Einträge ins Nichts

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Das Jewish Museum in New York widmete dem vor zehn Jahren verstorbenen und in den USA noch immer unterschätzten Künstler Jack Goldstein die erste amerikanische Retro-spektive.
Von Thomas Edlinger

Ein Suchscheinwerfer schneidet ins Dunkel eines leeren Raumes und verbeißt sich in einen Mann mit langen Haaren und dunklem T-Shirt. Doch die gejagte Beute schlägt Haken wie ein Hase und versucht so, dem anonymen Blick zu entkommen. Wer ist schneller, der Mensch oder die Maschine? Das Performancevideo A Spotlight von Jack Goldstein aus dem Jahr 1972 zeigt das Bild des Menschen im Radar der technischen Medien. Es könnnet kaum aktueller sein: Das Ich zappelt im Fokus der Apparatur, die sein Verhalten am Computer und vor Überwachungskameras dokumentieren und zu einem Persönlichkeitsprofil zusammensetzt.

Das Jewish Museum in New York zeigte diesen Sommer eine chronologisch strukturierte Retrospektive des Kanadiers. Sie offenbart ein reichhaltiges und zugleich in der Wahl der Mittel bescheidenes Werk des beständigen Übergangs, das kein privilegiertes Genre kennt. Der Titel Jack Goldstein x 10,000 nimmt Bezug auf ein Interview aus dem Jahr 1985, in dem der Künstler die Bedeutung seines Namens relativierte: „Mein Name gehört nicht mir. Wenn man in das Telefonbuch schaut, findet man 10.000 Goldsteins.“

Burning Window,  1977, Courtesy 1301PE  © Estate of Jack Goldstein
Burning Window,
1977, Courtesy 1301PE
© Estate of Jack Goldstein

Tatsächlich artikulierte Goldstein, der bei John Baldessari studiert hatte, von Beginn an seine Skepsis über die Vorstellung eines souveränen Künstlers, der sich in verschiedenen Weisen ausdrückt. Goldstein trat stattdessen als Person in den Hintergrund. Er weigerte sich sogar, seine Bilder zu signieren, und arbeitete lieber mit den Medien über die Medien bzw. mit Formen über andere Formen. Sein Interesse galt der Macht der technischen Bilder, den Produktionsweisen der Unterhaltungsindustrie sowie der Frage, wie man den in der Pop-Art zelebrierten Fetischismus der bunten Warenwelt nochmals kritisch aufladen könnte. Sein letzter, verführerisch eleganter Film The Jump von 1978 lässt die funkelnden Silhouetten dreier geloopter Turmspringer ohne dreidimensional „gut gebauten“ Körper ins schwarze Nichts stürzen. Metro Goldwyn-Mayer von 1975 zeigt den brüllenden, zum Symbol Hollywoods gewordenen Vorspann-Löwen des Medienkonzerns MGM. Doch der Löwe ist im Loop gefangen, er muss wieder und wieder brüllen, zwei Minuten lang. Und danach folgt kein Film – Goldsteins Metafilm besteht in nichts anderem als einer desillusionierenden Meditation über die imaginäre Macht des Corporate Designs.

Goldsteins Werk wandelte sich über die Jahre
The Jump,1978,  16-mm-Farbstummfilm, 26 Sek., Courtesy Galerie Daniel Buchholz
The Jump,1978,
16-mm-Farbstummfilm,
26 Sek., Courtesy Galerie
Daniel Buchholz

und das Verdienst der New Yorker Ausstellung besteht darin, sein konzeptuelles Voranschreiten nachvollziehbar zumachen. Vor seinen Filmarbeiten in den 1970er-Jahren widmete er sich minimalistischen Performances wie A Glass Of Milk, in der eine Faust so lange auf den Tisch schlägt, bis das Glas Milch darauf umfällt und die herausschwappende Flüssigkeit sich zu einem weißen Drip Painting verwandelt. Seine skulpturalen Schallplattenserien entnahmen aus den Geräuscharchiven Hollywoods Soundaufnahmen, wie brennende Wälder oder bellende Hunde, und isolierten diese als ironisch gebrochene Sammlerstückartefakte in selbstgemachten, verschiedenfärbig gestalteten Editionen. Die seit den 1980er-Jahren entstandene Airbrush-Malerei zeigte häufig den von Lichtbögen erleuchteten Himmel über bombardierten Städten. Später widmeten sich kontrastreiche, bunte Bilder den Lichteffekten von Explosionen, Meteoritenschauern oder Blitzen und kokettierten mit dem Schauder des Erhabenen.

In den 1990er-Jahren wurde es immer ruhiger um den mit Drogenproblemen kämpfenden Künstler. Was auch daran liegt, dass Goldstein sich mehr und mehr auf grafisch gestaltete Aphorismen, Archiveinträge und Zitatgestaltungen verlegte. Goldstein, der Anfang der Nullerjahre wiederentdeckt wurde, offerierte aber auch im Medium der Schrift kein Identifikationsangebot. Eher spricht die Sprache durch ihn als umgekehrt. Am Ende der Schau steht denn auch eine sprachlose Filmfantasie über das menschenfeindliche Leben unter Wasser.

2003 schied Goldstein freiwillig aus dem Leben. Doch bereits 1972 erprobte er sein endgültiges Verschwinden im Medium der Kunst. Goldstein legte sich damals für eine Performance in der Nacht in einen Holzsarg. Seine einzige Nabelschnur zur Außenwelt bestand in einer roten Glühbirne, die mit ihm verkabelt war. Sie flackerte im Rhythmus seines Herzschlags.

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