Entgrenzung der Grenzen‏

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 Tsibi Geva bespielt mit seiner ausladenden Installation Archäologie der Gegenwart den israelischen Pavillon auf der Biennale in Venedig. Von Thomas Edlinger

Die Französin Camille Henrot gehört zu den Shootingstars der Postinternetkunst. In ihrer auf der Venedig-Biennale 2013 preisgekrönten Videoinstallation Grosse Fatigue schließt sie in einem Washingtoner Museum gewonnene Aufnahmen über den Schöpfungsmythos mit Filmmaterial und Found Footage aus dem Netz kurz. Die Bilder werden wie Browserfenster übereinandergeschichtet, an- und weggeklickt. Die zeitliche Ordnung in dieser rasanten, die „große Müdigkeit“ erzeugenden Verknüpfung gerät durcheinander. „Manchmal erscheint Gott vor der Schöpfung und nicht danach“, erklärt Henrot ihre assoziative Bilderklicklogik.

Der installative Raum Gevas spielt ebenso mit der Vorstellung von Durchlässigkeit und Hybridität wie seine schichten- und
facettenreiche Malerei.

Der diesjährige Beitrag für den israelischen Pavillon in Venedig stammt von Tsibi Geva. Er verfolgt zumindest dem Titel nach ein vergleichbares Anliegen. Auch ihm geht es um die Sichtung und Rekapitulation von Geschichtsbezügen und Identitätsentwürfen. Seine Archäologie der Gegenwart vertraut aber im Unterschied zu Henrots digitalem Bilderoverkill auf handfeste Materialität und Objekthaftigkeit. Sie ist, wenn man so will, Präinternetkunst.

Fragmentierung und Destabilisierung

gevaDie Installation folgt dem Leitmedium der Malerei. Sie wächst aus dem Innenraum heraus. Die Dramaturgie lässt an einen Hindernisparcour denken. Schließlich baut Geva immer wieder Blockaden und irritierende Momente ein, die sich gegen eine allzu behagliches Kontemplation des schlendernden Besuchers zur Wehr setzen. Das zentrale inhaltliche Motiv findet sich in der Fragmentierung von Momenten des Häuslichen. Geva arrangiert diverse, von ihm bereits in früheren Arbeiten immer wieder integrierte architektonische Objekte wie Terrassenfliesen. Heterogene, verschlossene Fensterläden schmiegen sich in einer Raumecke aneinander und wirken fast wie in Petersburger Hängung arrangierte Bilder in einem Salon. So dienen die Objekte zur Destabilisierung von Demarkationslinien von öffentlichem und privatem Leben. Sie erzählen von der Sicht auf das Innen und das Außen innerhalb eines privaten oder auch staatlichen Schutzwalls.

Die Vorstellung der Abdichtung von individuellen Behausungen oder staatlichen Hoheitsgebieten steht auch im vieldiskutierten Zombiefilm World War Z von Marc Foster im Zentrum. Dort sind es die Horden der Untoten, die über die Mauer klettern, in Jerusalem einfallen und auf Menschenjagd gehen. Man hat dem Film unterstellt, der Fantasie eines des Überranntwerdens durch arabische Massen neue Nahrung zu geben und so insgeheim Propaganda für Paranoia und die Abschottung Israels durch möglichst unüberwindbare Grenzanlagen zu machen. Doch der Fall bei World War Z ist komplizierter. Denn die Zombies machen keinen Unterschied zwischen Juden und Arabern, Israelis und Palästinensern, die dort angesichts der gemeinsamen Bedrohung ihre alten Feindschaften begraben haben und sich nun der neuen Bedrohung stellen. Allerdings muss das Rückzugsgebiet der Lebenden erneut als befestigter Ausgangspunkt für den Wiederaufbau der zerstörten Grenzen dienen.

geva3Solche offensichtlichen Fiktionalisierungen der politischen Frage nach Sicherheit und Abschottung sucht man in Gevas Installation vergeblich. Allerdings wird der Pavillon als Repräsentation des Staates in seiner räumlichen Ordnung irritiert – eine Praxis, die in vielen Länderbeitragen, nicht zuletzt in den österreichischen, schon seit einigen Jahren fast so etwas wie eine Tradition ist.

Auch im israelischen Pavillon sind Raum und Geschichte, die horizontale und die vertikale Schichtung immer wieder ein Thema. Gilat Ratman inszenierte anlässlich der letzten Biennale 2013 eine raffinierte Dokumentation unterirdische Verbindungen zwischen Haifa und dem Giardini. Dabei spielten aus dem Untergrund auftauchende menschliche Maulwürfe und Ausgrabungsstätten eine Rolle.

Die in den Außenraum herauswuchernden, „archäologischen“ Objekte von Geva hingegen lassen das, was sich normalerweise schließt, auseinanderfallen. Der installative Raum Gevas spielt ebenso mit der Vorstellung von Durchlässigkeit und Hybridität wie seine schichten- und facettenreiche Malerei. Auch die will keine Aussagegrenzen akzeptieren und entscheidet sich nicht zwischen Figuration und Abstraktion, Collagentechnik und Expressionismus.

Tsibi Geva wurde 1951 im Kibbutz Ein Shemer geboren, er lebt in Tel Aviv. International gehört er trotz einer Galerienvertretung in New York nicht unbedingt zu den Superstars der Gegenwartskunst und wurde bislang vorrangig in kleineren Kunsthäusern gezeigt. In Israel ist der an der Universität von Haifa lehrende Künstler hingegen alles andere als unbekannt und mit diversen Preisen aufgezeichnet. Er bespielte unter anderen das Haifa Museum der Kunst und das große Israel Museum in Jerusalem; und das Tel Aviv Museum für moderne Kunst widmete ihm bereits eine Retrospektive.

Die Biennale in Venedig eröffnet am 9. Mai und schließt am 22. November. Der israelische Pavillon wird dieses Jahr von der Tel Aviver Kuratorin Hadas Maor verantwortet. Die darin und rund herum zu sehende Installation von Tsibi Geva heißt Archäologie der Gegenwart.

Bilder: © Tsibi Geva © Foto: Elad Sarig

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