Eine musikalische Mission

Die Geigerin Orsolya Korcsolán bringt Kompositionen vergessener jüdischer Komponisten zum Erklingen. Gergely Sugar, Hornist bei den Wiener Symphonikern, dirigiert für sein Leben gern.

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Lebensmitte. 2008 kehrte das erfolgreiche Paar nach sechs Jahren in Asien nach Wien zurück. © Reinhard Engel

Reicht es, wenn wir uns in ein paar Tagen aus Wien melden?”, fragt Gergely Sugar, der gerade in Lugano mit den Wiener Symphonikern unter ihrem Chefdirigenten Philippe Jordan auf Tournee ist. Als Hornist und Orchestermitglied hat er gerade Konzerte in Paris, Basel, Genf und Zürich absolviert. Es fehlt noch Köln. „Meine Frau ist auch unterwegs”, fügt Sugar entschuldigend hinzu. Die Violinkünstlerin Orsolya Korcsolán nimmt gerade am Jüdischen Festival in Beregszász in der westlichen Ukraine teil. Nahe der ungarischen Grenze, in einer ehemals jüdischen kulturellen Hochburg, die bis 1919 ungarisch war, dann bis 1938 Teil der Tschechoslowakei wurde, um während der Schoah wieder Ungarn zugeschlagen zu werden, veranstaltet der Verband jüdischer Gemeinden Ungarns Mazsihisz bereits zum zweiten Mal ein Festival. Während das Ehepaar beruflich auf Reisen ist, gewinnt ihr 12-jähriger Sohn Natan die Goldmedaille bei den Wiener Meisterschaften der Jugend im C-Florett-Fechten.

Ein bewegtes Leben? Nichts Ungewöhnliches für dieses musikalisch erfolgreiche Duo. Kennen und lieben gelernt haben sie einander bereits im Gymnasium in Budapest, aber da waren schon beide mit der Musik „infiziert”.

„Mit fünf Jahren hat mich meine Mutter im Wohnzimmer erwischt, als ich vor dem Fernseher ein Konzert zum 100. Geburtstag von Béla Bartók dirigiert habe”, lacht der 42-Jährige. Obwohl seine Mutter sechzehn Jahre Klavier spielte, stand im Haus eines Chirurgen eine mögliche Musikerlaufbahn des Sohnes nicht im Fokus. Dennoch erwählte sich Gergely schon mit sechs Jahren die Tuba und begann dann mit neun Jahren Klavier zu spielen. Großes Talent und bestes Gehör wurden ihm von den Pädagogen bescheinigt, und so landete er doch bei einem Blasinstrument: Er wählte das Horn, aber seine Leidenschaft für das Dirigieren blieb gleich stark. Sugar studierte an der Budapester Franz-Liszt-Musikakademie, und mit 21 Jahren avancierte er zu einem der jüngsten Mitglieder des Budapester Festivalorchesters unter der Leitung von Iván Fischer. Der berühmte Maestro war es auch, der Sugar ermutigte, unbedingt das Studium im Fach Dirigat fortzusetzen. „Das habe ich auch gemacht: In St. Petersburg studierte ich beim legendären Finnen Jorma Panula und später beim niederländischen Orchestergründer Kees Bagels sowie beim Cousin von José Carreras, dem Dirigenten David Gimenez Carreras.”

Vieles lief parallel in der musikalischen Karriere Sugars: Nach einem erfolgreich absolvierten Horn-Probespiel wurde er mit 23 Jahren festes Mitglied der Wiener Symphoniker. Doch nach zwei Jahren, als Orsolya Korcsolán ihre Ausbildung an der renommierten Juilliard School in New York mit dem Master im Violinfach abgeschlossen hatte, erhielt das Künstlerpaar ein unwiderstehliches Angebot. „Als wir uns den Vertragsentwurf aus Malaysia angesehen haben, war uns klar, dass wir diese Chance ergreifen müssen”, erzählt der Hornist. Vorerst ging es um Auftritte mit dem Philharmonic Orchestra von Kuala Lumpur, aber aus dem Gastspiel von 2003 wurden sechs erlebnisreiche Jahre. „Wir haben eine Konzertreihe nach dem Vorbild von Leonard Bernstein gemacht, also Jugendlichen die Musikstücke während des Konzerts erklärt.” Gleichzeitig gründeten Gergely und Orsolya ein Kammerorchester, die Malaysian Philharmonic Chamber Players. Die begeisterte Geigerin, die bereits mit zwölf Jahren an der Franz-Liszt-Musikakademie als „außergewöhnliches Talent” aufgenommen wurde, kaufte noch im Fernen Osten viele kleine Violinen, denn sie hatte einen Traum.

„Eines Morgens wachte Orsolya auf und sagte: ‚Jetzt gehen wir nach Wien zurück!‘ So geschah es auch, und zu meinem großen Glück war die Stelle des zweiten Horns bei den Wiener Symphonikern wieder frei. Nach einem erneuten Probespiel habe ich 2008 den fixen Posten bekommen.” So begann auch Korcsolán ihren Traum zu realisieren: „Die kleinen Instrumente hatte ich seit vielen Jahren für eine eigene Musikschule gesammelt. Seit vier Jahren gibt es sie nun im Wiener Palais Palffy”, strahlt das Wunderkind von einst. Über 40 Schülerinnen und Schüler betreut sie mit zwei Klavierlehrern und zwei Gitarreinstruktoren.

Verschollenes entdecken. Während der Praktiker Sugar an der Grazer Musikuniversität unterrichtet sowie seine Dirigate mit diversen Orchestern und seine Soloauftritte in Blechbläserensembles bestreitet, widmet sich seine Frau neben ihren internationalen Konzertverpflichtungen einer besonderen musikalischen Mission: Korcsolán forscht mit großer Leidenschaft nach Komponisten und deren Werken, die durch die Schoah zum Schweigen gebracht wurden und daher großteils in Vergessenheit geraten sind. So verewigte sie auf der ersten CD Mosaik Kompositionen von Abraham Goldfaden, Julius Chajes und Lazar Saminsky. Ferner verhalf sie den Werken für Violine und Klavier von Erich Korngold sowie Carl und Rubin Goldmark unter dem Titel KornGOLDmark zu Welturaufführungen.

»Eines Morgens wachte Orsolya auf und sagte:
‚Jetzt gehen wir nach Wien zurück!‘«
Gergely Sugar

Den bisherigen Höhepunkt bei den Recherchen nach verschollenen jüdischen Musikern erreichte Orsolya Korcsolán durch die Anregung ihres Entdeckers und persönlichen Mentors, des weltberühmten Dirigenten Georg Solti (1912–1997). Bereits mit 16 Jahren hatte sie Sir Solti im Rahmen des Schleswig-Holstein Musik Festivals 1993 kennengelernt. „Dort spielte ich das G-Moll-Violinkonzert von Wolfgang Amadeus Mozart. Sir Solti hat mich daraufhin eingeladen, in seinem New Yorker Carnegie Hall Orchestra zu spielen.” Der Landsmann aus Budapest riet Korcsolán nicht nur, auf die angesehene Juilliard School of Music zu gehen, sondern erzählte ihr auch vom tragischen Verlust seines Jugendfreundes, des hochbegabten Komponisten Sándor Kuti: 1908 in Budapest geboren, 1945 in einem deutschen KZ ermordet. Solti und Kuti hatten gemeinsam bei Ernö Dohnány an der Liszt-Akademie studiert und 1934 dort ihr Abschlusskonzert gegeben.

„Das Schicksal Kutis hat mich sehr berührt und ich suchte nach seinen Kompositionen. Durch einen glücklichen Zufall konnte ich seine Tochter Éva ausfindig machen.” Diese fasste Vertrauen zur Geigerin und zeigte ihr eine Kartonschachtel, die mit Kutis handschriftlichen Partituren vollgestopft war.

Die bei der renommierten Deutschen Grammophon vor Kurzem erschienene CD mit dem bezeichnenden Titel Silenced beinhaltet den Großteil dieser kammermusikalischen Werke für Streichinstrumente. „Das Stück, das mich am meisten beeindruckt hat, ist die Sonate für Solovioline. Diese komponierte Kuti 1944 im Zwangsarbeitslager auf einem zerknitterten, selbstlinierten Papier.” Um die seiner Frau Amy gewidmete Komposition sicher aus dem Lager zu schmuggeln, vertraute sie Kuti seinem KZ-Wächter an. Dieser überbrachte den gefalteten Zettel erst Monate nach dem Krieg. „Er fand die Witwe mit ihrem Baby vor. Kuti hat weder seine Tochter je gesehen, noch die Uraufführung seiner Sonate erlebt”, ergänzt Korcsolán, der dieser unschätzbare Fund und dessen Wiedergabe zu danken ist. 

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