Es ist wie eine Lawine‏

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Nach den letzten Terroranschlägen in Paris erwartet man in Israel für dieses Jahr neue Rekordzahlen für die Einwanderung aus Frankreich. Viele Franzosen fühlen sich in Israel trotz der politisch instabilen Situation sicherer als in der judenfeindlichen Atmosphäre ihrer Heimat. Von Daniela Segenreich-Horsky   

Am ersten Sonntag im Jänner landeten Cleo B.* und ihre Schwester voll bepackt am Ben-Gurion-Flughafen. Den beiden Französinnen war immer klar gewesen, dass sie nach ihrer Pensionierung sechs Monate pro Jahr in Israel verbringen wollten. Doch die judenfeindliche Atmosphäre und die letzten Terroranschläge in Paris haben sie dazu bewogen, sich für eine komplette Auswanderung zu entscheiden: „Mit all den Vorkommnissen in Frankreich schien es uns keine gute Idee zu pendeln. Wir haben uns wirklich bedroht gefühlt in Paris.“

„Die Franzosen sind hier nicht beliebt. Sie treiben die Wohnungspreise in die Höhe und alles wird teurer.“ Cleo B.*

Damit sind die beiden Vorboten der großen französischen Einwanderungswelle, die für dieses Jahr in Israel erwartet wird. Das israelische Misrad HaKlitta, das „Integrationssministerium“, rechnet heuer mit einer Rekordzahl von 15.000 Juden aus Frankreich, das sind mehr als doppelt so viele wie im letzten Jahr und das Vierfache der Zahlen von 2013. Die Franzosen stellen somit beinahe ein Drittel der gesamten „Olim“, so nennt man auf Hebräisch jene, die „(nach Israel) aufsteigen“. „Israel war immer schon ein Immigrationsland und ist daher routiniert darin, Massen von Neuankömmlingen aufzunehmen“, erklärt Elad Sivan, der Sprecher des Ministeriums. „Dennoch haben wir das Personal aufgestockt, um mit den vielen Anfragen und Ansuchen aus Frankreich Schritt halten zu können. Wir sind bereit, jeden Juden, der nach Israel kommen will, aufzunehmen. Eine Million, wie Ende der der 1980er-Jahre bei der großen Einwanderung aus der Sowjetunion, wird es diesmal nicht, aber Frankreich war im letzten Jahr das Land, aus dem die meisten Einwanderer gekommen sind. Und der Staat muss sich darauf einstellen und eine Antwort haben auf eine neue Welle von Zehntausenden.“ Jene, die ihre Alija machen (das ist der hebräische Ausdruck für die Einwanderung), bekommen hier finanzielle Unterstützung, günstige Sprachkurse, Stipendien, Einstiegsermäßigungen bei Krankenkassen, Hilfe bei der  Arbeits- und Wohnungssuche sowie bei Geschäftsgründungen.

„Es ist keine Modeerscheinung – die Auswanderung ist eine Notwendigkeit für die Juden Frankreichs geworden!“ R. Boukobza

Etwa 200.000 französische Juden leben bereits in Israel, und das nördlich von Tel Aviv gelegene Küstenstädtchen Netania wird oft als „inoffizielle französische Hauptstadt“ bezeichnet. Dort gibt es die meisten Cafés und Patisserien mit „echten“ Eclairs, Petit Fours und Baguettes. Ruben Mouly, der junge Patissier, wurde vom Chef einer Bäckerei vor Ort zur Verstärkung geholt und kam erst vor vier Monaten mit Frau und Kind aus Paris: „Achtzig Prozent unserer Kunden sind Franzosen“, schätzt er, „aber langsam kommen immer mehr Israelis auf den Geschmack und kaufen unsere Torten.“ Auch zahlreiche französische Real-Estate-Agenturen und sogar einen Petanque-Club findet man in der Fußgängerzone im Zentrum. Aber die Franzosen prägen auch schon das Bild vieler anderer Städte, es gibt französische Illustrierte und Tageszeitungen zu kaufen, französische Boutiquen und immer mehr Restaurants mit französischen Übersetzungen der Speisekarten.

Doch die beiden Schwestern aus Paris machen sich keine Illusionen über ihre Wahlheimat. „Die Franzosen sind hier nicht beliebt“, meint Cleo. „Sie treiben die Wohnungspreise in die Höhe und alles wird teurer. Und manchmal wird uns vorgeworfen, warum wir ‚erst jetzt‘ kommen. Wir ‚arbeiten‘ schwer, lernen Hebräisch und sind täglich stundenlang auf Wohnungssuche. Es ist nicht einfach, etwas halbwegs Erschwingliches zu finden, die Preise sind beinahe so hoch wie in Paris. Und die Israelis glauben, dass alle Franzosen reich sind.“

„Die Nachfrage ist viel stärker geworden“, bestätigt ein Wohnungsmakler aus Netania. Die Schaufenster seines Lokals sind mit Wohnungsangeboten vollgepflastert, natürlich alles auf Französich: „Seit den letzten Vorkommnissen in Paris bekommen wir laufend Telefonate und Mails aus Frankreich. Die Menschen suchen dringend etwas, wollen möglichst noch vor dem nächsten Schuljahr hier ihr neues Leben beginnen, sie wirken verloren, beinahe in Panik.“ Früher haben viele Franzosen eher in einen „pied-à-terre“, ein zweites Standbein, oder eine Ferienwohnung investiert, heute wollen sie etwas Fixes, um ihr Leben hier aufbauen zu können. „Das Problem ist, das viele, die mitten im Arbeitsleben stehen, nicht so einfach von einer Sekunde auf die andere aus Frankreich weggehen können. Also beginnen sie ihre Frauen und Kinder in Israel zu installieren und pendeln“, erzählt ein anderer Makler, dessen eigene Familie aus Paris und Marseille demnächst auch nachkommen will.

Stufenweise einzuwandern, das soll auch der Plan von Michel Sa’ada gewesen sein, der bei dem Terroranschlag auf den Supermarkt in Paris erschossen wurde. Als er und die drei anderen Opfer, die bei dem Anschlag umkamen, vor zwei Wochen in Jerusalem begraben wurden, sagte Premierminister Netanyahu bei der Zeremonie: „Nicht so wollten wir euch empfangen, wir wollten euch lebendig hier haben.“ Und wiederholte die Einladung an die Juden in Frankreich und ganz Europa, nach Israel zu kommen.

Nicht nur Angst, sondern echte Gefahr

fr2Roger Boukobza hat Sa’ada noch von Paris gekannt. Er selbst kam schon vor zehn Jahren ins Land, weil er sich in Frankreich nicht mehr wohlfühlte: „Doch heute herrscht dort nicht nur Angst , sondern eine echte Gefahr“, sagt der heute 67-Jährige. „Wenn man mit einer Kipa geht, riskiert man, angegriffen zu werden.“ Das Argument, dass ja auch Israel kein ungefährliches Pflaster sei, ist für ihn nicht relevant: „Hier sind wir zuhause, wir sind alle solidarisch und die Armee ist stark. Alle hier sind wachsam und vorbereitet. Wenn man wo eine abgestellte Tasche sieht, ruft man sofort die Polizei. Hier fühle ich mich besser beschützt.“

Boukobza ist in einer kleinen Synagoge in einem Villenviertel von Herzlia aktiv, die als inoffizielles Support-Zentrum und Treffpunkt für eingewanderte Franzosen fungiert: „Ich sehe hier heute Menschen, von denen ich nie gedacht hätte, dass sie je nach Israel auswandern würden. Es ist keine Modeerscheinung – die Auswanderung ist eine Notwendigkeit für die Juden Frankreichs geworden!“

So sieht das auch David Dahan, der in der selben Synagoge betet. Er ist seit fünf Jahren in Israel: „Wir waren immer sehr glücklich in Frankreich, aber dann kam eine große Änderung und man konnte als religiöser Jude nicht mehr auf der Straße gehen, ohne Angst vor Angriffen zu haben. Meine Frau hat sich jedes Mal geängstigt, wenn unser Kleiner im Viertel nur was kaufen ging, es war eine unerträgliche Situation, wir konnten so nicht mehr leben.“ Auch Dahan fühlt sich in Israel sicherer, aber es war nicht leicht, im neuen Land Fuß zu fassen, wieder von Null zu beginnen, einen Job zu finden, die Kinder einzuschulen, die Sprache zu lernen: „Deswegen haben wir, die schon länger hier sind, uns organisiert, um den anderen zu helfen. Viele Menschen, die hier ankommen, wenden sich an mich. Ich sehe eine Lawine, eine Masse von Leuten, die kommen, und es werden noch mehr werden.“

Die französischen Schwestern Cleo und Nadine sind inzwischen täglich auf der Achse, um eine passende Wohnung zu finden: „Wir wollen gerne im Zentrum von Tel Aviv wohnen, damit wir ohne Auto überall hinkönnen“, erklärt Cleo. „Diese Übersiedlung ist sehr belastend für uns, es ist wie ein Erdbeben. Aber manchmal, wenn wir so auf der Straße gehen, zwicke ich meine Schwester in den Arm und sage zu ihr: ‚Hey, ich kann’s noch nicht glauben, es ist so schön hier, wir sind wirklich in Tel Aviv!‘ “ ◗

* Name
von der Redaktion geändert

Bilder: © Flash 90; © Flash 90/Hadas Parush

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