Das Frühjahr 2026 zeigt sich – jedenfalls botanisch – von seiner besten Seite: Die Blütenpracht allseits macht jedes Jahr aufs Neue Freude. Der Blick in Nachrichtenformate, Zeitungsforen und Social Media macht weniger froh. Gab es bis zur Freilassung der letzten noch festgehaltenen Geiseln in Gaza im Vorjahr noch jene, die sich trotz aller Unkenrufe an die Seite Israels stellten und gegen Antisemitismus eintraten, wird es diesbezüglich immer stiller.
Ich spüre, für mich ist eine neue Phase angebrochen: Sie fühlt sich ein bisschen wie Resignation an, aber auch wie das Absetzen der letzten verfügbaren rosaroten Brille, die einem versucht zu helfen, sich in Optimismus zu üben. Optimismus ist nicht mehr.
Versuche, auf Social Media völlig entgleitende Narrative etwas zurechtzurücken, sind vergebene Liebesmüh. Wie ist das wirklich mit dem Iran? Wer startete wann welche Aggressionen? Wie viele Raketen muss ein Land reaktionslos über sich ergehen lassen? Wie ist die Verbindung der Hisbollah zum Iran?
Was mich allerdings wirklich zunehmend ratlos hinterlässt, ist das In-Frage-Stellen von Berichten und Statistiken zu Antisemitismus, das hier und dort aufpoppt. Da kam mir zum Beispiel die Ankündigung einer Neuerscheinung im Mandelbaum Verlag unter. Der deutsche Historiker und Politikwissenschafter Gerhard Hanloser bringt dort ein Buch mit dem Titel Linker Antisemitismus. Zur Kritik eines Kampfbegriffs heraus. Auf der Verlagsseite ist dazu zu lesen: „Die Behauptung, es gäbe einen gefährlichen ‚linken Antisemitismus‘, erfuhr nach dem 7. Oktober eine drastische Verschärfung. Was bislang noch ein Diskurs war, der mit Konstruktionen, Unterstellungen und Lügen operierte, wurde verpolizeilicht. Der Vorwurf zielt auf antiimperialistisch, antikolonial oder menschenrechtlich eingestellte Linke.“
Was mich allerdings wirklich zunehmend
ratlos hinterlässt, ist das
In-Frage-Stellen von Berichten und
Statistiken zu Antisemitismus, das
hier und dort aufpoppt.
Wirklich bestürzt hat mich dieser Satz aus einer Veranstaltungsankündigung der Arbeiterkammer Wien: „Auch die Perspektive von jüdischen Betroffenen verkompliziert unser Bild zusätzlich.“ Formuliert wurde er vom deutschen Historiker Uffa Jensen, er hält den Festvortrag bei der Verleihung des Edith Saurer Preises 2026, mit dem geschichtswissenschaftliche Projekte gefördert werden. Jensen ist stellvertretender Direktor des Zentrums für Antisemitismusforschung an der Technischen Universität Berlin, und sein Vortragsthema in Wien lautet Über den Anstieg des Antisemitismus in der Gegenwart.
In der Ankündigung ist zu lesen: Für die meisten Betrachter der gegenwärtigen Lage sei es „eine Tatsache, dass der Antisemitismus in verschiedenen europäischen Gesellschaften in den letzten Jahren angestiegen ist“. Statistiken über antisemitische Vorfälle „scheinen diesen Eindruck zu bestätigen“. Und dann schreibt Jensen: „Aus einer wissenschaftlichen Perspektive ist es jedoch gar nicht so einfach, den Anstieg zu beziffern oder ihn auch nur klar in den Gesellschaften zu lokalisieren. Selbst die Statistiken selbst sind zum Gegenstand wissenschaftlicher Debatten geworden. Außerdem spielt hierbei eine wichtige Rolle, wie das Problem Antisemitismus wahrgenommen wird und welche politischen Debatten dazu geführt werden.“
Und nun folgt der bereits eingangs zitierte Satz: „Auch die Perspektive von jüdischen Betroffenen verkompliziert unser Bild zusätzlich.“ Man möchte kreischend hinzufügen: Schon mühsam, diese Juden und Jüdinnen, die sich nicht beschimpfen und anfeinden und ausgrenzen lassen wollen. What’s next?
























