Startschuss für EU-Forschungsnetzwerk zu Antisemitismus und jüdischem Leben
In den kommenden drei Jahren soll in der Europäischen Union ein neues Forschungsnetzwerk entstehen: NERON, kurz für Network for European Research on Jewish Life and Antisemitism. Dotiert ist dieses Projekt mit 3,4 Millionen Euro, am Montag Abend erfolgte in Wien die Unterzeichnung des Förderabkommens dafür. Der Aufbau dieses Forschungsnetzwerks ist Teil der EU-Strategie zur Bekämpfung von Antisemitismus und zur Förderung jüdischen Lebens für den Zeitraum 2021-2030.
Antisemitismus sei europaweit im Steigen, sagte Magnus Brunner, EU-Kommissar für Inneres und Migration und dabei auch für den Bereich Antisemitismusbekämpfung zuständig, Montag Abend bei einer Pressekonferenz in Wien. „Das macht uns natürlich große Sorgen.“ Der 7. Oktober 2023, an diesem Tag überfiel die Hamas Israel, aber zuletzt auch der Krieg der USA gegen den Iran, hätten den Antisemitismus noch weiter ansteigen lassen. Was allen klar sein müsse: Antisemitismus sei nicht nur ein Angriff auf Juden und Jüdinnen, sondern auf die Demokratie und Rechtsstaatlichkeit. „Wenn sich Juden und Jüdinnen in Europa nicht frei bewegen können, dann sind die Grundrechte aller Europäer und Europäerinnen gefährdet.“
Mit der EU-Strategie zur Bekämpfung von Antisemitismus und zur Förderung jüdischen Lebens wolle man hier gegensteuern, so Brunner. Wichtig sei dabei auch, zu wissen, womit man es zu tun habe – dazu bedürfe es Forschung. „Wir müssen verstehen, wie sich Antisemitismus entwickelt und manifestiert. Wir müssen in der Lage sein, aufkommende Trends zu erkennen, auf neue Formen des Antisemitismus zu reagieren und Maßnahmen zu entwickeln, die sowohl auf europäischer als auch auf nationaler Ebene einen echten Unterschied machen.“
Hier kommt NERON ins Spiel. Geleitet wird das NERON-Projekt vom Institute for Jewish Policy Research (JPR) in London und dem European University Institute (EUI) in Florenz. Das Projekt umfasst sechs Säulen: 1. die Kartierung und Analyse der Forschungslandschaft, um Lücken, Stärken und Schlüsselinstitutionen in der Forschung zu Antisemitismus und jüdischem Leben zu ermitteln, 2. die Förderung der Zusammenarbeit und des Wissensaustausches durch den Aufbau eines EU-weiten Netzwerk an Workshops, Seminaren, Praktika, 3. die Entwicklung standardisierter Methoden und Forschungsinstrumente, 4. die Stärkung der Verbindungen zwischen Politik und Forschung, 5. entsprechende Öffentlichkeitsarbeit über eine Website, einen Newsletter, Schulungen sowie 6. die Gewährleistung der langfristigen Nachhaltigkeit durch die Bewertung zentralisierter, dezentraler und hybrider Organisationsmodelle sowie der Durchführung von Risikoanalysen.
Jonathan Boyd, Executive Director des JPR – er unterzeichnete gemeinsam mit Kommissar Brunner sowie Erik Jones, Director des Robert Schuman Centre for Advanced Studies am EUI am Montag Abend das Förderabkommen für NERON – betonte: Es brauche solide Grundlagenforschung, um zu lernen, wie man Antisemitismus wirksam entgegentreten und gleichzeitig jüdisches Leben schützen und ermöglichen könne. Heute gebe es weit weniger Juden und Jüdinnen in Europa als 1945. Damals lebten 3,8 Millionen Juden und Jüdinnen in Europa, heute betrage die jüdische Bevölkerung nur mehr 1,3 Millionen Menschen. „Wir müssen dem nachgehen, warum das so ist.“ Der Antisemitismus sei im Steigen und Juden und Jüdinnen würden sich zunehmend isoliert und nicht sicher fühlen. Darüber gebe es viel fragmentiertes Wissen, aber noch keine systematische Forschung und damit auch keine umfassenden Daten. Boyd betonte aber auch: Wichtig sei der Blick auf jüdisches Leben und was es brauche. „Man kann jüdisches Leben nicht unterstützen, wenn man es nur durch die Linse des Antisemitismus betrachtet.“
Jones unterstrich, mit NERON werde man sich bemühen, Forschungslücken zu schließen und klare, methodische Standard zu entwickeln. Ziel sei, den politischen Entscheidungsträgern eine Grundlage für eben ihre Entscheidungen zu liefern. Wie auch zuvor Brunner betonte Jones aber ebenfalls: jüdisches Leben sei auch ein Indikator für die Gesundheit der europäischen Gesellschaft. Und: wenn man durch NERON lerne, was jüdische Gemeinden brauchen, um zu florieren, werde man daraus auch für andere Communities lernen.
Gefragt, ob sich NERON auch mit dem, was sich in wissenschaftlichen Einrichtungen selbst – vor allem an den Universitäten, Stichwort „akademischer Antisemitismus“ – an problematischen Tendenzen zeigt, befassen werde, meinte Boyd: Es werde insgesamt eine der wichtigsten Aufgaben von NERON sein, festzustellen, womit man es hier in den verschiedensten Kontexten zu tun habe. Jones meinte, Antisemitismus an Universitäten sei ein herausforderndes Problem, dem man sich stellen müsse.
Staatssekretär Alexander Pröll, der in Österreich für den Kampf gegen Antisemitismus verantwortlich zeichnet, betonte einmal mehr: Antisemitismus habe keinen Platz in Österreich, „nicht auf unseren Straßen, nicht im Internet, schon gar nicht an den Schulen oder Universitäten und auch nicht im politischen Diskurs“. Wer jüdisches Leben angreife, greife die Grundwerte der Republik an, „das ist für uns nicht akzeptabel“. Österreich sei in der EU Vorreiter, wenn es um Maßnahmen im Kampf gegen Antisemitismus gehe. Doch Judenfeindlichkeit mache nicht an Staatsgrenzen Halt, er verbreite sich analog, digital, offen oder verschlüsselt, in extremistischen Milieus ebenso wie in der Mitte der Gesellschaft. Wichtig sei daher die Zusammenarbeit auf EU-Ebene und dabei auch ein kontinuierlicher Erfahrungsaustausch.
Dazu trägt auch die Working Group zur Umsetzung der EU-Strategie zur Bekämpfung von Antisemitismus und zur Förderung jüdischen Lebens bei, die heute und morgen (30. Juni bis 1. Juli 2026) in Wien tagt. Im Anschluss findet von 1. bis 2. Juli ebenfalls in Wien die European Conference on Antisemitism statt, organisiert von der EU-Kommission, der EU-Grundrechteagentur FRA (European Union Agency for Fundamental Rights) sowie dem Bundeskanzleramt. Bei dieser sollen vor allem die Umsetzung der Antisemitismus-Definition der International Holocaust Remembrance Association (IHRA), Maßnahmen gegen Online-Antisemitismus sowie der Stand der nationalen Strategien gegen Antisemitismus erörtert werden.























