„Es gibt zu wenig Träume in unserem Leben“

Mitte der 90er-Jahre kam der israelische Theaterregisseur Yosi Wanunu der Liebe wegen nach Wien. Seit 1997 leitete er hier das freie Theaterensemble Toxic Dreams. Über seine künstlerischen Anfänge und den schwierigen Weg zu einer eigenen Theatersprache erzählt er anlässlich der Uraufführung von The Bruno Kreisky Lookalike.

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© TimTom

WINA: Sie wurden in Akko geboren. Woher kamen Ihre Eltern?
Yosi Wanunu: Beide Elternteile kamen aus Marokko, lernten einander aber erst auf dem Schiff nach Israel kennen. Mein Vater kam aus Casablanca, meine Mutter aus Fès. Es waren die Jahre, als junge Menschen aus der ganzen Welt nach Israel geschickt wurden, um in der zionistischen Bewegung das „promised land“ aufzubauen. Mein Vater ging für einige Jahre zur Armee, um für die Gründung Israels zu kämpfen. Meine Mutter, die aus einer sehr religiösen Familie kam, ging vorerst in einen Kibbuz. Das dortige säkulare Leben war für sie ein kultureller Schock, sodass sie sich entschloss, in einer marokkanischen Community in Israel zu leben.

Ihre Eltern hatten sich auf dem Schiff von Marseille nach Israel kennen gelernt, wurden dann aber wieder getrennt.
❙ Und es war erst einige Jahre später, dass sie einander wiederfanden und heiraten konnten. Ich wuchs in einem orthodox-konservativen Haushalt mit allen jüdischen Feiertagen und Traditionen auf. Die marokkanischen Juden, die nach Israel gegangen waren, lebten damals besonders traditionell, während die Juden, die bei der Ankunft meiner Eltern bereits in Israel lebten, wesentlich säkularer sozialisiert waren. Das hat sich in den letzten Jahren drastisch geändert. Israel ist heute ein wesentlich konservativeres und religiös orthodoxeres Land, als es in meiner Kindheit und Jugend war.

»Die Art, etwas zu tun, ist für mich
das Politischste an der künstlerischen Arbeit.«

Yosi Wanunu

Wie haben Sie Ihre Kindheit und Jugend in der traditionsreichen Küstenstadt Akko in Erinnerung?
❙ In meiner Kindheit war Akko eine Arbeiterstadt, und das heißt auch, eine wesentlich auf das Wohl der Arbeiterschaft fokussierte Stadt. Es war eine sehr integrierte und integrative Stadt mit einer gut funktionierenden arabisch-jüdischen Bevölkerungsstruktur, in die Menschen aus der ganzen Welt kamen, um hier Arbeit zu finden. Es waren die wirklich guten Jahre des Staates mit hervorragender Integration, sehr guten Ausbildungsmöglichkeiten und optimalen Arbeitsbedingungen. Natürlich gab es auch damals Klassenunterschiede, aber die Situation der späten 70er- und frühen 80er-Jahre ist kaum mit der aktuellen restriktiven konservativen Politik Israels zu vergleichen.

Wie haben Ihre Eltern auf Ihren früh geäußerten Berufswunsch reagiert?
❙ Ich weiß, dass ich mir bereits mit sechs Jahren sehr sicher war, dass ich ans Theater will. Meine Lehrerin und meine Mutter haben mich unterstützt, obwohl meine Mutter es lieber gesehen hätte, wenn ich einen „richtigen“ Beruf ausgeübt hätte. Ich war ca. 12 Jahre alt, als mein Vater mich in einer Militärschule anmeldete, einer Art Eliteinternat, in dem die kommende Generation der israelischen Armee ausgebildet wurde. Doch nach zwei Jahren brach ich die Schule ab und begann schließlich ‒ nach Abschluss meines Militärdienstes und der obligaten Reisen im Anschluss daran ‒ meine Theaterausbildung in Tel Aviv.

»Wenn ich etwas tue, das besonders erfolgreich ist, dann will ich unbedingt danach etwas tun, das mich selbst wieder in Unruhe bringt.«

Nach dem Ende Ihrer Ausbildung in Israel sind Sie für viele Jahre in die USA gegangen.
❙ In New York konnte ich meine Studien an der renommierten Columbia University fortsetzen, doch schon bald war klar, dass die dortigen Lehrangebote im Theaterbereich nicht meinen Interessen entsprachen: Ich wollte ein avancierteres Theater machen, als ich es in Israel und nun auch im vom Broadway dominierten New York kennen lernte. Das änderte sich schlagartig, als ich Jerzy Grotowski kennen lernte und ein Jahr bei ihm in Kalifornien das Programm „Authentic Movement“ absolvieren konnte.

Welche Theaterformen haben Sie damals am meisten beeinflusst?
❙ Es waren Anfang der 80er-Jahre Grotowski, Barba, Mnouchkine, die mich am meisten geprägt haben, doch dann kam eine Zeit der Selbstbefragung, in der ich merkte, dass ich mich von diesen aus den 60er-Jahren kommenden, oft esoterisch geprägten Theaterformen distanzieren musste. Das war die Phase, in der ich der Wooster Group und Richard Foreman begegnete. Zum ersten Mal hatte ich das Gefühl, dass das eine Arbeitsweise ist, in der ich mich als Künstler auch selbst wiederfinde, im Falle von Foreman ist es wahrscheinlich auch eine sehr jüdische Art, eine etwas verrückte Marx-Brothers-Version von Theater.

Haben Sie damals bereits selbst inszeniert?
❙ Ich habe von Beginn an selbst inszeniert, in New York auch mit großem Erfolg mit der von mir gegründeten Formation Jam. Doch man konnte zu diesem Zeitpunkt, auch wenn man Erfolg hatte, in Amerika nicht von seiner Theaterarbeit leben. Wenn ich berufliche Angebote bekam, war es entweder außerhalb New Yorks, was ich damals noch nicht wollte, oder in der Lehre, was ich einige Jahre auch getan habe. Heute denke ich, dass meine lange Suche nach einem eigenen künstlerischen Weg mit einer existenziellen Unzufriedenheit zu tun hatte, die ich aufgrund der damaligen künstlerischen, aber auch strukturellen Möglichkeiten empfand. Alle meine „künstlerischen Reisen“ machen in der Rückschau Sinn und haben mich auf den Weg gebracht, den ich in Wien angetreten habe.

Sie sind 1997 nach Wien gezogen. Wie kam es dazu?
❙ 1995 habe ich hier im Rahmen eines Theaterprojekts im WUK mit Schauspieler*innen an Grotowski-Techniken gearbeitet und dabei die Produktionsleiterin Kornelia Kilga kennen gelernt. Im Frühling 1997 machte ich dann erneut in Wien Station, um Kornelia wiederzusehen ‒ und bin hiergeblieben. Und bereits die erste Produktion, für die wir mit unserer noch im selben Jahr gegründeten freien Gruppe Toxic Dreams um Fördergelder einreichten, wurde auch unterstützt. Diese Möglichkeit, unabhängig an meinen eigenen Theaterprojekten und in der Form, wie ich sie künstlerisch umsetzen will, zu arbeiten, und das seit vielen Jahren auch mit langfristiger öffentlicher Unterstützung, ist ein Chance, die ich davor nie hatte und für die ich sehr dankbar bin.

Inwiefern hat sich Ihre Arbeitsweise in Wien verändert?
❙ Ich denke, dass meine frühen Arbeiten hier noch stark diesen „New Yorker Stil“ hatten, also zum Beispiel die Dekonstruktion klassischer Texte stärker im Vordergrund stand. Das hat sich relativ rasch geändert, und wir arbeiten seither in langfristigen Prozessen, bei denen wir uns oft über mehrere Jahre hinweg auf unterschiedlichen künstlerischen Ebenen mit einem Thema oder einem Schwerpunkt beschäftigen. Diese Zyklen umfassen meist um die vier Jahre, in denen wir uns einem Komplex von unterschiedlichen Seiten zuwenden und mehrere Arbeiten dazu entwickeln. So ist es auch mit der aktuellen Produktion The Bruno Kreisky Lookalike, die im „Real-Fiction“-Zyklus eingebettet ist, in dessen Zentrum die Beschäftigung mit der Erzählung, dem Narrativ zwischen Fakt und Fiktion steht.
Wogegen ich mich seit Beginn meiner Theaterarbeit kontinuierlich gewährt habe, sind Moden und Trends. Die Vierjahreszyklen geben uns den Freiraum, den wir brauchen, um die Stücke auf ideale Weise zu entwickeln.

Ist Politik ein wesentlicher Aspekt Ihrer künstlerischen Arbeit?
❙ Für mich ist der große politische Ansatz in meinem gesamten künstlerischen Œuvre, dem Publikum die Chance zu geben, zu träumen, verwirrt zu sein, nicht zu „wissen“, ihre eigenen Antworten zu finden, nachzudenken. Mit den Jahren haben wir eine Art Community geschaffen, die unsere Arbeiten verfolgt und sich Projekt für Projekt über ihren eigenen Zugang entscheiden kann. Es ist nicht mehr eine singuläre Produktion, um die es geht, sondern diese Gesamtheit unserer Arbeit. Ich sehe Theater als einen öffentlichen Platz, einen gemeinschaftlichen Ort, eine Synagoge.


Yosi Wanunu wurde 1964 als Sohn marokkanischer Eltern in Akko geboren. Er studierte Theater, Film und Kunstgeschichte in Tel Aviv, New York und Europa. 1997 zog Wanunu nach Wien, wo er gemeinsam mit der Produktionsleiterin Kornelia Kilga die Gruppe Toxic Dreams gründete und seither kontinuierlich in mehrjährigen Zyklen viel beachtete Theaterprojekte realisiert. Die aktuelle Produktion The Bruno Kreisky Lookalike hat am 17. November im Wiener WUK Premiere.

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