Dass es mir gut geht.“ Im Alltag beschweren sich viele rasch über das eine oder andere. „Aber es gibt Menschen, denen es viel schlechter geht und die bedürftig sind. Wir jammern auf einem hohen Niveau. Wenn jemand in eine Notlage gerät, ist es wirklich schmerzvoll. Es sind teilweise Menschen in meinem Alter, junge Familien, die Kinder haben, die erkranken. Mir zeigt das auch immer wieder: So etwas kann jedem von uns passieren. Und dann sind auch wir froh, wenn da jemand ist, der hilft.“
Shiran Nanikashvili ist eine Frohnatur, sie strahlt, wenn sie erzählt, sie lacht oft und verbreitet gute Laune. Gerne hätte sie selbst einmal Kinder, derzeit ist sie aber vor allem Tante der drei Kinder ihres Bruders und auch das halte sie auf Trab. Oft trifft sie sich mit ihren Freundinnen, immer findet sie Zeit für Sport – Yoga, Laufen, Gym – den sie brauche, um abschalten und sich auszupowern. Aber auch Spiritualität wurde ihr in den vergangenen Jahren immer wichtiger.
Nach der Matura an der Zwi Perez Chajes-Schule begann sie zunächst Architektur zu studieren. „Eigentlich habe ich mich vor allem für Innenarchitektur interessiert.“ Auf einen Studienplatz in diesem Fach in St. Pölten hätte sie aber ein Jahr warten müssen. So schrieb sie sich an der Technischen Universität (TU) Wien ein. Die ersten Jobs führten sie in Architekturbüros, dort habe sie CAD-gezeichnet und Planungen gemacht. Dabei habe sie aber auch gesehen, dass es sehr schwer ist, in dieser Branche Fuß zu fassen.
In der Wirtschaft sehe das ganz anders aus. Einige Jahre arbeitete sie in verschiedenen Büros, zuletzt war sie im Vertrieb tätig. Dort musste aber, wenn nötig, auch freitags bis in den Abend hinein gearbeitet werden und an Samstagen gab es immer wieder Schulungen.

Spirituell. Seit sie in der IKG arbeite, können sie Schabbes halten. „Und ich muss sagen – dank der IKG fühle ich mich nun näher zur Religion.“ Nun könne sie freitags am Nachmittag nach Hause gehen, sei bei den Schabbesvorbereitungen dabei. „Bei uns in der Familie wird an jedem Freitag und Samstag zusammen gefeiert.“ Nun könne sie bei jedem Schabbesessen dabei sein.
Wichtig ist ihr aber auch, den Schabbat zu nutzen, um sich Zeit für sich zu nehmen. „Das hat mich spiritueller gemacht.“ Zu Schabbeseingang dreht sie alle elektronischen Geräte ab und ist bis Samstag Abend nicht erreichbar. Das heiße aber nicht, dass sie nicht ihre Freundinnen treffe. „Aber dann macht man es eben so wie früher, dass man sich schon ein paar Tage vorher einen Ort und eine Uhrzeit ausmacht und sich trifft.“ Die Geräte am Schabbes abzuschalten, helfe ihr, „meine innere Ruhe zu finden“.
So findet sie auch die Kraft, in der Woche darauf, wieder voller Elan auf Menschen zuzugehen und sie um Hilfe für andere zu bitten. Ja, manchmal sei das das Bohren dicker Bretter, nicht zuletzt, weil sich auch andere jüdische Organisationen in der Gemeinde um Spenden bemühen. „Am Ende fischen wir alle im selben Teich.“ Aber sie sei von klein auf von ihren Eltern dazu ermuntert worden, eine helfende Hand zu sein. Und das mache sie auch gerne. Oft zitiere sie dann Anne Frank, die gesagt haben soll, dass niemand vom Geben arm geworden sei.
In Wien lebt Shiran Nanikashvili gerne. Sie fühlt sich als Österreicherin, als Wienerin.
„Erst, wenn mich Leute näher kennen, erzähle ich von meinen georgischen Wurzeln – obwohl mein Name ja ein offenes Buch ist. Dass die Silbe –shvili georgisch ist, wissen viele.“ Mit Shiran hätten manche dagegen ein Problem. „Ich werde oft mit Herr angeschrieben, weil viele den Namen als männlich identifizieren.“
Wien ist ihre Heimat, sagt Shiran Nanikashvili. Hier fühle sie sich wohl und hier wollte sie nach der Matura auch nicht weg, um woanders zu studieren. „Ich liebe Wien und es hat so viel zu bieten.“ Inzwischen ist es für sie aber auch nicht unvorstellbar, eines Tages anderswo hinzuziehen. „Heute würde ich sagen, man weiß nie, wohin das Leben einen führt.“

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