Der Eurovision Song Contest ist eine Bühne, auf der Länder sich zeigen, als wären sie für einen Abend frei von Geschichte. Als hätte man die Vergangenheit an der Garderobe abgegeben, zusammen mit Jacken und Taschen, bevor die Kameras angehen. Als wäre alles gut. Als wäre man eine glückliche Familie. Wie bei allen Familien, die zu sehr darauf bestehen, glücklich zu wirken, gibt es allerdings Abgründe zwischen funkelndem Strass und nackter Haut. Und natürlich ist Geschichte nie wirklich draußengeblieben. Wie sollte sie auch. Geschichte ist das, was uns ausmacht. Indem wir sie wiederholen, sie ablehnen oder uns ihr zu entziehen suchen. Jede Reaktion ist eine Antwort auf: Wer will ich sein?


Antisemitismus ist so ein Wort, das sich schwer in Glitzer übersetzen lässt. Es passt nicht in die Choreografien, nicht in die drei Minuten Pop, nicht in die freundliche Sprache der Moderation. Und genau deshalb wirkt er dort, wo man ihn nicht erwartet, besonders deutlich: in Kommentaren, in Online-Debatten, in den Zwischenräumen der scheinbar harmlosen Unterhaltung.


Ich denke daran, wie schnell aus „Sympathie“ und „Antipathie“ politische Zuschreibungen werden. Wie schnell eine Sängerin, ein Sänger, ein Land zu etwas wird, das größer ist als der Song. Und wie schnell sich alte Bilder wieder einschleichen, kaum dass man glaubt, sie längst überwunden zu haben. Es ist unsere Geschichte. Auf der einen und auf der anderen Seite.

Die schönste Überraschung war jener Raum, den das Lokal MQ-Kantine von Lisa Wegenstein eröffnet hat.


Der ESC spricht gern von Einheit in Vielfalt. Ein Satz, der schön klingt, weil er nichts verlangt außer Zustimmung. Aber Vielfalt ist nicht nur Dekoration. Sie ist auch Konflikt, Erinnerung, Reibung.

In diesem Jahr haben einige Länder der großen Familie nicht teilgenommen. Aus Protest gegen Israels Teilnahme. In diesem Jahr wurden öffentliche Veranstaltungen durch Buhrufe und Trillerpfeifen unterbrochen. Dem Angebot einer Diskussion entzieht man sich dann zu oft. Ein besonderer Moment in diesem ESC-Jahr war jener, in dem sich Bürgermeister Michael Ludwig nicht unterbrechen ließ, sondern klare Grenzen setzte. „Wir lassen uns hier nicht wegterrorisieren“, sagte er. „Wir sind in Europa der Toleranz verpflichtet.“ Wien werde beim Song Contest trotzdem „ein Fest des Miteinander“ durchführen.


Vielleicht ist das die eigentliche Aufgabe solcher Bühnen: nicht so zu tun, als gäbe es diese Spannungen nicht, sondern zu zeigen, wie dünn die Schicht ist, die sie überdeckt. Und wie viel Arbeit es braucht, damit sie nicht sofort wieder aufreißt.


Am Ende bleibt ein Lied, das gewonnen hat. Und viele, die nicht gewonnen haben. Und dazwischen eine Gesellschaft, die kurz so tut, als wäre sie eins. Aber dieses Mal haben viele gar nicht mehr dazu angesetzt, so zu tun. Das ist schmerzlich, aber nicht überraschend. Überraschend aber ist, wie viele sich dieses Jahr auch widersetzt haben, und die schönste Überraschung war jener Raum, den das Lokal MQ-Kantine von Lisa Wegenstein eröffnet hat. Und zwar, nachdem sich keine Event-Location finden ließ für das israelische Team. Trotz Drohungen und Einschüchterungsversuchen. Die hochkarätigen Lesungen und die Musik und die Modenschau, die sich in Windeseile selbst organisierten, zeigten, wie sehr dieser Raum notwendig geworden war. Und: Er möge bestehen bleiben. Es war schön, dort sein zu können. Nämlich: wirklich sein. Es haben also doch noch ganz viele gewonnen.

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