„Erinnern, versöhnen und Zeichen setzen“

Eine Pastorin und eine Medizinerin engagieren sich leidenschaftlich gegen Antisemitismus, für Israel und ihr Herzensprojekt, den Marsch des Lebens.

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Erinnern verpflichtet: Der March of Life kommt endlich auch nach Wien. © marschdeslebens.org

MARSCH DES LEBENS
26. April 2026, 14:30 Uhr, Startpunkt Josef-Meinrad-Platz
15:30 Uhr Abschlusskundgebung Ostarrichi-Park
birgit.berchtold@wunderwerk.wien
Johannesgasse 4, 1010 Wien

    Fragen beantworten die beiden in gut eingespielter Doppelconférence. Aus verschiedenen Arbeits- und Lebenswelten stammend, vereint sie eine Mission, die sie mit ungeheurem Engagement und persönlichem Einsatz verfolgen. Wir treffen einander im AKH. Franziska Eckert ist hier an der Universitätsklinik für Radioonkologie als stellvertretende Leiterin tätig. Birgit Berchtold ist Pastorin bei „Wunderwerk“, einer Freikirche mit Standort auf den ehemaligen Anker-Gründen. In einem ruhigen Seminarraum legen die beiden los, denn wenn es um ihr gemeinsames Herzensprojekt, den Marsch des Lebens (MdL), geht, kennen sie offenbar kein Halten.

    Berufung. Auf ihr Aufwachsen mit den Geschichten der Bibel in einer christlichen Familie führt Birgit ihr Interesse für das Judentum zurück. Als sie in der Schule vom Holocaust erfuhr, war sie so erschüttert, dass sie beschloss, nach der Matura für zwei Monate in einen Kibbuz nach Israel zu gehen. Als Kindergärtnerin und Coach ausgebildet, absolvierte die Mutter dreier Kinder schließlich einen pastoralen Lehrgang für die Freikirche, ein staatlich anerkannter, „sehr bunter Zweig“ im Kreis der Pfingstgemeinden, wie sie es beschreibt. Nach dem die Gemeinde die Expedithalle auf dem ehemaligen Ankerbrot- Areal in Wien Favoriten kaufen konnte, begannen sie und ihr Mann, sich mit der Geschichte der ursprünglich jüdischen Eigentümer und der jüdisch-ungarischen Zwangsarbeiter:innen während des Nationalsozialismus zu befassen. Birgit fühlte „einen g’ttlichen Auftrag“, sich dieser Aufarbeitung anzunehmen, wusste aber nicht wie. Da kam Franziska ins Spiel, die gerade aus Tübingen nach Wien auf ihre Stelle im AKH berufen worden war. Ebenfalls einer Freikirche angehörend, entdeckte Franziska Anfang der 2000er-Jahre, dass es in der Nähe Tübingens zahlreiche Außenlager von KZs und Todesmärsche von dort nach Dachau gegeben hatte. Alle Familien in ihrem Umfeld wollten davon nichts gesehen und gewusst haben. Mit anderen gemeinsam beschloss sie 2007, selbst diese 300 Kilometer von Tübingen nach Dachau zu Fuß abzugehen, daher der Name Marsch des Lebens.

    Nach einer berührenden Begegnung mit einer Holocaust-Überlebenden aus den USA, die als 16-Jährige in Dachau befreit wurde, entstand die Idee, diese Märsche regelmäßig und vor allem rund um den Yom HaShoa durchzuführen.

    „WIR GEHÖREN SEITE AN SEITE, G’TT
    HÄTTE DIESEN HASS NICHT GEWOLLT.“

    Die etwa 250 Mitmarschierenden begannen auch, ihre eigenen Familiengeschichten in Deutschland zu recherchieren, und entdeckten dabei Dinge, die ihnen „den Boden unter den Füßen“ wegzogen.

    Franziskas Großvater, so fand sie in Archiven heraus, war bei einer Eliteeinheit der SS und Ausbildner in einem SS-Lager gewesen. „Desertiert ist er erst, als die Rote Armee im Anmarsch war“, und nicht schon lange davor „aus Gewissensgründen“, wie es in der Familie hieß. „Das zu entdecken, hat uns wirklich zerbrochen. Die jungen Menschen von heute wissen bereits ganz genau, wo ihre Urgroßväter waren.“

    In der Überzeugung, dass die Wahrheit den Nachkommen der Täter:innen ebenso perhilft wie den jüdischen Überlebenden, organisierten sie 2008 den zweiten Marsch des Lebens im Osten Deutschlands, entlang einer Route, die sie mit einem Davidstern auf die Landkarte gezeichnet hatten. Inzwischen gibt es auch einen Zweig in Polen, ausgehend von Kielce, wo 1946 das berüchtigte Pogrom stattfand. Und in Südamerika stehen sich Nachfahren von Nazis und geflüchteten Juden gegenüber. Die Märsche gestalten sich je nach Ort also ganz unterschiedlich. „Gemeinsam ist uns, dass wir uns als Christ:innen dem Antisemitismus stellen, auch dem der Kirche, und dass wir die Wahrheit auf den Tisch legen.“

    In Wien steht Wunderwerk in der Person von Birgit Berchtold hinter der Organisation, deren Vision es vor allem ist, „zu erinnern, zu versöhnen und ein Zeichen zu setzen“. Versöhnen von HolocaustÜberlebenden und Nazi-Nachkommen, die ihre Stimme gegen Antisemitismus und für Israel erheben wollen. „Wir gehören Seite an Seite, G’tt hätte diesen Hass nicht gewollt“, ist die Pastorin überzeugt. „Und ein Zeichen setzen gegen alles, was sich neu zeigt, nicht wegzuschauen und zu schweigen, sondern wirklich gegen den Antisemitismus aufzustehen.“

    Solidarität mit Israel. Nach dem Schock des 7. Oktober 2023 haben die beiden den Kontakt zur jüdischen Community und Oberrabbiner Jaron Engelmayer gesucht. Anfang 2024 veranstalteten sie ein Seminar, um die „Decke des Schweigens“ in den eigenen Familien zu lüften, sowie einen „Abend zu Ehren Israels“ in der Expedithalle, wobei auch deren Vergangenheit thematisiert wurde.

    „Wir wollen uns aber nicht nur mit dem Holocaust beschäftigen und machen meistens im Mai einen Marsch der Nationen in Jerusalem, bei dem sich Menschen aus der ganzen Welt versammeln, um zu zeigen, wir stehen mit euch!“

    In Israel wurde March of the Nations bereits von der Knesset ausgezeichnet. „Wir waren 2018 mit über 1.000 Menschen in Jerusalem unterwegs, darunter auch Knesset-Abgeordnete, und in den letzten Jahren in weiteren Städten. Da ist es umgekehrt, denn dort haben sie noch nie Deutsche erlebt, die von ihrer Familie erzählen. Das erfahre ich auch an den Medical Schools in Israel, wo ich über Medizin und Holocaust, aber auch über meinen Großvater spreche“, erzählt Franziska.

    „WIR KÖNNEN UNS NICHT ZURÜCKZIEHEN,
    WENN ES EIN BISSCHEN BRENZLICH WIRD.“

    Beim MdL 2025 in Wien kamen auch Angehörige der damals noch nicht befreiten Geiseln zu Wort. Bei einer weiteren Aktion in Wien wurden am 7. Oktober 2025 ab 5:29 Uhr auf dem Judenplatz die Namen aller Umgekommenen vorgelesen. 2026 ist dem Motto „Erinnern verpflichtet“ gewidmet. Ausgangspunkt ist beim Rathaus, in dem Hitler am 9. April 1938 seine „Perlenrede“ gehalten hatte (in der er Wien als „Perle“ bezeichnete, die er „in jene Fassung bringen“ werde, die ihr „würdig sei“, Anm.). Von dort geht es über den Sigmund-Freud-Park zur Namensmauer. Dabei soll nicht zuletzt auch die Solidarität mit Israel demonstriert werden, denn „für uns als Nicht-Juden ist jetzt die Zeit, um aufzustehen und zu sagen: Israel hat ein Existenzrecht als jüdisches Land“, so Franziska. Und Birgit ergänzt: „Als Kirche bekennen wir uns dazu, dass Israel das auserwählte Volk ist und bleibt, und als Christen zum Staat Israel, der das größte Wunder in den letzten 100 Jahren ist. Eine prophetische Stimme sagt uns, wenn die Gesellschaft falsch abbiegt, so ist das nicht der Wille G’ttes. Antisemitismus ist gefährlich, antig’ttlich, und das müssen wir benennen. Wenn alles schön wär, wär’s ja easy. Gerade, wenn es schwierig wird, sehen wir es umso mehr als unsere Aufgabe, eine Stimme zu sein.“

    Auch mit der Organisation „Christen an der Seite Israels“ gibt es eine Kooperation. „Unsere Stimme ist eine andere, als wenn jüdische Menschen selbst etwas sagen. Das müssen wir nutzen und uns öffentlich in Wien auf die Straße stellen. Wir erreichen nicht die, die blind vor Hass sind, aber vielleicht die, die von den Mainstream-Medien eingeschüchtert sind. Das ist in den letzten zwei Jahren furchtbar. Was hilft, sind Storys, Lebenszeugnisse und die pesönliche Betroffenheit. Deshalb bieten wir Seminare an, um die eigenen Familiengeschichten aufzuarbeiten.“

    Geplant ist auch, auf dem Areal der Expedithalle ein Denkmal zu errichten, um an die jüdischen Zwangsarbeiter:innen zu erinnern.

    Mutiges Engagement. International ist MdL eine Erfolgsgeschichte. 2025 gab es 117 Märsche in über 20 Nationen, besonders viele in deutschen Städten.

    „In Österreich sind wir noch am Anfang. Unser Ziel ist nicht ein großer Marsch, besser wären viele an mehreren Plätzen. Da kann in den nächsten Jahren noch mehr entstehen.“

    In Wunderwerk wird Birgits Berchtolds Engagement teils wohlwollend aufgenommen. „Manche wollten, dass wir auch für Palästina auf die Straße gehen. Wenn es also manchmal noch ein bisschen holpert: Wir sind wir auf einem guten Weg, auch wenn es noch Dinge zu tun und Menschen zu gewinnen gibt.“

    Nicht zuletzt braucht es heutzutage viel Mut, um mit israelischen Fahnen in Wien zu marschieren, aber man will ja gerade die Straße gewinnen. „Ich glaube, wenn man gar nicht mitkann, fühlt man sich provoziert. Aber was ist die Alternative? Wir gehen nicht auf die Straße, um nur noch Palästinenserfahnen zu sehen. Das ist nicht meine Stadt. Wir können uns nicht zurückziehen, wenn es ein bisschen brenzlich wird. Ein Freund zeigt sich in schweren Zeiten.“

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