„Energiemarkt: eine Vielzahl von neuen Playern“

Die österreichische Unternehmerin Eveline Steinberger-Kern, die seit acht Jahren in Israel in der Technologiebranche aktiv ist, im Interview mit Reinhard Engel über die Unterschiede zwischen Österreich und Israel, über Abhängigkeiten von Energielieferanten und über einschlägige Innovationen.

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Eveline Steinberger-Kern hat seit 2014 vier eigene Unternehmen im Bereich der digitalen Services in Wien und Tel Aviv gegründet. © Reinhard Engel

WINA: Österreich und Israel sind von der Bevölkerung her vergleichbare Länder, und doch unterscheiden sich ihre Energiesysteme deutlich, bei den Verbrauchern, den Erzeugern und auch bei den Netzen. Beginnen wir bei den Verbrauchern.
Steinberger-Kern: Von der Bevölkerung her liegen Österreich und Israel etwa gleich auf, was die Fläche betrifft, entspricht jene Israels etwa der von Niederösterreich. Tatsächlich ist aber die Situation, was die Verbraucher angeht, in Israel eine etwas andere. Wir haben dort im Vergleich zu Österreich, aber auch zu anderen europäischen Ländern oder zu den USA deutlich weniger Verbrauch durch die Industrie. Es gibt einfach weniger Schwerindustrie im Land.

Und die geografische Lage?
I Eine wesentliche Rolle spielt natürlich das Klima. Im Sommer hat es immer wieder weit über 40 Grad, die Kühlung von Kraftwerken, Büros oder Wohnungen benötigt extrem viel Energie. Und es gibt eine andere Bürokultur, es wird sehr stark klimatisiert. Vor den großen Gasfunden im Mittelmeer und dem Ausbau neuer Gaskraftwerke hat es an sehr heißen Tagen schon Engpässe beim Strom gegeben, einzelne Verbraucher mussten ihren Energieverbrauch reduzieren.

Wie vergleicht sich der Energieverbrauch insgesamt in beiden Ländern?
I Der Stromverbrauch in Israel ist in den letzten 20 Jahren stark gestiegen und wird auch weiter steigen. Pro Kopf ist der Verbrauch durchaus mit Österreich vergleichbar.

Wie unterscheiden sich die Energiequellen der beiden Länder – von Importen von Kohle, Öl und Gas bis zur eigenen Stromerzeugung und der eigenen Förderung von Kohlenwasserstoffen? Österreich ist ja etwa auf der Gas-Seite sehr von russischen Lieferungen abhängig, hat Israel hier besser diversifiziert?
I Zunächst muss man zu Österreich sagen, dass wir trotz der vielen Wasserkraft auch beim Strom ein Importland sind, etwa zehn Prozent unseres Strombedarfs können wir derzeit nicht selbst decken. Aber insgesamt ist Österreich bei den erneuerbaren Energiequellen bei der Stromerzeugung sehr weit, diese machten zuletzt etwa 78 Prozent aus, der EU-Schnitt liegt nur bei knapp über 30 Prozent. Die Abhängigkeiten beim Gas sind offensichtlich; der aktuelle Energiepreisanstieg trifft in Österreich die Industrie hart. Israel hat seine eigenen großen Gasfunde im Mittelmeer, die beiden Felder Tamar und Leviathan liefern seit 2013 und 2019. Ein Gutteil von diesem Gas wird verstromt, einige der alten Kohlekraftwerke wurden bereits umgestellt, neue Gaskraftwerke wurden gebaut. 2020 war der Schlüssel 67 Prozent Gas und 18 Prozent Kohle. Von Letzterer wurde ein Teil aus Russland geliefert, aber dieser dominierte nicht. Sechs Prozent der Energie kam aus erneuerbaren Energiequellen. Das steigt aber nun rasch an.

„Israel ist seit mehreren Jahrzehnten führend,
was digitale Transformation angeht,
und hat
ein außergewöhnlich fortgeschrittenes
Innovationsökosystem.
Eveline Steinberger-Kern

 

Damit liegt Israel bei den erneuerbaren Energiequellen doch deutlich zurück?
I
Ja, aber das wird sich schon in kurzer Zeit ändern. Das Ziel für so genannte Renewables für 2025 ist im Vergleich zur Ausgangssituation ambitioniert: 21 Prozent. Der Ausbau wird jetzt massiv angekurbelt. Natürlich hat hier Israel eine andere Ausgangslage als Österreich, kaum Wasserkraft, wenig Wind. Aber es gibt auch interessante einzelne Beispiele, etwa den Kibbuz Maale Gilboa mit einem Pumpspeicherkraftwerk. Insgesamt dominiert natürlich die Energie aus Fotovoltaik, und diese wird jetzt massiv ausgebaut.

Warum hat das bisher so lang gebraucht? War die nationale Stromgesellschaft IEC der Bremser?
I Das lag nicht nur an der IEC. Die Energiemarktliberalisierung hinkt hinter jener in der EU hinterher. So musste der Marktführer schon einige Gaskraftwerke abgeben. Die IEC hat kein Monopol mehr, sie war 2020 noch für 61 Prozent der Stromerzeugung verantwortlich, das Ziel Israels ist es, die IEC auf ein Drittel des Marktes zu beschränken. Dabei hilft auch die intensive staatliche Förderung von Fotovoltaikanlagen – nicht für Private, sondern für Unternehmen. Hier tut sich wirklich wahnsinnig viel, es gibt eine Vielzahl von neuen Playern mit neuen Geschäftsmodellen, ich sehe das auch in meinen eigenen Aktivitäten der Blue Minds Group in Israel. TelekomProvider, Supermarktketten, Immobilienentwickler nutzen alle ihre Flächen auf den Dächern für neue Sonnenkollektoren und kombinieren das auch mit Batterien für die Nächte, um insgesamt unabhängiger von fossilen Energieträgern zu werden.

Ist das für den Eigenbedarf, oder speisen sie auch ins Stromnetz ein?
I Sowohl als auch. Das Einspeisen hängt natürlich auch davon ab, wie attraktiv die Preise zum jeweiligen Zeitpunkt sind. Dafür braucht es neue SoftwareLösungen, wie wir sie etwa mit Start-ups entwickelt haben, um dieses Angebot-Nachfrage-Spiel bewältigen zu können. Diese Lösungen können aufzeigen, zu welchem Zeitpunkt es besser ist, selbst zu konsumieren, und wann ist es besser, einzuspeisen oder umgekehrt vom Netz zuzukaufen.

Und schließlich zeigen auch die Netze deutliche Unterschiede, von der Einbindung in die jeweilige Region bis zur Gestaltung im eigenen Land.
I Israel hat auf Grund der geopolitischen Lage keine vergleichbare Einbettung in die Region wie europäische Länder. Es hat immer wieder Überlegungen gegeben, von diesem Inseldasein wegzukommen. Man hat versucht, das Stromnetz mit Jordanien zusammenzuschließen, zwischen Eilat und Akaba. Das ist gescheitert. Später hat man versucht, mit der Türkei eine Stromverbindung herzustellen, das wurde durch die Verschlechterung der politischen Situation verhindert. Der neueste Versuch ist jetzt ein EurasiaInterconnector, ein Unterseestromkabel zwischen Israel, Kreta, Zypern und dem europäischen Festland. Das soll 2024 gebaut werden.

Kommen wir zu Ihrem eigenen Geschäft. Wo sehen Sie momentan im Bereich Start-ups und Energie Bewegung?
I Israel ist seit mehreren Jahrzehnten führend, was digitale Transformation angeht, und hat ein außergewöhnlich fortgeschrittenes Innovationsökosystem. Das wird von staatlicher Seite, vom Innovationsministerium, besonders gut gefördert, Risiko in der Frühphase wird übernommen, es gibt zahlreiche Inkubatoren etc. Das war bisher vor allem in anderen Sektoren konzentriert, bei Halbleitern, im Bereich Cyber Security, Agrartechnologie, Medizintechnik und Pharmazie. Seit Neuestem, und das ist eine schöne Entwicklung, wird jetzt großes Augenmerk auf den wichtigen Bereich Energie und Klimaschutz gelegt. Die Israelis sind wirklich ein Phänomen: Sie können sich innerhalb kürzester Zeit adaptieren und auf einen neuen Trend setzen, Ressourcen neu konzentrieren. Staatliche Programme unterstützen das ebenso wie Risikoinvestoren. Einschlägige Universitätsinstitute gab es ja schon länger, aber jetzt wird dort verstärkt gegründet, es entstehen junge Unternehmen mit neuen Geschäftsmodellen. Wir haben das sehr erfreut wahrgenommen.

Sie sind ja selbst in diesem Umfeld aktiv.
I Die Blue Minds Group beschäftigt sich seit ihrem Start 2014 genau damit: mit Start-ups, Venturing und neuen Geschäftsmodellen. Das tun wir etwa mit unserer Tochterfirma FSIGHT. Da geht es mit Hilfe von künstlicher Intelligenz um die Optimierung von schwankendem Verbrauch und unterschiedlicher Nachfrage in einem volatilen Umfeld. Es freut mich auch, dass die Blue Minds Group in diesem Jahr bei einem internationalen Konsortium dabei sein und einen Climate Tech Incubator aufbauen kann, den das Innovationsministerium ausgeschrieben hat. Der internationale Mitbewerb war sehr groß. Wir sind mit einer israelischen Gruppe, OSEG, ins Rennen gegangen, gemeinsam mit der französischen TOTAL und mit weiteren europäischen Unternehmen aus der Erneuerbaren-Branche, EREN Industries aus Luxemburg oder DK Innovation aus Irland.


EVELINE STEINBERGER-KERN wurde 1972 in der Obersteiermark geboren. Sie promovierte an der Grazer Karl-Franzens Universität in Wirtschaftswissenschaften. An der INSEAD in Frankreich absolvierte sie zusätzlich ein Executive-Management-Studium. Sie ist Unternehmerin in neuen Technologiefeldern (künstliche Intelligenz, Big Data, Augmented Reality, 3D, Robotics etc.) und war 20 Jahre in verschiedenen leitenden Positionen in den Bereichen Energie und Infrastruktur mit internationaler Verantwortung tätig, etwa bei Verbund und Siemens. Seit 2014 hat sie vier eigene Unternehmen (FSIGHT, Digital Hero, 12energy, Techhouse) im Bereich der digitalen Services in Wien und Tel Aviv gegründet und entwickelt. 2014 gründete sie auch die The Blue Minds Company, die sich mit Fragen der globalen Energiewende, der Entwicklung von Geschäftsmodellen auf Basis der Digitalisierung und Investitionen in Start-ups beschäftigt. In der italienischen Bank Unicredit Bank Austria und dem bayrischen RenewablesPlayer BayWa r.e. sitzt sie im Aufsichtsrat.

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