Einsame Kämpferin gegen das Dschihad-Syndrom‏

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Mit ihrem neuen Buch nimmt Ayaan Hirsi Ali den Weg von der Islamkritikerin zur Islamreformerin und nennt fünf Thesen, mit denen die muslimische Welt zur Ruhe kommen soll. Dabei macht sie einen entscheidenden Fehler. Von Oliver Jeges.

Eigentlich wollte sie einen Roman schreiben. Eine Geschichte, in der ein charismatischer Londoner Imam versucht, den Islam zu reformieren so wie Luther einst das Christentum. Doch sie hat sich letztlich dagegen entschieden. Weil man eine erfundene Story als Fantasterei abtun könnte. Vermutlich war es ihr auch eine Nummer zu klein. Ayaan Hirsi Ali möchte lieber selbst den Islam reformieren. In der echten Welt und nicht in einer erdachten.

Die gebürtige Somalierin, die nach einigen Jahren als niederländische Parlamentsabgeordnete nun in den USA für einen Thinktank arbeitet und an einer Elite-universität lehrt, hat ein weiteres Buch über ihre Erfahrungen mit dem Islam geschrieben. In Reformiert euch! Warum der Islam sich ändern muss legt sie ihre Thesen für eine islamische Reformation vor, wohlwissend, dass sie nicht die Schlagkraft eines Luther besitzen.

Wichtiger wäre es, die passive Mehrheit der friedlichen Muslime für eine kulturelle Erneuerung zu begeistern. Religion ist ein Relikt. Nicht sie braucht einen Wandel, sondern die Gesellschaft.

Hirsi Ali ist auf dem weiten Feld der Islamkritik eine wohltuende Stimme. Unter den weiblichen Gesichtern ist sie das wohl prominenteste, nicht zuletzt wegen ihrer einstigen Nähe zum ermordeten Filmemacher Theo van Gogh und Bürgerschreck Geert Wilders. Während andere bekannte Islamkritikerinnen wie Pamela Geller oder Brigitte Gabriel zu schriller Brachialrhetorik neigen, die oft zwischen Ressentiment und Konspiration oszilliert, wählt Hirsi Ali einen milderen Ton.

Sympathischer Idealismus

Ihre nun vorliegenden Thesen sind gleichsam Rezepte, mit denen die islamische Welt genesen soll. Ein guter Arzt gibt sich nicht damit zufrieden, die Symptome einer Krankheit zu bekämpfen. Er sucht nach den Ursachen, damit der Patient nicht bloß von akuten Schmerzen, sondern auch von seinem Leiden geheilt wird. Ayaan Hirsi Ali ist sowas wie die Ärztin des Islam. Eine Islamologin, könnte man sagen.

Fünf Komplexe hat Ali ausgemacht, die ihrer Meinung nach einer Kur unterzogen werden sollten, fünf islamische Elemente, die reformiert werden müssen: Mohammed und der Koran, die Fixierung auf das Jenseits, die Scharia, die islamischen Sitten, der Dschihad. Außerdem teilt Ali die muslimische Welt in drei Bevölkerungsgruppen auf: in Mekka-, Medina- und Reformmuslime. Während Medina-Muslime sich an den gewalttätigen Suren des Koran orientieren, die Mohammed in Medina offenbart wurden, und mit dem IS, Boko Haram und Al Qaida sympathisieren, versuchen Reformmuslime die Religion hinter sich zu lassen und die islamische Welt in ein Zeitalter der Aufklärung zu führen. Beide Gruppen sind Minderheiten innerhalb der Umma, der Weltgemeinschaft aller Muslime. Die große Mehrheit sind die von Ali sogenannten Mekka-Muslime, also die friedliche Mehrheit, die leider passiv bleibt, schweigt und keinen Drang verspürt, gegen den aufkeimenden Fanatismus in der islamischen Welt anzugehen.

Immer wieder zieht Ali Vergleiche zum Europa der Neuzeit, zu Luther und der Aufklärung. Zwar bekennt sie, dass eine islamische Reformation wohl ganz anders ablaufen würde als die christliche, sie zieht aber zahlreiche Parallelen. Doch der Vergleich mit dem Christentum hinkt. Das Aufbegehren Luthers und anderer Reformer im spätmittelalterlichen Europa war vor allem der Protest gegen eine Institution und nicht gegen eine Ideologie. Luther kritisierte nicht die Bibel und das Urchristentum, sondern den Ablasshandel und das Papsttum.

Ayaan Hirsi Ali: Reformiert euch! Warum der Islam sich ändern muss. Albrecht Knaus Verlag 2015, 304 S., € 19,99
Ayaan Hirsi Ali: Reformiert euch! Warum der Islam sich ändern muss. Albrecht Knaus Verlag 2015, 304 S., € 19,99

Ali ist davon überzeugt, dass die Reformation des Islam kurz bevorsteht oder sogar schon begonnen hat. Doch Ali macht in ihren Beobachtungen wie in ihren Vorschlägen einen entscheidenden Fehler: Sie argumentiert zwar praxisnah, sucht Lösungen aber ausschließlich in der Theologie. Ihr Vorschlag, den Koran neu zu interpretieren, ist geradezu naiv. Wer soll das heilige Buch der Muslime neu deuten? Welche Suren sollen heute noch Gültigkeit haben? Nur die friedlichen? Nur die gendergerechten? Nur die ökologisch-nachhaltigen? Ein Buch wie den Koran, von dem jeder gläubige Muslim – ob friedlich oder extremistisch – glaubt, es enthalte das unverfälschte Wort Allahs, kann man nicht neu interpretieren oder updaten.

Den Koran und damit den Islam einer historisch-kritischen Neubewertung zu unterziehen, ist ein genauso blauäugiges Vorhaben, wie den Nahostkonflikt lösen zu wollen, China vor einer Überbevölkerung zu retten oder sämtliche Länder der nicht-westlichen Welt in liberale Demokratien zu verwandeln. Gute Absichten zeitigen nicht automatisch gute Ergebnisse; ja oft ist sogar das Gegenteil der Fall.

Aus demselben Grund wehrt sich die katholische Kirche so vehement gegen die Frauenordination, die Priesterehe und die Gleichstellung der Geschlechter: um ihren Markenkern zu schützen. Sich den Werten der aufgeklärten Moderne zu verschreiben würde zwar den meisten Sonntagschristen gefallen, es wäre aber auch der Untergang des zweitausendjährigen Katholizismus. Ein verwässertes Christentum gibt es schon, nämlich die Evangelische Kirche, warum also als Katholik klein beigeben.

Hirsi Ali betreibt in ihrem Buch hervorragende Analyse. Etwa wenn sie den Islam als Synonym dafür deutet, keine Fragen zu stellen. Das akademische Gerede, dass Gewalt im Namen des Islam immerzu auf „sozioökonomische Benachteiligung und postmoderne Entfremdung“ zurückzuführen sei, hält sie für westliche Propaganda. Als Beispiel führt sie die drei in einem islamischen Elternhaus sozialisierte Geschwister aus Chicago an, die im Oktober 2014 nach Syrien ausreisen wollten, um sich dem IS anzuschließen. Die Geschwister, zwei Jungen und ein Mädchen im Teenageralter, kamen aus einer wohlhabenden Familie und kannten den Koran in- und auswendig.

Alis Thesen über den Islam sind von einem sympathischen Idealismus getrieben. Als Realist behält man nach der Lektüre jedoch Zweifel, ob man Konzepte wie den Propheten, das Märtyrertum und den Dschihad überhaupt reformieren kann. Wichtiger wäre das Eingeständnis, dass islamische Länder unter säkularen Despoten bislang am besten gefahren sind. Und noch wichtiger wäre es, die passive Mehrheit der friedlichen Muslime für eine kulturelle Erneuerung zu begeistern. Religion ist ein Relikt. Nicht sie braucht einen Wandel, sondern die Gesellschaft. It’s the society, stupid!

Bilder: © apa picturedesk/Luyssen Jean-Luc

 

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