„… etwas verewigen, das in dieser Form nie wieder existieren wird.“‏

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Der Fotojournalist Josef Polleross hat sich auf die Dokumentation religiöser Gemeinden spezialisiert. Am 12. Mai eröffnet eine große Rückschau seiner Bilder. Redaktion und Fotografie: Ronnie Niedermeyer

WINA: Seit einem Vierteljahrhundert fotografierst du jüdisches Leben auf der ganzen Welt. Wie bist du dazu gekommen?

Josef Polleross: Mit neunzehn war ich zu Besuch in New York und lernte dort einen jüdischen Fotografen kennen, der mir anbot, bei ihm ein einjähriges Internship zum Fotofachlaboranten zu machen. Da ich mich bereits in Wien mit der Fotografie beschäftigt hatte und mich die Möglichkeiten in den USA gereizt haben, entschied ich mich spontan dortzubleiben. Nachdem die Ausbildung zu Ende war, habe ich für einen Eventfotografen aus Israel noch ein Jahr in der Dunkelkammer gearbeitet sowie einem weiteren Fotografen jüdischer Feste direkt vor Ort assistiert.

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So hatte ich ausreichend Gelegenheit, religiöses jüdisches Leben kennen zu lernen. Nebenbei fotografierte ich privat und wurde durch eine Empfehlung bei der New Yorker Bild-agentur JB Pictures aufgenommen. Diese wurde von Jocelyne Benzakin gegründet, einer jüdischen Fotografin aus Marokko, und zählte in den 1980er- und 1990er-Jahren zu den erfolgreichsten Fotoagenturen der USA. Also waren meine Begegnungen mit amerikanischen Juden ausschlaggebend dafür, dass ich überhaupt Fotograf geworden bin.

Nimmst du beim Fotografieren solcher Zeremonien vor allem die Beobachterrolle ein, oder wirst du manchmal auch aktiv mit einbezogen?

❙ Da ich selbst nicht Jude bin, fühle ich mich normalerweise als Beobachter. Aber die ausgelassene Fröhlichkeit, die zum Beispiel bei Feierlichkeiten orthodoxer Juden oft spürbar ist, kann auch sehr ansteckend wirken. Das hat mich immer fasziniert, auch wenn meine Weltanschauung eine andere ist.

Hättest du als Jude einen anderen Zugang zu diesen 
Motiven gefunden?

❙ Vielleicht einen noch intimeren, vielleicht auch nicht.

Bei der Beerdigung der Mutter eines Freundes in Istanbul machte es keinen Unterschied, ob ich Jude war oder nicht. Wenn ich aber niemanden kenne, ist es schwierig bis unmöglich, beispielsweise ein jüdisches Begräbnis zu fotografieren. Andererseits habe ich in vielen Situationen oft sogar mehr Freiheiten als lokale Fotografen, weil Leute es als etwas Besonderes empfinden, wenn ein fremder Fotojournalist sich für ihre Welt interessiert. Als Außenseiter steht man auch über den internen Differenzen, die einem sonst die Arbeit erschweren würden.

Margit Dobronyis Fotos der Wiener jüdischen Gemeinde haben einen ganz anderen Stil als deine.

❙ Margit Dobronyi war zumeist im Auftrag der Personen unterwegs, die auf ihren Bildern zu sehen sind, während ich mir Veranstaltungen vor allem nach ihrem journalistischen Wert aussuchen konnte. Es war nicht mein primäres Anliegen, die Leute möglichst vorteilhaft in Szene zu setzen, während sie lächeln und in die Kamera schauen – sondern Momente festzuhalten, die eine Spannung vermitteln und ein Zeitfenster darstellen.

Diese Vergänglichkeit ist laut Susan Sontag eines der beliebtesten Motive der Fotografen. Viele der Synagogen, die du fotografiert hast, existieren heute nicht mehr. Konntest du das damals schon erahnen? Haben sie dadurch einen besonderen Reiz auf dich ausgeübt?

❙ Bereits in der Zeit der Sowjetunion war es ersichtlich, dass dort eine starke Auswanderung von Juden stattfindet, und der Fall des Eisernen Vorhangs hat das noch einmal beschleunigt. Die Gemeinden bestanden dann hauptsächlich aus älteren Menschen, die nicht mehr weg wollten. Wenn die Räume nicht mehr instandgehalten werden, ist es klar, dass es bald vorbei sein wird. In solchen Situationen fühle ich mich als Zeitzeuge. Ich habe die Möglichkeit, etwas zu verewigen, das in dieser Form nie wieder existieren wird.

pollerossKOMMEN UND GEHEN
In einem Zeitraum von 25 Jahren hat Josef Polleross jüdisches Leben auf vier Kontinenten dokumentiert. Das Leitmotiv des Wandels zieht sich durch die Fotos jüdischer Gemeinden in Osteuropa und Zentralasien vor und nach dem Fall des Eisernen Vorhangs, im Nahen Osten, in Nordafrika und in den USA. Privater und öffentlicher Raum dienen als Bühne für Rituale, Feierlichkeiten und das alltägliche Leben der vielfältigen jüdischen Kulturen, die nur durch ihre gemeinsame Religion vereint sind.
Galerie Lumina, Lindengasse 65, 1070 Wien.
luminawien.at

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