„Einfach nur den Mund aufmachen!“

Mit ihrem Buch Toxische Sprache und geistige Gewalt legte die deutsche Linguistin Monika Schwarz-Friesel 2022 bereits eine detaillierte Analyse vor, wie judenfeindliche Denk- und Gefühlsmuster seit Jahrhunderten die Kommunikation prägen. Die Entwicklungen seit dem Massaker der Hamas in Israel am 7. Oktober 2023 nahm sie für eine umfassende Aktualisierung zum Anlass – und spricht dabei Tacheles.

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Monika Schwarz-Friesel: Die Linguistin schweigt nicht, wenn es um die Gefahren der "Waffe" Sprache geht. © Parlamentsdirektion/Johannes Zinner

Seit dem 7. Oktober 2023 habe der Antisemitismus weltweit zugenommen, so der inzwischen sattsam bekannte Befund, den Monika Schwarz-Friesel im Vorwort formuliert. All das sei für die empirische Antisemitismusforschung „keine wirkliche Überraschung“, denn schon vor dem Angriff der Hamas auf Israel, bei dem diese Menschen in Kibbuzim und auf dem Gelände des Nova-Festivals folterte, vergewaltigte, ermordete, aber auch entführte, habe sich gesamtgesellschaftlich eine „politisch korrekte Antisemitismus- Akzeptanz“ gezeigt.

Sie hält dann allerdings fest: „Doch die Wucht der Hasseruptionen einerseits und die Empathielosigkeit der Weltverbesserer- Klientelen andererseits haben selbst uns Forscher überrascht und schockiert. Der 7. Oktober 2023 war ein Dammbruch: Die lange und mühsam aufgebauten Mauern zur Ächtung von Judenhass, ohnehin schon voller Risse, brachen zusammen und Fluten aufgestauter israelfeindlicher Emotionen wälzten jede Regung von Menschlichkeit nieder. Nie seit Auschwitz war Judenfeindschaft wieder dermaßen sicht- und hörbar.“

Das eine sei der Antisemitismus von Rechtsextremisten und Fundamentalisten, der immer Sorge bereite. Es schmerze aber sehr, „dass auch die sogenannte progressiv- liberale Mitte und die gebildete links-woke Szene sich in Täter-Opfer- Umkehrungen und Schuldzuweisungen ergehen und Verständnis für fanatisierte Intoleranz artikulieren.“ Das antiisraelische Narrativ werde bereitwillig geglaubt.

Warum? „Weil dieses Narrativ exakt dem kulturell seit zweitausend Jahren verankerten Glaubenssystem des Anti- Judaismus und seinem Zerrbild von jüdischem Leben entspricht.“ Mit dem realen Israel habe die dämonisierende Verdammnis nichts zu tun, auch nichts mit dem Nahostkonflikt, der lediglich als Vorwand diene, den jüdischen Staat „als Symbol des kollektiven Juden“ zu delegitimieren.

Die toxische Sprache des Judenhasses, die Schwarz-Friesel in ihrem Buch ausführlich seziert und analysiert, sei einmal direkt, vulgär, zu Gewalt aufrufend, einmal indirekt, verbrämt, euphemistisch. In jedem Fall mache sie fassungslos. Dazu komme, dass Antisemitismusvorwürfe als „Überreaktionen“ entwertet würden und die Normalisierung und Akzeptanz judenfeindlicher Aussagen weit fortgeschritten seien.

Der Befund der Sprachwissenschafterin: Man habe es mit dem alten Anti- Judaismus in einer modern angepassten Variante zu tun. „Das Konzept des kollektiven Juden wurde aus dem Mittelalter in unsere moderne Zeit katapultiert: Israel ist jetzt das ‚Weltenübel‘.“ Was früher die Legenden von Brunnenvergiftung und Ritualmord gewesen seien, artikuliere man heute millionenfach als „Völkermord- Vorwurf“.

Hart geht Schwarz-Friesel auch mit ihren akademischen Kollegen und Kolleginnen ins Gericht. Sie schreibt in ihrem Buch dabei vom „Campus- und Feuilleton- Antisemitismus“ nach dem 7. Oktober. In medialen und universitären Kommentaren heiße es, „der Nahostkonflikt würde auf dem Campus ausgetragen“. Doch ausgetragen werde allein der antisemitische Hass auf Israel.

 

„Das Konzept des kollektiven Juden wurde aus dem
Mittelalter in unsere moderne Zeit katapultiert: Israel
ist jetzt das ‚Weltenübel‘.“
Was früher die Legenden von Brunnenvergiftung
und Ritualmord gewesen seien, artikuliere man heute
millionenfach als „Völkermord-Vorwurf“.

 

Die Linguistin sieht an den Unis zudem Doppelstandard und -moral im Umgang mit Israel-bezogenem Judenhass. „Wenn man hier re-framed und sich ein anderes Szenario vorstellt: Wohl kaum würden genau diese Professoren sich für Redefreiheit und Debattenkultur in Zusammenhang mit der AfD und zum Beispiel für den Auftritt eines Björn Höcke oder eines Vertreters von Die Heimat (ehemals NDP) in deutschen Hörsälen einsetzen. Israel- und Judenhass ist in bestimmten akademischen und kulturellen Zirkeln legitim, quasi ein politisch korrekter Antisemitismus, Rassismus und Fremden sowie Muslimfeindschaft jedoch nicht.“

Wissenschaftsfreiheit sei ein kostbares Gut, das es zu verteidigen gelte. Doch auch diese Freiheit müsse durch eine Ethik der für alle diskriminierten Gruppen geltenden Menschenwürde in Grenzen gehalten werden. Die im Namen der Forschung betriebene Eugenik und Rassenlehre der Professoren in der NS-Zeit habe gegen diese Ethik verstoßen. Sie seien falsch gewesen. „De facto falsch ist es auch, den jüdischen Staat als Kolonial-, Unrechts-, Apartheids- oder NS-Unrechtsstaat zu bezeichnen.“ Die obsessiven Anti-Israel-Aktivitäten mit ihren deutlich erkennbaren De-Realisierungen an deutschen Universitäten als „Wissenschaftsfreiheit“ gutzuheißen, sei daher höchst brisant.

Hat die Forscherin auch ein Rezept dafür, wie diesem aktuell von den verschiedensten Seiten kommenden Antisemitismus etwas entgegengesetzt werden kann? „Meine Antwort ist immer die Gleiche: Einfach nur den Mund aufmachen! Judenfeindlichen Aussagen muss widersprochen werden.“ Das seit 2.000 Jahren tiefsitzende, im kollektiven Bewusstsein und kommunikativen Gedächtnis verankerte Glaubenssystem habe nur dann keine Chance mehr, wenn es nicht mehr hingenommen, sondern als das kritisiert werde, was es sei: „ein geistiges Gift, das nur Unheil, Leid und Verzweiflung brachte und bringt“. Gegen toxische Sprache helfe nur – die Sprache: „die Sprache der Kritik und Aufklärung, die Sprache der Menschlichkeit und des Mitgefühls, der Wahrhaftigkeit“.

Genau in diesem Sinn hat Schwarz- Friesel hier aus jüdischer Perspektive mit ihrem Buch exakt das vorgelegt. In einem allgemein schon derart von Begriffen wie „Genozid“ und dem Vorwurf, am Ende seien Israel und die Juden ja doch irgendwie daran Schuld, das sie keiner mag, geprägten gesellschaftlichen Klima wird bei der Lektüre klar: Nein, man selbst irrt nicht. Ja, was da vor sich geht, ist nicht in Ordnung. Ja, dagegen muss man sich wehren. Nein, das bildet man sich nicht alles ein. Wichtiger wäre die Lektüre von Schwarz-Friesels Analyse freilich für jene, die jeglichen Antisemitismus- Vorwurf weit von sich weisen, mit ihrer Argumentation freilich schon tief in den alten stereotypen judenfeindlichen Narrativen waten.

Monika Schwarz-Friesel: Toxische Sprache und geistige Gewalt. Wie judenfeindliche Denk- und Gefühlsmuster seit Jahrhunderten unsere Kommunikation prägen. Narr Francke Attempto 2025, 222 S., € 20,60

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