Eine Wiener Geschichte von Überleben, Verlust und Neubeginn

„War ich Nationalspieler, war ich ein erfolgreicher Trainer? War ich ein Mensch? Was spielte das für eine Rolle, man musste es vergessen. Und wie viel Demütigung noch, mein Freund!“

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Béla Guttmann (2. v. l.) und Spieler der Hakoah Wien vor dem Anpfiff. © Jüdisches Museum Wien / G-ADAM Verlag; Freepik

Mit diesen Worten erinnerte sich Béla Guttmann an die Zeit der nationalsozialistischen Verfolgung. Sie bilden den Schlüssel zum Verständnis einer Lebensgeschichte, die weit über den Fußball hinausgeht. In seiner beeindruckenden Biografie Das größte Comeback. Vom Überlebenden des Holocausts zum Revolutionär des Fußballs erzählt David Bolchover nicht nur die Geschichte eines der erfolgreichsten Trainer des 20. Jahrhunderts, sondern auch die Geschichte eines jüdischen Europäers, dessen Leben von den Katastrophen und Umbrüchen des vergangenen Jahrhunderts geprägt wurde.

Geboren 1899 in Budapest als Sohn einer jüdischen Familie, gehörte Guttmann zu jener Generation mitteleuropäischer Juden, deren Lebenswege eng mit Wien, Budapest und den kulturellen Zentren der Donaumonarchie verbunden waren. Wien spielte dabei eine besondere Rolle. Die Stadt wurde für ihn zu einer zweiten Heimat, zu einem Ort beruflicher Chancen und immer wieder auch des Neubeginns. Der Wiener Sportjournalist Mario Sonnberger beschreibt Wien treffend als eine der Konstanten in Guttmanns Leben – neben seiner Frau Mariann und dem Fußball.

David Bolchover: Das größte Comeback. Vom Überlebenden des Holocausts zum Revolutionär des Fußballs. Das Leben von Béla Guttmann. G-ADAM Verlag, 304 S., € 28,80 Euro.

Die Schoa bedeutete die tiefste Zäsur seines Lebens. Als ungarischer Jude entging Guttmann nur knapp der Ermordung. Er versteckte sich monatelang auf einem Dachboden in der Nähe von Budapest und konnte später aus einem Zwangsarbeitslager fliehen. Sein Vater, seine Schwester und zahlreiche weitere Angehörige wurden von den Nationalsozialisten ermordet. Die Erfahrung von Entrechtung, Verfolgung und Verlust begleitete ihn ein Leben lang.

Dass derselbe Mann nur sechzehn Jahre später als Trainer von Benfica Lissabon den Europapokal der Landesmeister gewinnen und diesen Triumph 1962 wiederholen sollte, gehört zu den außergewöhnlichsten Geschichten der Sportwelt. Doch gerade hierin liegt die besondere Stärke von Bolchovers Buch. Es erzählt nicht einfach die Erfolgsstory eines genialen Trainers, sondern macht sichtbar, was hinter diesem Erfolg stand: die Fähigkeit eines Menschen, nach unermesslichen Verlusten immer wieder neu anzufangen.

Bolchover gelingt es, die sportlichen Erfolge Guttmanns in ihren historischen Zusammenhang einzuordnen. So wird Das größte Comeback zugleich zur Geschichte des europäischen Judentums im 20. Jahrhundert, zu einem Buch über Flucht, Exil, Überleben und die Suche nach einer Zukunft nach der Katastrophe.

Gerade für Leserinnen und Leser in Österreich besitzt diese Biografie besondere Bedeutung. Sie erinnert an eine Epoche, in der jüdisches Leben, Fußballkultur und die Geschichte Wiens untrennbar miteinander verbunden waren. Die deutsche Ausgabe macht diese bemerkenswerte Lebensgeschichte nun endlich jenem Sprachraum zugänglich, zu dem sie historisch und kulturell gehört.

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