Im kommenden Juli wird Benno Kern 99 Jahre alt. Er hat sowohl das KZ Auschwitz als auch den Todesmarsch gegen Ende des Zweiten Weltkriegs überlebt. Die Claims Conference bewahrt seine Geschichte für kommende Generationen in Form einer Mixed-Reality-Erfahrung, die Mittwoch Abend an der Universität Wien präsentiert wurde.
Als Benno Kern Mittwoch Abend gemeinsam mit einem Sohn und einem Enkel von der Aula der Universität Wien in jenen Gang einbog, in dem Studierende, Lehrende und Besucher der Alma Mater Rudolphina am Ring noch bis Ende Juni „Benno’s Light“ – Benno Kerns Geschichte – mit einem Virtual Headset erleben können, kehrte Stille ein. Langsam ging er weiter in den Arkadenhof der Uni, wo schließlich die Präsentation dieser neuen Form von Zeitzeugenbericht stattfand.
Dabei kam auch Benno Kern selbst in einer kurzen Gesprächsrunde mit Sohn Sami und der Moderatorin des Abends, Danielle Spera, zu Wort. Sein dabei mehrfach wiederholter Appell: „Erzähl es deinen Kindern“. So habe er es sein ganzes Leben gehalten, das sei auch die Motivation gewesen, seine Geschichte für dieses Holocaust Education Projekt der Claims Conference zu erzählen.
Am 18. Juli 1927 in Wien geboren, erlebte er zunächst als Fünfjähriger, wie sich nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten in Deutschland Verwandte nach Österreich retteten. Der Antisemitismus sei dann „wie Schwammerln aus dem Boden geschossen“, hört man ihn in „Benno’s Light“ sagen. Er erlebte den „Anschluss“ 1938 in Wien, er erlebte, wie Juden gejagt und der Vater verhaftet wurde. Zunächst konnte er mit seinen Eltern via Tschechoslowakei nach Frankreich entkommen, doch 1942 wurde die Familie auch dort von den Nazis aufgegriffen und zunächst nach Drancy, später weiter nach Auschwitz deportiert.
Die Mutter überlebte das KZ nicht, er selbst wurde kurz vor Ende des Zweiten Weltkriegs ebenso wie sein Vater noch auf den Todesmarsch geschickt. Als er vor Schwäche strauchelte, setzte ein SS-Mann an, ihn zu erschießen. Doch sein Vater stellte sich schützend vor ihn – und wurde statt ihm erschossen. Benno Kern überlebte die Schoa als einziger seiner Familie.
Er gehöre zu jenen Schoa-Überlebenden, die stets über den Holocaust gesprochen haben und weiter sprechen, erzählte sein Sohn Sami am Mittwoch. Für ihn selbst sei das eine Selbstverständlichkeit seit frühestem Kindesalter an gewesen. Sein Vater Benno betonte, vor allem am Seder zu Pessach habe er die Geschichte jedes Jahr erzählt – und dabei auch seine ehemalige Häftlingsuniform herausgeholt. Aber auch seine eintätowierte Nummer zeige er her – sie lautet A5686.
„Benno’s Light“ lässt Benno Kern zu Wort kommen und kombiniert sein Zeugnis mit Foto- und Filmaufnahmen aus der NS-Zeit sowie einer visuellen Welt, die Szenen aus Kerns Leben in jener Zeit nachzeichnet (Gestaltung: makempulse). Mit dieser sogenannten Mixed-Reality-Technologie will man nicht nur, aber doch vor allem junge Menschen erreichen. Durch die Virtual Reality-Brille kommt einem dabei die Geschichte von Benno Kern noch ein Stück näher. Man kann sich „Benno’s Light“ aber auch zu Hause am Computer ansehen: Sie ist unter https://bennos-light.org abrufbar.
„Wenn wir über Erinnerung sprechen, sprechen wir nicht nur über die Vergangenheit, wir sprechen auch über die Verantwortung in der Gegenwart und die Frage, wie wir Geschichte weitergeben“, betonte Ronald Maier, Vizerektor der Universität Wien. Er ist in dieser Funktion für Digitalisierung und Wissenstransfer zuständig und betonte: „Das Projekt zeigt, dass Digitalisierung kein Gegensatz zu Erinnerung sein muss. Sie kann im Gegenteil dazu beitragen, Zeugnisse zu bewahren.“

Reuven Rennert, Director of Government Relations der Claims Conference Austria, betonte, es sei aktuell eine zentrale Frage, wie Holocaust Education gestaltet werden müsse, damit sie junge Menschen nicht nur informiere, sondern auch berühre und Auswirkungen auf ihre Haltungen erziele. Nach dem 7. Oktober 2023 habe man es auch mit Verzerrungen und Relativierungen des Holocaust zu tun, dem müsse man etwas entgegensetzen.
„Benno’s Light“ lebe von der Geschichte eines großartigen Menschen. „Sie haben uns ihre Geschichte anvertraut“, dankte Rennert Benno Kern. „Sie setzen damit ein bleibendes Zeichen für die Erinnerung und dafür gebührt Ihnen unser tiefster Respekt.“ In Richtung Jugend meinte der Claims Conference-Vertreter: „Möge Bennos Leid junge Menschen inspirieren, genauer hinzusehen, Fragen zu stellen und die Wahrheit der Geschichte weiterzutragen.“
Antonio Martino, Leiter der Stabsstelle für Antisemitismusbekämpfung und jüdisches Kulturerbe im Bundeskanzleramt, trug eine Botschaft von Staatssekretär Alexander Pröll vor, der sich entschuldigen ließ. Darin hieß es, man befinde sich aktuell an einem Wendepunkt – „die Zeitzeuginnen und Zeitzeugen werden nicht für immer bei uns sein“. Daher brauche es neue Wege, um ihre Geschichten zu bewahren und an künftige Generationen weiterzugeben. Die Geschichte von Benno Kern könnte hier eine Brücke schlagen zwischen den Erfahrungen eines Überlebenden und einer Generation, die viele Jahrzehnte später aufwachse. „Danke, dass Sie dazu beitragen, dass die Wahrheit über die Schoa auch für kommende Generationen lebendig bleibt.“

Pröll formulierte aber auch: Die Erinnerung an die Schoa sei nicht nur wichtig, weil man den Opfern verpflichtet sei. „Sie ist auch deshalb wichtig, weil Antisemitismus keine Erscheinung der Vergangenheit ist.“ Der Terrorangriff der Hamas auf Israel am 7. Oktober 2023 habe weltweit eine Welle antisemitischer Vorfälle ausgelöst. „Diese Entwicklung erfüllt uns mit großer Sorge.“ Der Antisemitismus bedrohe nicht nur Jüdinnen und Juden, „er ist immer auch ein Angriff auf unsere offene Gesellschaft, auf Demokratie und Menschenwürde.“ Gerade deshalb sei die Vermittlung der Geschichte des Holocaust auch eine demokratiepolitische Notwendigkeit.
„Der Holocaust ist nicht einfach eine Geschichtsstunde. Er ist eine moralische Warnung. Er erinnert uns daran, was passieren kann, wenn Hass zur Normalität wird“, betonte Greg Schneider, Executive Vice President der Claims Conference, bei der Präsentation von „Benno’s Light“ am Mittwochabend. Er hofft, dass es gelingt, mit diesem modern vermittelten Zeitzeugenbericht möglichst viele Menschen zu erreichen, und dankte, wie zuvor schon Rennert, Benno Kern für seinen Mut, seine Geschichte zu teilen. Schon jetzt habe er mit seiner Erzählung zahllose Menschen berührt. Holocaust Education lehre nicht nur über die Vergangenheit, so Schneider, „sie ist auch ein Schutz für unsere Zukunft“.
























