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Was haben die italienischen Sweatshirts von Ellesse und die engen Schwimmhosen von Speedo gemeinsam? Sie gehören einer britischen Familienholding der Rubins.

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Stephen (l.) und Andy Rubin stehen vor der Geschichtswand im Headquartier von Pentland Brands, neben einem Gemälde und einem Foto der Firmengründer Berko und Minnie Rubin. © Pentland Brands

Stephen Rubin wollte eigentlich Anwalt werden – und Politiker. Der 1937 Geborene kandidierte als 21-jähriger Liberaler in einem Londoner Wahlkreis für das Unterhaus – und scheiterte. Er hatte freilich einen Plan B: die Liverpool Shoe Company seiner Eltern. Berko und Minnie Rubin, Immigranten aus Polen, hatten diese im Jahr 1932 gegründet und belieferten als Großhändler den Einzelhandel im ganzen Land. Schritt für Schritt vergrößerten sie das Unternehmen, übernahmen mehrere kleinere Schuhhersteller, wagten sich sogar 1964 an die Börse in London. Stephen arbeitete nun gemeinsam mit seinem Vater im Management. Nach dessen Tod im Jahr 1969 sollte sich alles ändern.

Rubin Junior startete eine beispiellose Expansion, probierte zunächst unterschiedliche Branchen aus, kaufte etwa einen Schiffsmakler oder Anteile eines Wein- und Bierherstellers, gab diese aber bald äußerst profitabel wieder ab. Dann begann er sich zu spezialisieren, sammelte in den nächsten Jahren eine Reihe von Marken aus der Schuh- und Sportbranche in sein Portfolio. Heute ist die Pentland Group, 1973 als Pentland Industries Ltd. gegründet, das größte Sportartikelkonglomerat des Vereinigten Königreichs.

Dazu gehört etwa die Mehrheit an der börsennotierten JD Sports Fashion Plc. einem internationalen Handelskonzern mit Aktivitäten bis Frankreich, Australien und Südkorea. Dieser erzielte im Jahr 2024 mit 53.000 Mitarbeitern mehr als 10 Mrd. Pfund Umsatz. Weiters gehören Pentland Mehrheitsbeteiligungen am italienischen Sportmodekonzern Ellesse, an der ursprünglich australischen Firma Speedo oder am – trotz deutschem Namen – britischen Outdoor-Ausstatter Berghaus.

© Pentland Brands

Die Geschichten und Gründer dieser Tochterfirmen sind äußerst unterschiedlich. So geht etwa Ellesse auf die Anfangsbuchstaben von Leonardo Servadio zurück (LS). Er gründete das Unternehmen 1959 im italienischen Perugia. In den 70er-Jahren wurde die Marke immer bekannter, sowohl im Wintersport als auch im Tennis. Stars beider Sportarten waren ihre Botschafter: Marc Girardelli und Boris Becker, Cris Evert-Lloyd und Mats Wilander, aber auch der Formel- Eins-Rennfahrer Alain Prost. 1994 übernahm Pentland 90 Prozent der Unternehmensanteile, zehn Prozent blieben beim Gründer Servadio.

Speedo, bekannt für Schwimmhosen und Badeanzüge im Spitzensport und an privaten Pools, wurde schon 1914 von einem schottischen Einwanderer in Australien gegründet. Nach dem Zweiten Weltkrieg expandierte das Unternehmen kräftig, notierte auch an der Börse in Sydney, wuchs in den USA und in England. 1990 kaufte sich Pentland erstmals in die Firma ein, zunächst über eine Beteiligung am großen US-Lizenznehmer, 2020 übernahm man dann an Speedo die Mehrheit.

Berghaus wiederum wurde 1966 im nordenglischen Newcastle von zwei lokalen Bergsteigern gegründet, die ursprünglich Wanderschuhe und Regenschutz importiert hatten. Sie gaben ihrem Unternehmen einen deutschen Namen, um auf alpine Bergtouren anzuspielen, die damit möglich wären. 1993 übernahm die Pentland Group das Unternehmen.

 

Die International Jewish Sports Hall of
Fame (IJSHOF) zeichnete Stephen Rubin
2008 mit einem Lifetime Achievement Award aus.

 

Mit dem französischen Sportartikelhersteller Lacoste, der zur Genfer Holding der Maus Frères* gehört, gibt es eine gemeinsame Firma. Lacoste-Schuhe gehört zu 50 Prozent ebenfalls den Rubins.

Den bei Weitem größten Coup lieferte Rubin allerdings mit einer Sportmarke, die er inzwischen bereits wieder abgegeben hat. 1981 kaufte er 55 Prozent der britisch-amerikanischen Sneakerfirma Reebok, die damals in großen Schwierigkeiten steckte, um lächerliche 77.500 Dollar. Es gelangen eine beispiellose Sanierung und ein rasanter Aufstieg des Unternehmens, selbst innerhalb der Gruppe wurde Reebok immer dominanter. So machten dessen Umsätze im Geschäftsjahr 1983–1984 bereits rund 70 Prozent der gesamten Pentland-Umsätze aus, und das hoch profitabel. 1991 machte Rubin Kasse und verkaufte seine Reebok-Anteile um 770 Mio. Dollar. Zwischenzeitlich gehörte die Marke dann zum deutschen Adidas- Konzern, heute der amerikanischen Authentic Brands Group.

* Siehe dazu: wina-magazin.at/das-krokodil-im-warenhaus

Es ging aber auch nicht immer alles glatt. So gab es bereits seit 1964 – noch aus der Firma der Eltern – an der London Stock Exchange eine Notierung. Die Stimmenmehrheit hatten die Rubins allerdings stets behalten. Für die Einkaufstour neuer Marken brauchte es deutlich mehr Geld, und das holte sich Rubin 1989 zum Teil mit einem weiteren Börsengang. Die Investoren waren allerdings in der Folge mit den Ergebnissen nicht wirklich zufrieden, hätten sich höhere Ausschüttungen erwartet. Statt sich dauerhaft mit ihnen herumzuärgern, nahm Rubin das Unternehmen wieder vom Handelsplatz, kaufte im Jahr 1999 sämtliche Aktien zurück und machte daraus wieder eine private Familien-Holding.

Stephen Rubin selbst wurde durch seine kühne Zukaufspolitik und sein breites Markenportfolio zu einem der reichsten Männer Englands, sein Wert wird auf mehrere Milliarden Pfund geschätzt. Die Sunday Times führte ihn mehrmals auf ihrer Liste der größten Steuerzahler des Landes, einmal auf dem zweiten Platz, im Jahr 2019 sogar als Nummer Eins. Sein geschäftlicher Erfolg trug ihm auch zahlreiche Ehrungen ein, etwa den Order of the British Empire oder die Eintragung in der International Jewish Sports Hall of Fame in Netanya. Die Unternehmensgruppe wird inzwischen von einem familienfremden indischen Manager geführt.

Rubin hat mit seiner Frau Angela vier Kinder, Sohn Andrew Keith ist inzwischen an die Spitze des Aufsichtsrats von Pentland aufgerückt.

 

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