Endstation Bukarest

Drei Frauen und ein Mann. In seinem neuen Krimi Drei erweist sich Dror Mishani als Frauenversteher.

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Dror Mishani: Drei. Aus dem Hebräischen von Markus Lemke. Diogenes, 336 S., € 24,70

Ein Mord in einem Kibbuz. Undenkbar! Starker Gegenwind blies der israelischen Autorin Batya Gur entgegen, als sie mit ihrem Krimi offenbar einen Tabubruch beging. Doch kaum war das Skandalbuch Du sollst nicht begehren Ende des vorigen Jahrtausends erschienen, kam es tatsächlich zu einem Mord in einem Kibbuz, erzählte mir Israels „Queen of Crime“ einst in einem Interview. Das Krimigenre, das die 2005 verstorbene Dozentin für Literatur mit ihren feingesponnenen Romanen in Israel begründete, hat es dort noch immer eher schwer, vielleicht, weil das Leben im Land auch sonst an Spannung wenig vermissen lässt. Aber nicht zuletzt, weil der Krimi dort absolut kein literarisches Prestige genießt.
Nichtsdestotrotz beschäftigt sich Dror Mishani als Literaturwissenschaftler gerade mit der Geschichte der Kriminalliteratur und wollte sogar darüber dissertieren, doch da ist ihm Avraham Avraham und dessen erster Fall dazwischengekommen und dann noch der nächste, und seither ist Mishani auf dem besten Weg, den nach Gurs Tod verwaisten Krimithron zu besteigen. Mit seinem jüngsten Wurf Drei ist er allerdings nicht nur seinem melancholischen Ermittler untreu geworden, sondern hat auch seinen deutschsprachigen Verlag gewechselt und erscheint nunmehr bei Diogenes, der seit Langem gepflegte Spannung verlegt.

»Das Krimigenre hat es in Israel noch
immer eher schwer.«

Gil und die Frauen. In einem Datingportal für Geschiedene trifft die Alleinerzieherin Orna auf den Rechtsanwalt Gil Chamtzani, der sich auf die Erlangung europäischer Staatsbürgerschaften für Israelis spezialisiert hat. Ihr Ex-Mann lebt mit einer Deutschen und deren Kindern in Nepal, und Eran, ihr sensibler Sohn, ist deshalb in psychologischer Betreuung. Zögerlich, aber doch lässt sich Orna auf die neue Beziehung ein, und Gil lädt sie schließlich auf ein Wochenende nach Bukarest ein, wo er nebenbei berufliche Termine hat.
Emilia kommt aus Riga und pflegt den aus Linz stammenden Kinderarzt Nachum bis zu dessen Tod und danach eine demente Alte in einem Seniorenstift. Trost für ihr einsames Dasein sucht sie in einer katholischen Kirche in Jaffa und putzt nebenbei in der meist leeren Zweitwohnung Gils, der Nachums Sohn ist. Nachdem er ihr einen rechtlichen Rat erteilt hat, kommt er der armen Seele auch menschlich näher und bietet Emilia schließlich an, ihn auf einer geschäftlichen Reise nach Bukarest zu begleiten.
Die Dritte stellt sich als Ella vor, als Gil sie in einem Café anspricht, in dem sie täglich vormittags an ihrem Laptop arbeitet; sie ist verheiratet und als Mutter dreier kleiner Töchter froh um etwas Freiraum. In den Rauchpausen und bald darüber hinaus entspannt sich ein Etwas vor allem in Mails, bis Gil ihr ein gemeinsames Wochenende in Warschau vorschlägt.
Mehr zu verraten, hieße, dem Page-Turner die stetig steigende Spannung zu nehmen, denn dass es sich um einen Thriller handeln muss, wird einem spätestens im Finale der ersten Episode klar. Gemeinsam mit dem allwissenden Erzähler bangt man mit den Frauen, die psychologisch genau, einfühlsam und liebevoll gezeichnet sind, wo hingegen man von Gil nur so viel oder wenig erfährt wie seine jeweiligen Partnerinnen. Da hätte man wohl gerne mehr über die Abgründe und Motive des geheimnisvollen Mannes gewusst, doch die bleiben leider letztlich im Dunkeln.
Lokal verortet und global verständlich ist auch Drei wie eigentlich jeder gute Krimi. Israel-Besucher werden freudig so manche Schauplätze wiedererkennen; das Milieu des urbanen Mittelstands mit seinen größeren und kleineren Krisen, Scheidungen, Therapeuten, Partnerbörsen etc. ist ohnehin universal vertraut. Nur peripher ist die spezifische „Israeliness“ spürbar, und die „Lage“ kommt eher zynisch zur Sprache, wenn Anwalt Gil einmal meint, kurze Kriege seien „ganz gut fürs Geschäft“, denn dann wollten alle ausländische Pässe „als Plan B für den Fall, dass wir den nächsten Krieg nicht überleben“. Israelisch ist aber vielleicht auch, dass es im Heiligen Land zwar wirklich vieles, aber offenbar keine Serienmörder gibt. Bisher jedenfalls.

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