„Eltern müssen bewogen werden, mit gutem Beispiel voranzugehen“

Mit 20 Jahren war Paul Haber österreichischer Meister im Schwimmen. 1984 habilitierte er für Sport- und Leistungsmedizin und begründete in der Folge die gleichnamige Abteilung im AKH Wien. Als Sportmediziner betreute er u. a. die Olympiateams 1992 und 1996. Heute hat er auf dem Gelände von Schloss Schönbrunn eine Ordination. Seit 1987 ist Haber Präsident des S.C. Hakoah Wien.

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© Ronnie Niedermeyer

WINA: Immer weniger Kinder machen ausreichend Bewegung; gleichzeitig leiden immer mehr Kinder an Fettleibigkeit – so eine im Wiener Journal vom 15. März zitierte Statistik. Was muss sich alles ändern, damit junge Menschen die Freude am Sport wiederentdecken?
Paul Haber: Eltern müssen bewogen werden, mit gutem Beispiel voranzugehen. Bereits im Kindergarten und auf allen Schulebenen sollte flächendeckend eine tägliche Bewegungseinheit eingeführt werden, die von einschlägig ausgebildeten Sportpädagoginnen und -pädagogen geleitet wird.

Auf dem Zweiten Zionistischen Kongress 1898 plädierte Max Nordau für „Muskeljuden“ als Pendant zu „Talmudjuden“. Inwieweit war diese Aussage für die jüdische Sportbewegung maßgeblich?
Für die Gründung eigener jüdischer Sportvereine um die vorvorige Jahrhundertwende war es – neben dem zunehmenden Antisemitismus der damaligen Zeit – tatsächlich eine wesentliche Motivation zu beweisen, dass Juden nicht nur auf intellektuellem Gebiet Großartiges zu leisten vermögen, sondern auch auf dem Gebiet des Körpersports ebenbürtig oder sogar besser sein können. Gerade dem S.C. Hakoah ist dieser Beweis in überwältigender Weise gelungen.

Erster Präsident des S. C. Hakoah Wien war Fritz Löhner-Beda, bekannt als Librettist zahlreicher Operetten und selbst begeisterter Fußballer. Schriftsteller Friedrich Torberg war in der Wasserballsektion des Sportclubs aktiv. Markus Rogan, zweimal Olympiazweiter im Schwimmen, ist zum Judentum übergetreten und arbeitet heute als Psychotherapeut. Sie selbst sind vom Hochleistungssportler zum Arzt geworden. Ist es eine besondere jüdische Eigenschaft, Koach und Sechel, also Kraft und Verstand zu kombinieren?
Die Kombination ist nicht typisch jüdisch, da Sport im Judentum seit jeher eher verpönt war. Dies geht auf die Zeiten des Hellenismus zurück, wo Sport meist zu Ehren der griechischen Götter betrieben worden ist. Glücklicherweise ist dieses Vorurteil heute weitgehend verschwunden. Traditionell ist allerdings, dass jüdische Eltern ihren Kindern eine gute Bildung angedeihen lassen. Wenn nun solche Kinder auch Sport betreiben, dann kommt es zwanglos zur Kombination von Koach und Sechel.

Die israelische Fußballnationalmannschaft greift auf einen österreichischen Teamchef, einen österreichischen Sportdirektor und einen österreichischen Mentalcoach zurück. Welches Know-how bringen die Österreicher in den israelischen Fußballsport ein – und wieso hat dieses österreichische Know-how der eigenen Nationalmannschaft nur selten zum Sieg verholfen?
Ich bin kein Experte für Mannschaftssportarten im Allgemeinen oder Fußball im Besonderen. Ich habe mir aber von Experten Folgendes sagen lassen: Wenn zwei Mannschaften technisch, taktisch und konditionell vergleichbar sind, dann gewinnt jene, die mental stärker ist. Daraus möge jeder seine Schlüsse ziehen.

Ihr Vater hat kurz nach Ende des Zweiten Weltkriegs maßgeblich mitgeholfen, den S. C. Hakoah wieder aufzubauen. Danach hat er sich jahrelang dafür eingesetzt, dass das 1938 beschlagnahmte Grundstück vom Bund restituiert wird. Welche Faktoren haben die Rückgabe so lange verzögert?
Generell ist in Österreich viele Jahrzehnte die Restitution des geraubten jüdischen Eigentums verzögert, behindert und verhindert worden, wie auch prominente Beispiele aus dem Kunstsektor belegen. Nach einigen vergeblichen Bemühungen hat sich im Rahmen der Washingtoner Verträge auch ein „Fenster der Gerechtigkeit“ für die Hakoah ergeben, das schließlich in der Restitution eines Teiles des alten Platzes und der Errichtung eines Sportzentrums gemündet hat.

Die Seniorenresidenz des Maimonides-Zentrums steht auf demselben Grundstück wie die Hakoah – doch nicht jeder Mensch war in jüngeren Jahren sportlich aktiv. Was würden Sie als Arzt einem älteren Menschen raten, der zum ersten Mal im Leben einen Sportclub betritt?
Wenn ein älterer Mensch zum ersten Mal oder nach langjähriger Pause mit sportlicher Aktivität beginnen möchte, rate ich vorab zu einer Untersuchung bei einem internistischen Sportarzt inklusive eines ergometrischen Belastungstestes. Dies dient einerseits dem Erkennen und Berücksichtigen allfälliger Risiken, der Beratung über geeignete Sportarten und andererseits der Festlegung des individuell optimalen, gesundheitsfördernden Trainingsprogrammes.

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