„Einig im Antisemitismus“

Julia Ebner ist Extremismus- und Terrorismusforscherin. In ihrem neuen Buch WUT beschreibt sie Rechtsextreme und Islamisten als zwei Seiten einer Medaille.

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Julia Ebner, 1991 in Wien geboren, studierte Philosophie (B.A.) und BWL (B.Sc.) in Wien sowie politische Ökonomie und Entwicklungsökonomie an der Universität Peking, wo sie ihre Masterarbeit zur chinesischen Sicherheitspolitik schrieb. An der London School of Economics verfasste sie 2015 eine weitere Masterarbeit über Female suicide bombers: between victimisation and demonisation. Ebner war u. a. für die Europäische Kommission tätig und ist eine ausgewiesene Extremismus- und Terrorismusforscherin. Seit 2017 forscht sie als wissenschaftliche Mitarbeiterin am Londoner Institute for Strategic Dialogue. © Reinhard Engel

Wina: In Ihrem jüngsten Buch WUT –Was Islamisten und Rechtsextreme mit uns machen beschreiben Sie die beiden Extremismen als zwei Seiten einer Medaille. Worin sehen Sie die Gemeinsamkeiten, wo die Unterschiede?
Julia Ebner: Die Gemeinsamkeiten finden wir vor allem in den Narrativen beider Gruppierungen: Da geht es ganz stark um die Viktimisierung der eigenen Gruppe und gleichzeitig um Dehumanisierung und Dämonisierung einer Feindgruppe. Sie richten sich beide gegen den Modernismus, Liberalismus und lehnen die Globalisierung ab. Einig sind sie sich auch im Antisemitismus. Ihre Verschwörungstheorien überlappen sich sehr stark, daher verfügen sie über gemeinsame Feindbilder.

Welchen Stellenwert hat der Antisemitismus bei diesen beiden extremen Gruppierungen?
❙ Gerade die Schuldzuweisungen richten sich sehr oft gegen Juden – das ist der gemeinsame Nenner. Bei den Recherchen für mein Buch bin ich auf einige Beispiele gestoßen, bei denen Neonazis aus der rechtsextremen Szene in die islamistische gewechselt sind und sich am Ende dem IS angeschlossen haben.
Man findet in der Vergangenheit immer wieder Kooperationen, weil sich die Weltbilder und der Antisemitismus überlappen: Die Waffen und Kalaschnikows, die Amedy Coulibaly, der Attentäter und Geiselnehmer im koscheren Supermarkt Hyper Cacher in Paris, am 9. Januar 2015 verwendete, hat er – obwohl selbst ein Dschihadist – von einem Mitglied der rechtsextremen identitären Gruppe im Norden von Frankreich bekommen.

Gibt es dazu auch aktuelle Beispiele?
❙ Ja, derzeit relevant ist das so genannte Manifest, das auch der 19-jährige Attentäter auf die Synagoge in Poway bei San Diego veröffentlicht hat. Da findet man diesen Judenhass, obwohl man die Bedrohung hier viel weiter fasst: Sie inkludiert alle Nicht-Christen und natürlich die Muslime, aber letztendlich fällt die Schuldzuweisung dann auf die „globalen jüdischen Eliten“ zurück. Das Gleiche gilt dann auch für Dschihadisten: Das strategische Angriffsziel bleiben die Juden, denen die Gesamtverantwortung angelastet wird.

»Identitäre in Österreich haben überproportional
starken Einfluss auf die europäische
neue rechte Bewegung.«
Julia Ebner

Wie sehr haben die Medienstrategien der Rechtsextremen und der Islamisten schon den Mainstream der europäischen Gesellschaft erreicht und durchdrungen?
❙ Leider sind die Narrative und Verschwörungstheorien nicht nur in der Mitte der Gesellschaft, sondern vor allem in den politischen Kreisen angekommen. Aktuell sieht man es in Österreich: Vizekanzler und FPÖ-Chef Heinz-Christian Strache hat diese Verschwörungstheorie der Umvolkung explizit erwähnt und in seinem Interview mit der Kronen Zeitung sogar befürwortet. Und das gerade, wo die Attentäter von Christchurch und Poway auch diese Verschwörungstheorie propagiert haben.

Wo sehen Sie weitere Gefahrenherde?
❙ Österreich ist nur ein Beispiel für diese alarmierende größere Dynamik, die in ganz Europa zu beobachten ist. Diese Idee von Eurabia, die weiter Angst gegen eine islamische Invasion schüren soll, ist in die Mitte der Gesellschaft gedrungen. Die deutsche AfD hat mit ihrem EU-Wahlkampf-Plakat „Damit aus Europa kein ‚Eurabien‘ wird“ diese Verschwörungstheorie vorangetrieben. Auch wenn der Fokus stark auf muslimische Immigranten gerichtet ist, beobachten wir in den Radikalisierungswegen von Individuen, dass sich aus der Islamophobie und Invasionsangst auch der Antisemitismus entwickelt. Denn diese Verschwörungstheorien enthalten immer wieder eine versteckte Agenda gegen globale wirtschaftlich Eliten, und so kommt häufig die antisemitische Dimension dazu.

Ist das neue Schimpfwort „Eliten“ ein Synonym für „jüdisch“?
❙ Ja, das wird sehr oft suggeriert, manchmal implizit und auch explizit. Da sind wir dann wieder beim Mainstream: Die Kampagne von Donald Trump gegen die globalen Eliten, die den kleinen Mann ausnehmen, ist so ein Beispiel. Er suggeriert dann mit den Fotos von George Soros und drei anderen jüdischen Milliardären dieses Feindbild, das sich gegen das Judentum richtet.

Welche Gefahren sehen Sie derzeit in Österreich in Bezug auf Rechtsextremismus – und in der starken Präsenz der Identitären?
❙ Die Gefahr, die sowohl von dschihadistischen wie auch rechtsextremen Gruppen ausgeht, ist nach wie vor sehr hoch. Vor allem, weil sich die gegenseitigen Dynamiken beschleunigen und die Ideologien, die sie verbreiten, auch wirklich zu Gewalt inspirieren können, wie wir das in Christchurch gesehen haben.
Auch wenn die Identitären nicht so viele Anhänger haben wie vielleicht andere Protestbewegungen, haben sie ein riesiges Potenzial darin, vor allem junge Menschen zu rekrutieren und in ihre Sympathisantenkreise zu holen. Es ist ihnen gelungen, rassistische und verschwörungstheoretische Inhalte in ihrer Propaganda gut aufbereitet über die Popkultur und Sprache an die Jugendlichen zu bringen. Sie verfügen über effektive Strategien in den neuen Medien, können Algorithmen austricksen und bewegen sich am Rande des rechtlich noch Erlaubten.

„[…] Viktimisierung der eigenen Gruppe und gleichzeitig Dämonisierung einer Feindgruppe.“
Julia Ebner

Die Identitäten gelten als sehr gut vernetzt in Europa. Wo ist ihr Zentrum?
❙ Obwohl sie ja ursprünglich Anfang des Jahrtausends in Nizza gegründet wurden, beobachten wir, dass die österreichischen und deutschen Gruppierungen äußerst stark sind. In Österreich haben sie überproportional großen Einfluss, üben diesen aber auch auf die europäische neue rechte Bewegung generell aus. Mittlerweile sind sie auch in Frankreich sehr präsent, aber die Österreicher geben den Ton an, und ihre Praktiken gehen hier am besten auf.

Gibt es eine Arbeitssprache bei der Vernetzung?
❙ Ich war undercover bei einem Strategietreffen der Identitäten in London, bei dem sehr viele Teilnehmer aus verschiedenen europäischen Ländern anwesend waren. Weil es um einen neuen Ableger in England ging, war die Sprache Englisch. Aber generell schaffen es die Identitären sehr gut, ihre Inhalte, die sie teilen, für den lokalen Kontext und in der lokalen Sprache anzupassen.

Was meinen Sie damit, dass sich weder der Islamismus noch der Rechtsextremismus isoliert bekämpfen lassen?
❙ Auch wenn die Ursachen sehr vielfältig sind, ergibt sich ein beschleunigender und verstärkenden Effekt durch die reziproke Dynamik aus den beiden Lagern. Daher müssen wir viel weiter unten ansetzen, und zwar bei den ursprünglichen politischen, psychologischen, sozioökonomischen Faktoren, da hier eine kumulative Extremismusdynamik entsteht. Wenn man nur die eine Seite bekämpft, ergibt sich das Problem, dass die andere trotzdem weiterhin existieren kann.
Ein Beispiel für diese Interaktion hat jüngst der US-Präsident geliefert: Trump hat alle Ressourcen für die Bekämpfung des Rechtsextremismus gestrichen – das ist strategischer Suizid. Wenn man Islamismus bekämpfen will, muss man auch gegen den antimuslimischen Hass vorgehen, weil das in die Radikalisierung hineinspielt. Umgekehrt werden auch dschihadistische Anschläge immer mehr von rechtsextremen Kreisen genutzt, um antimuslimischen Hass zu schüren. Deshalb ist es notwendig, auf beiden Seiten Prävention zu betreiben.

Für Ihr Buch waren Sie undercover in beiden Szenen unterwegs. Hatten Sie Angst, fühlten Sie sich je bedroht?
❙ Als ich direkt undercover war, ist nichts passiert. Aber als ich aufgedeckt wurde und das Buch erschien, erhielt ich zahlreiche Hassmails. Da gab es schon Situationen, in denen ich mich unsicher gefühlt habe. Man wird dann sehr schnell als Verräterin wahrgenommen.

Machen Sie trotzdem weiter?
❙ In meiner wissenschaftlichen Arbeit am Londoner Institute for Strategic Dialogue geht es um Partneranalysen und vieles mehr. Das ist getrennt von meinen investigativen Recherchen für meine Bücher. Dabei versuche ich innerhalb der Bewegungen herauszufinden, was sie auf menschlicher Ebene motiviert, antreibt. Das mache ich jetzt hauptsächlich im Onlinebereich, weil es offline schwieriger ist, nachdem mich die Rechten in Österreich, Deutschland und England schon kennen. Auf meine Offlineerfahrungen habe ich mich in meinem zweiten Buch konzentriert: Es erscheint im September und heißt Radikalisierungsmaschinen.

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