„Es geht um Individuen“

Die Muslim Jewish Conference besteht seit zehn Jahren. Nun will sie sich zur Muslim Jewish Alliance weiterentwickeln und dabei professionalisieren. WINA sprach mit dem MJC-Mitbegründer Ilja Sichrovsky.

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© Daniel Shaked

WINA: Vor zehn Jahren hat die erste Muslim Jewish Conference in Wien stattgefunden. Jetzt ist wieder Wien der Konferenzort. Wie hat sich die MJC seither entwickelt?
Ilja Sichrovsky: Die Muslim Jewish Conference hat sich von einer Studenteninitiative, mit der wir einfach einmal etwas versucht haben, zu einer professionellen Organisation entwickelt, die eine Vision hat und eine Methodologie entwickelt hat, um ein spezifisches Problem nachhaltig zu bearbeiten. Ein Problem, das immer noch besteht. Wir haben einen Lösungsansatz erarbeitet. Jetzt befinden wir uns in der schwierigen Situation, längt zu wissen, was zu tun ist, aber gleichzeitig noch den Rest der Gesellschaft überzeugen zu müssen, dass wir die Mittel und die Unterstützung benötigen, das Problem weiterhin anzugehen. Das ist vermutlich vergleichbar mit der Frustration der Klimaaktivisten vor 20, 25 Jahren.

Können Sie das Problem umreißen?
❙ Wir haben erst bemerken müssen, dass die Vernetzung und Globalisierung der Welt nicht flächendeckend stattfinden. Ich war zwar mit 25 Jahren mit Menschen auf der ganzen Welt vernetzt, aber nicht mit der arabischen Welt und ebenso wenig mit der muslimischen Community in meinem eigenen Land. Da gibt es leider immer noch einen Mangel an Austausch und Kontakt. Es war für mich interessant zu sehen, dass ich zu Mohamed, meinem Co-Direktor, der aus dem Sudan kommt, persönlich keinen Kontakt hatte, weil er Muslime ist, und zu verstehen, dass ich eben auch zu sonst keinem Menschen im Sudan Kontakt hatte, obwohl es dort schon länger Internet gibt.
Wir haben gezeigt, was möglich ist: Ausgehend von Face-to-face-Kommunikation kann in der Folge auch die Vernetzung auf Social Media gelingen. Wir haben da eine sehr interessante Mischung hinbekommen. Zuerst Vertrauen aufbauen, indem man in einem sicheren Raum gemeinsam Zeit verbringt, um dann über die technischen Möglichkeiten der sozialen Medien und des Internets diese Beziehungen auch weiterzupflegen und aufrechtzuhalten. Wenn zu Beginn dieses gegenseitige Vertrauen gelingt, kann man auch anderer Meinung sein als der vermeintliche Feind und dennoch gemeinsam Probleme lösen.

»Wo eine Gesellschaft noch nicht bereit ist,
sich so leicht mit rechtsradikalen
Dauerfällen abzufinden wie bei uns.«

Ist es dann überhaupt noch ein Feind?
❙ Das ist der Punkt. Mit dem Hintergrund des Nahostkonflikts, mit dem Hintergrund des Mythos des clash of civilizations – Muslime gegen den Westen, der Westen gegen den Osten: Man kann anderer Meinung sein, aber trotzdem ein Problem gemeinsam bearbeiten, wenn man es auch gemeinsam als solches identifiziert. Es gibt zwei Sätze, die wir jedes Jahr in der Eröffnungsrede unterstreichen: „To entertain a thought without accepting it.“ Und „to respect an emotion without sharing it“. Wenn man diese zwei Dinge schafft, dann ist man bei uns willkommen.
Es war ein sehr interessanter Schritt für uns alle zu realisieren, dass wir Kompromisse eingehen müssen, wenn wir gemeinsam etwas schaffen wollen. Wir werden nie an einen Punkt kommen, an dem alle genau das haben, was sie wollen und wir alle genau derselben Meinung sind, schon gar nicht zu emotionalen Konflikten wie dem Nahostkonflikt oder anderen heiklen Themen. Aber wir können trotzdem gemeinsam Plastikverschmutzung im Mittelmeer bekämpfen, in der Flüchtlingskrise gemeinsam Initiativen starten und Menschen, die helfen wollen, mit denen verbinden, die Hilfe brauchen. Das geht übrigens auch dann gut, wenn man sich davor auf Demos gegenseitig angeschrien hat.

Könnte man dieses Prinzip auch beim Graben zwischen links und rechts anwenden?
❙ Das ist eine sehr interessante Frage, die in meinem Fall ja auch familientechnisch spannend ist, weil der eine oder andere ja meinem Vater nachsagt, einst in der FPÖ etwas Ähnliches probiert zu haben. Einerseits glaube ich schon, dass der Dialog gezeigt hat, das macht ja auch die ganze Konflikttransformation aus, dass Völker und Menschen und Gruppen von Menschen, die Jahre lang, Jahrzehnte lang im blutigsten Konflikt miteinander gestanden sind, es schaffen, durch die richtige Interaktion und Mediation zu einem langfristigen Friedensprozess zu kommen. Die Frage ist, wie viel Zeit das braucht. Und es funktioniert auch nur dann, wenn zur gleichen Zeit die Ewiggestrigen und Unbelehrbaren in den eigenen Reihen mit allen Mitteln des Rechtsstaats und der Demokratie überzeugt werden. Wir haben mit der Muslim Jewish Conference Menschen erreicht, von denen wir uns das nie erwartet hätten. Menschen, von denen wir zu Beginn gedacht haben, das wird wirklich anstrengend und die werden wohl wieder fahren, ohne in irgendeiner Weise von dieser Erfahrung etwas mitzunehmen. Wir wurden dann sehr überrascht.

In den zehn Jahren seit der Gründung der Muslim Jewish Conference ist politisch sehr viel passiert. Durch Krieg, Bürgerkrieg und Verfolgung sind viele Menschen nach Europa geflüchtet mit einem Höhepunkt 2015. Das hat unter anderem zu einer breiten Diskussion über den culture gap zwischen der westlichen und der muslimischen Welt geführt, begleitet von einem Vormarsch der Rechtspopulisten, die meinen, sie haben Antworten, die sich aber meistens nur darauf reduzieren, Ängste zu schüren. Wie hat sich das alles auf die Arbeit der MJC ausgewirkt?
❙ Die politische Situation hat unsere Arbeit polarisiert, weil Menschen plötzlich eine sehr starke Meinung zu dem Thema hatten. Sie haben uns entweder sehr unterstützt oder fanden alles katastrophal. Das war einerseits eine Herausforderung, andererseits auch eine Hilfe, weil es uns ermöglicht hat, leichter und schneller zu erkennen, wer für eine Allianz in Frage kommt und wer definitiv nicht. Davor haben sich viele Leute nicht getraut, zu den Themen Migration und Flüchtlinge, die von Rechtspopulisten ständig vermischt werden, Stellung zu beziehen, sowohl nationale und internationale jüdische und muslimische Organisationen wie auch politische Organisationen und Parteien.

Wie gestaltet sich die Anerkennung der MJC durch jüdische Organisationen heute?
❙ Ich glaube, wir haben vor etwa fünf Jahren einen taktisch sehr interessanten Wechsel vollzogen, als wir verstanden haben, dass es nicht um die Organisationen geht, sondern um die Menschen. Man muss die individuellen Vertreter erreichen, und die sind es dann auch, die die Organisationen ändern.

Wie schaut die Zukunft der MJC organisatorisch und finanziell aus?
❙ Wir haben uns die notwendige Zeit gelassen, um zu verstehen, welche Herausforderungen es in unserer Arbeit und unserem Feld überhaupt gibt, was dieses Feld überhaupt bedeutet, wo es anfängt, wo es aufhört, wer da aller agiert und wie wir uns dort am besten positionieren. Die nächste unglaubliche Herausforderung, dass wir eine eigene Methodologie erarbeiten müssen, haben wir realisiert, als wir schon mittendrin gesteckt sind. Eine Kombination aus dem Bauen sicherer Räume, dem Brechen von Stereotypen, der Transformation von Konflikten, dem Verstehen von Religion in Praxis und Theorie, interreligiösem und intrareligiösem Dialog, einem vorsichtigen Umgang mit dem Nahostkonflikt, Genozidanalyse und dem Respektieren der Gefühle des jeweils anderen, auch oder vor allem, wenn man diese nicht teilt. Diese Methodologie zu bauen, hat sehr lange gedauert, und ich bin stolz darauf, dass wir uns die Zeit genommen haben, sie nicht nur auszuarbeiten, sondern auch so zu professionalisieren, dass wir wirklich während der Konferenz das Gefühl haben, genau zu wissen, was wir tun, genau zu wissen, es funktioniert.
Daher glauben wir, dass es an der Zeit ist, den nächsten Schritt zu machen und eine Dachorganisation zu bauen, die Muslim Jewish Alliance, die künftig verschiedene Aktivitäten verbinden soll. Wir wollen weiter sichere Räume bauen, mit der MJC für Aktivisten und mit der seit 2016 bestehenden Initiative Connecting Actions auch für Experten. Das war die zweite Organisation, die wir gegründet haben, weil wir gemerkt haben, da fehlt etwas. Dazu soll eine so genannte Impact-Seite kommen, mit der internationale Projekte von Alumni und Aktivisten aus dem Netzwerk unterstützt werden. Wir finden es sinnvoll, sich ein Projekt pro Jahr zu Herzen zu nehmen und aufzubauen, zu unterstützen, zu vernetzen, nachhaltig zu machen. Dadurch hat man einen internationalen Impact von Menschen, die vielleicht verstreut auf der Welt sitzen, aber an demselben Problem gemeinsam arbeiten wollen. Und als Gegenstück dazu brauchen wir local chapters, wo auch diese 1.000 Alumni, die wir inzwischen haben, vor Ort Probleme lösen. Last but not least würden wir gerne auch als professionelles Netzwerk zur Verfügung stehen.

Welches wird das erste Jahresprojekt sein?
Es ist naheliegend, dass man als Europäer etwas gegen steigenden Hass gegen Minderheiten macht, gegen Antisemitismus, gegen antimuslimischen Rassismus. Aber es wird eine Einreichung geben, und wir lassen uns gerne von unseren Teilnehmern überraschen.
Wie war die Finanzierung bisher, und was soll sich nun ändern?
Nach zehn Jahren Muslim Jewish Conference sind wir in einer schwierigen Situation: Entweder wir gehen all in, oder wir sind einfach stolz auf diese zehn Jahre und lassen dieses Kapitel hinter uns. Wir haben uns aber dafür entschieden, aus der MJC eine nachhaltig bestehende, große Organisation zu bauen, die Muslim Jewish Alliance. Das ermöglicht es uns, um EU-Förderungen anzusuchen und eine mehrjährig gesicherte Finanzierung aufzustellen. Ziel muss es sein, eine professionelle Struktur mit bezahlten, angestellten Mitarbeitern zu haben.
Die MJC wird aus Wien weggehen.
Wien war für uns eine ganz wichtige Stadt, weil wir ohne die Finanzierung durch Patricia Kahane und die Kahane Stiftung nie das geschafft hätten, was wir geschafft haben. Das war die wichtigste Unterstützung. Patricia und Arthur Kahane haben uns ermöglicht, aus einem Traum Realität werden zu lassen. Jetzt sind wir allerdings überzeugt, dass die politische Situation in Deutschland und auch die Sensibilität für das Thema in Deutschland einzigartig ist. Es gibt für NGOs aufgrund der vielen Stiftungen und staatlichen Förderungen, die sich mit Zivilgesellschaft auseinandersetzen, in Deutschland weitreichende Möglichkeiten.
Ist die dortige Entwicklung der AfD nicht sehr problematisch?
Ich glaube, dass es gerade wegen der AfD wichtig ist, diese Allianzen zu bauen. In Österreich bewegt sich viel zu wenig, seitdem die rechtsextreme und rechtspopulistische FPÖ-ÖVP-Regierung zu Bruch ging. In Deutschland sehe ich noch einen anderen Kampfeswillen. Wo eine Gesellschaft noch nicht bereit ist, sich so leicht mit rechtsradikalen Dauerfällen abzufinden wie bei uns. Wenn wir es schaffen, da auch die nötigen Koalitionen zwischen der in Deutschland gut organisierten muslimischen Gesellschaft und den jüdischen Gemeinden herzustellen, ist das sehr sinnvoll.
Das Attentat von Halle zeigte aber gerade in Deutschland auch auf, dass es Menschen gibt, die ihren Hass in die Tat umsetzen.
Nach dem Attentat von Halle, muss vor allem einmal Klartext geredet werden. Ich glaube auch, dass unsere zwei Communitys nicht die nötige gesellschaftliche Akzeptanz erreichen, weil wir uns zu oft auf unser Minderheit beschränken. Es muss ganz klar gesagt werden, dass es hier eine Koalition vernünftiger Menschen gegen rechtsradikalen Terrorismus und gegen rechtsradikale Politik braucht. Es geht darum zu sagen, wir lassen Europa nicht schon wieder von denselben Kräften in Schutt und Asche legen. Wenn das bedeutet, wir müssen für Minderheitenrechte und Menschenrechte auf die Straße gehen, dann müssen wir das gemeinsam tun. Und wenn das bedeutet, wir müssen uns organisieren, dann müssen wir uns besser organisieren als die, die auf der anderen Seite dieser politischen Debatte stehen. Die, die mit Schüren von Hass Politik machen, müssen sich darauf einstellen, dass wir eine breite Front aufstellen werden, um der zu zeigen, warum es wichtig ist, dass wir als Gesellschaft unterschiedlich, divers und flexibel sind und trotzdem aufeinander aufpassen. Und warum das Werte sind, die auch verteidigt gehören.

Die diesjährige Konferenz
Die 10. Muslim Jewish Conference (MJC) findet von 15. bis 20. Dezember in Wien statt, wobei es heuer vor allem um die strategische Ausrichtung der künftigen Muslim Jewish Alliance gehen soll. Zur Eröffnungsgala laden die Organisatoren in das Rathaus und verstehen dieses Event auch als Get-together bisheriger Teilnehmer, Aktivisten und Unterstützer.
Bisher haben an die 1.000 junge Menschen aus mehr als 65 Ländern an den Konferenzen der MJC teilgenommen, die von über 120 freiwilligen Mitarbeitern organisiert wurden. Von 2015 bis 2018 wurde darüber hinaus Connecting Actions als eigenständige NGO in Frankreich registriert, die das Konzept aus der Arbeit mit Studierenden auf die Vernetzung von Experten übertrug. Bisher reisten 21 Organisationen nach Paris, um ihre Best-practice-Projekte vorzustellen, die meisten von ihnen im Bereich Dialog und Integration. Mit zwölf dieser Organisationen wird derzeit an der Gründung eines European Institute for Dialogue gearbeitet. Für all das betrug das Budget bisher insgesamt knapp unter einer Million Euro.
Stolz ist die MJC, dass sie zur Rettung eines Menschenlebens beitragen konnte. Mohammed AlSamawi, der aus dem Jemen stammt, hat die Geschichte seiner Rettung inzwischen auch als Buch veröffentlicht und lebt heute in den USA.
mjconference.org

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