„Eines der zentralen Motive ist die Schuldabwehr“

Antisemitismusforscherin Isolde Vogel vom Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes (DÖW) betont im WINA-Gespräch: Judenfeindlichkeit hat viele Gesichter, „aber es bleibt die gleiche Ideologie“. Sie konstatiert zudem, dass man sich zu oft mit dem Antisemitismusvorwurf auseinandersetzt, anstatt sich mit dem tatsächlichen Problem Antisemitismus zu beschäftigen.

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Foto: Daniel Shaked

WINA: Der Bericht der Antisemitismusmeldestelle der IKG Wien für das Jahr 2024 zeigt nicht nur eine Rekordzahl an gemeldeten antisemitischen Vorfällen auf, sondern auch eine Verschiebung bei der Motivation: Bildeten bisher Vorfälle mit rechtem Hintergrund die größte Gruppe jener Taten, die überhaupt ideologisch zuordenbar waren (insgesamt 69 Prozent), sind dies nun Vorfälle mit muslimischem Hintergrund. Aber auch links motivierter Antisemitismus war öfter festzustellen als rechts motivierter. Spiegelt sich dieser Befund auch im aktuellen Diskurs wider?

Isolde Vogel: Seit dem 7. Oktober 2023 ist klar zu erkennen, dass Social Media eine noch wichtigere Rolle in der Verbreitung von antisemitischen Narrativen und Motiven spielt. Gleichzeitig wird aber auch bei Straßenprotesten relativ unverblümt Judenhass propagiert. Wo wir die Verschiebung im Diskurs sehen und was auch Studien zeigen: Menschen mit Migrationsgeschichte, die nicht die österreichische Schule durchlaufen haben, haben auch nicht entsprechend gelernt, bei welchen Aussagen man in der Öffentlichkeit vorsichtig sein muss. Im Gegensatz zum arabischen Raum lernt man in Österreich, seinen Antisemitismus nicht direkt, sondern verklausuliert vorzubringen. Dazu kommt, dass der israelbezogene Antisemitismus eine Form ist, die generell die Hemmschwelle sinken lässt und bei vielen Menschen anschlussfähiger ist. Es ist heute die salonfähige Variante des alten Judenhasses.

Zu den Zahlen der Meldestelle möchte ich noch anmerken: Der Bericht, der sich ja auf Meldungen von Vorfällen stützt, bildet vor allem die Situation an den Orten ab, an denen es grundsätzlich mehr Engagement gegen Antisemitismus gibt. Der Bericht ist wichtig, weil er die Perspektive von Betroffenen abbildet. Er darf aber nicht die einzige Quelle sein, wenn es um das Erfassen von Antisemitismus geht. Was in so einem Bericht nicht abgebildet werden kann, ist der Antisemitismus, der nicht gemeldet wird und deswegen nicht in den Statistiken auftaucht. Auch heute noch wird an Stammtisch teils intensiv über Juden und Jüdinnen geschimpft, der Antisemitismus von rechts ist weiterhin sehr präsent. Das zeigt auch unsere repräsentative Umfrage, das Rechtsextremismus-Barometer, klar: Menschen mit rechtsextremen Einstellungen tendieren stärker zu Antisemitismus als alle anderen Befragten.

 

Zusammengefasst müsste man also sagen: Es sind aktuell alle Formen von Antisemitismus stark vertreten. Das ist in Österreich so, aber auch international. Wo reiht sich der heimische Antisemitismus argumentativ in den internationalen Diskurs ein, welche Unterschiede gibt es aber auch? Was wird in Österreich teilweise anders verhandelt als international?

I In Österreich, einem Land, das mit dem Nationalsozialismus ein Regime an der Macht hatte, in dem Juden und Jüdinnen verfolgt wurden, gibt es ein grundsätzliches Problembewusstsein für Antisemitismus. Man weiß aus der Geschichte, wohin Antisemitismus führen kann. Und es gibt in Österreich – so wie auch in Deutschland – eine jüdische Gemeinde, die resilient ist und sich nicht erlauben kann, naiv zu sein. Das unterscheidet die Debatte in Österreich von anderen westlichen Demokratien wie zum Beispiel den USA.

Gleichzeitig zeigt die aktuelle Entwicklung, dass aus der historischen Verantwortung nicht nur gelernt wurde, im Gegenteil. Eines der zentralen Motive von Antisemitismus ist die Schuldabwehr. Aus der extremen Rechten kennen wir es, dass NS-Verbrechen geleugnet, relativiert oder verharmlost werden. Man wirft Juden und Jüdinnen zudem vor, rachsüchtig zu agieren, nur an Entschädigungszahlungen interessiert zu sein, sie würden in Deutschland und Österreich einen „Schuldkult“ betreiben. So macht man Opfer zu Tätern. Diese Narrative sind bis in die Mitte der Gesellschaft verankert.

Dass wir dieses Denken heute auch bei sich als progressiv verstehenden Menschen sehen, ist erschreckend. Es gibt eine hohe Überschneidung zwischen Shoah-relativierendem Antisemitismus und israelbezogenem Antisemitismus, der auch in linken Kreisen vorhanden ist. Antisemitische Narrative werden hier austauschbar auf Israel angewandt, Israel wird nicht zugestanden, dass es wehrhaft ist und ein nationales Selbstbestimmungsrecht hat. Da ist dann von German oder Austrian Guilt die Rede, von der man Palästina befreien müsse.

„Aussagen, die Juden die Schuld am Antisemitismus geben, verkehren
Täter-Opfer- Verhältnisse
und sind selbst Teil des Problems.“

Fallen hier auch Vergleiche darunter, wonach Israel nun mit den Palästinensern nicht anders verfahre als seinerseits die Nationalsozialisten mit Juden?

I Ja, es geht um solche ganz klar antisemitischen NSverharmlosenden Vorwürfe gegen Israel. Die richten sich austauschbar gegen Israel, gegen Zionisten, gegen Juden.

 

Die Position der Regierung haben Sie schon skizziert. Wie gut oder schlecht geht die nun amtierende Regierung aus ÖVP, SPÖ und NEOS aktuell mit Antisemitismus um? Was gelingt, wo bräuchte es mehr?

I Grundsätzlich muss von politischer Seite erkannt werden, dass Antisemitismus nicht nur akut, also anlassbezogen adressiert werden sollte. Trotzdem ist es wichtig, dem seit dem 7. Oktober 2023 steigenden Antisemitismus in all seinen Äußerungsformen behördlich begegnen zu können. Gleichzeitig vermisse ich, dass man sich mit der Ideologie, ihren bedürfnisbefriedigenden Funktionen und warum sie auch bei jungen Menschen so attraktiv ist, auseinandersetzt.

Es braucht mehr Präventionsarbeit, also Arbeit an Schulen, Sensibilisierung von Lehrpersonen für das Thema Antisemitismus, aber auch für Debatten zum Nahostkonflikt. Gleichzeitig ist es auch wichtig zu erkennen, wie Antisemitismus mit antiemanzipatorischer Ideologie, mit Frauenfeindlichkeit und antiwestlichem, antidemokratischem, antimodernem Denken zusammenhängt. Da ist die Rechtsextremismusforschung ganz zentral, die das DÖW seit Jahrzehnten betreibt, unter anderem schreiben die Kollegen und Kolleginnen ja auch im Auftrag von Innen- und Justizministerium den jährlichen Rechtsextremismus- Bericht. In unserer Forschung schauen wir auch auf die Graustufen, so können wir beobachten, wie es zur Zunahme von autoritärem Denken in der Gesellschaft kommt.

Phänomene wie antimoderne, antifeministische, antidemokratische Haltungen finden sich allerdings nicht nur bei extrem Rechten, sondern auch im Islamismus. Muss man das nicht zusammendenken?

Man muss sich natürlich auch mit religiösem Extremismus und der Bedrohung durch den politischen Islam auseinandersetzen, die Phänomene sind ja miteinander verwandt. Der Wandel oder die Entwicklung einer Gesellschaft ist immer als Ganzes zu begreifen. Es reicht nicht, irgendwelche Stempel wie „linker“, „rechter“ und „muslimischer“ Antisemitismus zu verteilen, man muss die Grundlagen und Antisemitismus als Ideologie adressieren.

Das Zusammendenken eröffnet auch Möglichkeiten – zum Beispiel in der Präventionsarbeit. Wenn man Antisemitismus lediglich als Problem von migrantischen Communitys behandelt, schürt man nicht nur antimuslimische Ressentiments, sondern übersieht auch Dimensionen des Problems. Rassismus, Antifeminismus, Homofeindlichkeit und auch der Antisemitismus funktionieren in einem antiemanzipatorischen Weltbild zusammen – und dem sollte grundsätzlich begegnet werden, unabhängig von migrantischen oder autochthonen Hintergründen.

„Antisemitismus ist keine
Meinung, sondern eine
Ideologie – eine, die zur
Gewalt
führen kann.“

In welchen Ausprägungen ist Antisemitismus im Moment besonders präsent?

I Es gibt zwar verschiedene Äußerungsformen von Antisemitismus, aber die Ideologie bleibt die gleiche. Unterschiedliche Motive und Narrative werden auch von unterschiedlichen politischen oder religiösen Gruppierungen genutzt. Was daraus entsteht, ist eine reale Bedrohung von Juden und Jüdinnen, eine Gefahr, die in Gewalt umschlagen kann. Antisemitismus ist eine Erlösungsfantasie: der Kampf gegen Juden, oder Israel, dient der vermeintlichen Erlösung von allem Übel. Das sieht man letztlich auch bei der Hamas mit ihrem auf die Vernichtung Israels zielendem Antisemitismus. Diese Erlösungsfantasie ist aber auch da, wenn der Judenhass nicht bis zur letzten Konsequenz ausagiert wird.

Aktuell ist der israelbezogene Antisemitismus gesamtgesellschaftlich die häufigste Äußerungsform. Oft zu beobachten sind – Stichwort: Covid-Pandemie – zudem verschwörungsmythische Narrative, die dem Antisemitismus inhärent sind. Dazu gehört die steigende Anzahl von Fake News. Im Verschwörungsdenken werden Jüdinnen und Juden – mal offen benannt, mal als Globalisten oder Zionisten bezeichnet – als übermächtig imaginiert. Der Antisemit begreift sich in einer Notwehrsituation, in der er sich gegen diese imaginierte Bedrohung wehren müsse. Die Welt wird völlig unterkomplex wahrgenommen. Und darin wirkt Antisemitismus dann eben als Erlösungsfantasie, die Ambivalenzen nicht aushält, sondern alles Übel auf die Juden als das vermeintlich übermächtige Böse projiziert. Das kennen wir aus der Geschichte: Die Nationalsozialisten haben die Weltherrschaft angestrebt, aber gleichzeitig Jüdinnen und Juden weltumfassende Macht vorgeworfen.

 

Sehen wir nicht Ähnliches heute bei Dschihadisten? Auch sie wollen selbst zum Beispiel Europa muslimisch machen.

I Es geht immer auch um dieses grundsätzliche Streben nach Macht und Herrschaft. Dschihadistische Strömungen denken den Westen als Teil der jüdisch imaginierten Macht. Alles, was wir hier an Freiheit hochhalten, wird als zionistisch-westlich zusammengedacht und abgelehnt. Die Huthis sind zum Beispiel vehemente Impfgegner, sie imaginieren Impfungen als jüdisch-westliches Gift. Das ist wiederum nicht sehr weit weg von Rechtsextremen, die hier auf die Straße gegangen sind, die Pandemie als geheimen jüdischen Plan und die Impfung als Gift dargestellt haben – übrigens ganz in völkischer Tradition. Die Verbindung von Jüdinnen und Juden mit Krankheiten kennen wir aus der Geschichte des Judenhasses. Das reichte von der Legende der Brunnenvergiftung bis zum Vorwurf, die Pest verbreitet zu haben. Die massenhaften Ausschreitungen und Pogrome gegen Juden im Mittelalter waren also auch der Versuch ein völlig falschen Erlösung in einer verzweifelten Situation, in der man nicht wusste, wie man mit einer Krankheit umgehen soll.

 

Zum israelbezogenen Antisemitismus: Wo endet die legitime Kritik am jüdischen Staat und wo beginnt Antisemitismus?

I Natürlich gibt es Kritik an der israelischen Regierung, am Militär, am Krieg, am kriegerischen Vorgehen ohne Antisemitismus. Es gibt ein an sich recht einfaches Mittel, mit dem man testen kann, ob diese Kritik in Antisemitismus umschlägt, und zwar den 3-D-Test von Nathan Sharansky. Wenn die Aussagen erstens in Richtung Delegitimierung gehen, also die Existenz oder das Selbstbestimmungsrecht Israels in Frage gestellt werden, ist es Antisemitismus. Wenn Israel zweitens dämonisiert, also als etwas absolut Böses dargestellt und auch keine Differenzierung zwischen Israelis und Juden weltweit vorgenommen wird, ist es Antisemitismus. Hier spielen Fake News, aber auch alte antijüdische Traditionen, an die diese anknüpfen, eine große Rolle, zum Beispiel die explizite Verbindung mit dem Teufel, die wir aus dem christlichen Judenhass kennen. Und drittens, wenn doppelte Standards, also auf Israel andere Maßstäbe als auf andere Staaten, angelegt werden, ist es Antisemitismus. Die Kriterien sind nicht sehr kompliziert, dennoch bedarf es einer großen Portion Selbstreflexion, um mit diesem 3-D-Test eigene Aussagen als antisemitisch sehen zu können.

„Der israelbezogene
Antisemitismus […] ist heute
die salonfähige Variante
des alten Judenhasses.“

Was einem hier dann auch begegnet: dass die von vielen Ländern, darunter auch Österreich, angenommene Antisemitismus- Definition der International Holocaust Remembrance Association (IHRA) in Zweifel gezogen wird. Ist diese Debatte dann auch antisemitisch?

I In der Wissenschaft ist die Frage nach der Definition eigentlich überholt. Es ist grundsätzlich nicht umstritten, was Antisemitismus ausmacht, gleichzeitig kann eine endgültige, in wenigen Sätzen formulierte Definition von Antisemitismus nicht den komplexen Auseinandersetzungen in der Forschung entsprechen. Das liegt auch daran, dass Antisemitismus wandelbar ist und in immer neuen Äußerungsformen zutage treten kann. Daher müssen wir uns ja zuallererst mit der Ideologie dahinter befassen. Die IHRA-Definition ist eine Arbeitsdefinition, die geschaffen wurde, um den Kampf gegen Antisemitismus zu erleichtern. Sie ist daher absichtlich offen gehalten, ergänzt durch Beispiele aktueller Ausdrucksformen von Antisemitismus. Und als solche ist sie auch für den intendierten Zweck gut brauchbar.

Ich sehe die Diskussionen über Antisemitismusdefinitionen vor allem deshalb als Problem, weil sie die Debatte in der Öffentlichkeit verschieben. Man setzt sich dann stärker mit dem Antisemitismusvorwurf als mit dem Antisemitismus selbst auseinander. Wenn wir in andere Bereiche der Gesellschaft schauen, ist das ziemlich absurd. Wir diskutieren in keinem anderen Feld so sehr darüber, ob etwas wirklich schon problematisch ist, statt uns damit auseinanderzusetzen, das Problem zu adressieren. Nach außen sind sich alle einig, dass Antisemitismus bekämpft werden muss. Tatsächlich diskutiert wird dann aber viel stärker die Frage, wie der Vorwurf passieren konnte: Ist der Vorwurf überhaupt gerechtfertigt? Hier mangelt es auch massiv daran, den Betroffenen zuzuhören, was in anderen politischen Bereichen schon sehr viel stärker verankert ist. Und man dribbelt so ein bisschen um das eigentliche Problem herum und bedient gleichzeitig wieder das Narrativ der Instrumentalisierung von Antisemitismus. Da sind wir wieder bei dieser angeblichen Macht, der Lobby, die hinter den Antisemitismusvorwürfen stecke und Medien oder gar die öffentliche Meinung kontrolliere.

Abseits ganz radikaler Kreise sagen die wenigsten Menschen: „Ich hasse Juden, ich bin Antisemit.“ Studien zeigen aber gleichzeitig hohe Zustimmung zu antisemitischen Aussagen. Wenn wir das Rechtsextremismus- Barometer des DÖW hernehmen, sehen wir, dass über 40 Prozent der Bevölkerung der Aussage zustimmen, dass Israels Politik im Nahen Osten so schlimm sei wie die der Nationalsozialisten einst. Das ist klar antisemitisch. Leute, die das befürworten, sehen sich aber meist nicht als Antisemiten. Es wird immer nur der Antisemitismus der anderen gesehen.

 

Der frühere langjährige SPÖ-Nationalratspräsident und spätere Bundespräsident Heinz Fischer sorgte mit einem Interview anlässlich 80 Jahre Ende des Nationalsozialismus für eine solche Debatte. Darin meinte er, dass Israels Premier Benjamin Netanjahu durch sein Agieren Mitschuld am Ansteigen des Antisemitismus habe. Konkret sagte er: Durch die Handlungen Netanjahus werde „der Antisemitismus nicht verringert, sondern vergrößert und gestärkt“. Wie sind solche Aussagen zu werten?

I Es ist grundsätzlich falsch, mit dem Handeln und dem Verhalten von Jüdinnen und Juden zu argumentieren, wenn man das Problem des Antisemitismus adressieren will. Wer sich mit Antisemitismus auseinandersetzt, weiß, dass er auf der Wahrnehmung und den Gefühlen von Antisemiten und Antisemitinnen basiert. Antisemitismus beruht auf Projektion, er ist das Problem derjenigen, die antisemitisch denken. Aber er wird zum Problem und zur Gefahr für Juden und Jüdinnen, weil sie adressiert werden, weil sie angegriffen werden. Aussagen, die Juden die Schuld am steigenden Antisemitismus geben, sind daher in ihrer Grundannahme problematisch. Man kann die Politik Netanjahus, der israelischen Regierung und das Kriegsgeschehen in Gaza auch kritisieren, ohne sich in solche Argumentationsmuster zu verstricken. Ich würde sagen, das ist hier nicht gelungen.

 

Foto: Daniel Shaked

 

Isolde Vogel geb. 1992 in Berlin, ist Historikerin und Antisemitismusforscherin. Seit 2024 forscht sie am Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes (DÖW) zu Rechtsextremismus und verfasst ihre Dissertation zum Thema „Impfablehnung und Antisemitismus im völkischen Denken“. Zuvor war sie unter anderem für das Yad-Vashem-Archiv tätig sowie Mitarbeiterin in Forschungsprojekten an der Universität Wien und der Akademie der Wissenschaften.

 

 

 

 

Was bedeutet das aber für den Diskurs, vor allem von linker Seite?

I Allgemein haben wir nach dem 7. Oktober auch außerhalb der extremen Rechten eine starke Enthemmung von antisemitischen Aussagen beobachtet, und ich nehme wahr, dass diese Entwicklung auch mehr als eineinhalb Jahre danach weiter voranschreitet. Anstatt sich mit der Ambivalenz der Situation angemessen auseinanderzusetzen, sind vereinfachende Narrative verlockender. Das ist bitter und lässt einen auch ein bisschen resignieren.

 

Massiv hochgeschaukelt hat sich die Debatte auch anlässlich des heurigen Song Contests. Einerseits gab es bereits vor dem Wettbewerb Stimmen, die einen Ausschluss Israels forderten, andererseits wurde nach dem Sieg der israelischen Sängerin beim Publikumsvoting unterstellt, Israel habe getrickst.

I Das folgt dem bekannten Muster: Für Menschen, die in antisemitischen Verschwörungsmythen denken, steckt hinter allem, das ihnen nicht in dem Kram passt, eine Verschwörung. Dieses Weltbild funktioniert ja wirklich simpel. Und so ist dann auch die Solidarität mit einer Überlebenden des 7. Oktober etwas, das nicht ins Weltbild passt, und wird daher als Plan einer Elite, die im Hintergrund die Fäden zieht, imaginiert.

 

Tödlich endete kurz danach für zwei junge Mitarbeiter der israelischen Botschaft ein antisemitisch motiviertes Attentat vor dem Jüdischen Museum in Washington. Der Täter kam aus einem linken propalästinensischen Milieu. Kann man da Parallelen zu rechtsextremen Tätern wie jenem von 2019 in Halle in Deutschland ziehen?

I Hinsichtlich des Antisemitismus auf jeden Fall, aber auch in der Frage des Umschlagens von der Ideologie in der Theorie zur wahnhaften Praxis. Es ist auch wichtig zu begreifen, dass diese Erlösungsfantasie, die dem Antisemitismus inhärent ist, in letzter Konsequenz auf Vernichtung abzielt. Das zeigt sich auch in der Märtyrerideologie, die Erlösung durch Selbstauslöschung verspricht. Und letztlich geht es darum auch bei der Delegitimierung Israels als jüdischer Staat. Parolen wie „From the river to the sea – Palestine will be free“ fordern offiziell ein „Freies Palästina“, meinen implizit aber einen Nahen Osten ohne Israel.

Die Grenze von Demoparole zur Vernichtungsidee ist fließend: Auch der Attentäter in Washington rief „Free Palestine“, nachdem er das junge Paar tötete, das von einer jüdischen Veranstaltung kam. Darin sehen wir das schreckliche Potenzial von einem Aufruf zur „Globalen Intifada“, eigentlich der Aufruf zum „Aufstand“, der historisch aber immer Angriffe auf Juden und Jüdinnen bedeutet hat. Und: Nicht nur das Attentat in Washington an sich ist schockierend, sondern auch die darauffolgenden Reaktionen: In Sekundenschnelle wurde die Ermordung der beiden jungen Menschen auf Social Media als False-Flag-Aktion bezeichnet. Das hat nichts mit einer Kritik am Krieg in Gaza oder Forderungen nach Frieden zu tun. Die Gefahr, die von der antisemitischen Ideologie ausgeht, ist real – Leugnung und Ignoranz antisemitischer Gewalt sind Teil des Problems.

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