Europa auf dem Prüfstand

Was verbindet Walther Rathenau, Raphael Lemkin, Zwi Lauterpracht, Ludwik Zamenhof oder Paul Julius Reuter? Sie alle waren Juden und sie alle waren Pioniere der europäischen Idee. Sie sind einige der Proponenten in der Schau „Die letzten Europäer. Jüdische Perspektiven auf die Krisen einer Idee“, die von den Kuratorinnen Felicitas Heimann-Jelinek und Michaela Feurstein-Prasser für das Jüdische Museum Hohenems konzipiert wurde und die ab Freitag (21. Jänner) nun auch in Wien im Volkskundemuseum zu sehen ist.

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Die letzten Europäer. Jüdische Perspektiven auf die Krisen einer Idee. Ausstellungsansicht im Volkskundemuseum Wien.

Konsens – Dissenz: dieses Gegensatzpaar bildet mit einer wehenden EU-Fahne und dem Blick auf das Meer die Klammer dieser Schau. Die Assoziationen angesichts der beiden Aufnahmen sind gewollt: da ist das Verbindende des Sternenkreises auf der europäischen Flagge, da ist das Meer, in dem bis heute Menschen auf der Flucht ertrinken. 14 Stationen verhandeln hier europäische Themen: von Menschenrechten bis zu den Grenzen Europas, von Kommunikation bis zur Friedensbewegung. Jedem dieser Diskurse wird dann jeweils eine Persönlichkeit zugeordnet, die ihrerseits aus den verschiedenen Ländern Europas stammen.

Eine nicht enden wollende Übersicht über die „Europäische Gewaltgeschichte des 20. Jahrhunderts. Foto: kollektiv fischka / kramar

Auch jede dieser Themenstationen folgt dem Konsens-Dissenz-Prinzip. Besonders prägnant ist das bei der Station „Niemals Vergessen!“ nachzuvollziehen: wie ging das Nachkriegsösterreich mit der Schoa um? Auf der einen Seite zeichnen die Kuratorinnen hier das Ringen um Positionen bei einer bereits 1946 vom damaligen kommunistischen Wiener Kulturstadtrat Viktor Matejka veranstalteten Ausstellung im Wiener Künstlerhaus mit dem Titel „Niemals vergessen!“. Im Zentrum stand hier der politische Widerstand. Auf der anderen Seite porträtieren sie Simon Wiesenthal (1908-2005), der das „Dokumentationszentrum des Bundes Jüdischer Verfolgter des Naziregimes“ gründete und Zeit seines Lebens NS-Verbrechen dokumentierte und nach NS-Verbrechern suchte.

Bildlich wird hier das Ausstellungsplakat der Schau im Künstlerhaus, das eben vor allem dem politischen Widerstand Respekt zollte, einem perfiden Geschenk gegenübergestellt, das Wiesental anonym per Post erreichte: ein Spielbrett mit der Aufschrift „Jude ärgere Dich nicht“, eine „Mensch ärgere dich nicht“-Variation gestaltet in Form eines Davidsterns, in dessen Mitte sich als Ziel das Feld „Gaskammern“ findet und als dessen Startpositionen die Lager Auschwitz, Majdanek, Treblinka, Buchenwald, Dachau und Mauthausen fungieren.

Noch bevor sich der Besucher und die Besucherin allerdings den einzelnen Themenstationen widmet, sieht er oder sie sich mit einer nicht enden wollenden Übersicht über die „Europäische Gewaltgeschichte des 20. Jahrhunderts“ konfrontiert: in sechs Spalten handschriftlich an der Wand notiert, entführen sie gedanklich in Kriege, die heute kaum mehr im europäischen Bewusstsein sind, die sich aber eben dennoch in die europäische Geschichte eingeschrieben haben – von den Gräueltaten Belgiens im Kongo, bei denen zehn Millionen Menschen starben (1888-1908) bis zum Kosovokrieg 1998/99, in dem 2.170 Serben und 10.527 Albaner starben. Dazwischen neben dem bis heute in der Erinnerung omnipräsenten Zweiten Weltkrieg bewaffnete Auseinandersetzungen wie der Zweite Burenkrieg 1900, der britische Tibet-Feldzug 1903/04, der Osttimor-Krieg 1911/12, der Völkermord der Türken an den Armeniern 1915 mit einer Million Toten, der russische Bürgerkrieg von 1917-1923, in dem sieben Millionen Menschen starben, der spanische Bürgerkrieg 1936-1939. Über 125 Millionen Menschen Opfer forderten all diese Kriege. Sie im Rahmen der Schau handschriftlich zu notieren, zeige dass es hier um Menschen, um das Menschliche gegangen sei, betonte Heimann-Jelinek.

Die Ausstellung beschließt schließlich eine Europakarte, in welche die Besucher ihr Europa einzeichnen und Antworten auf die Frage „Was ist für dich Europa?“ schriftlich beantworten können, so Feurstein-Prasser. Die Antworten, die Besucher der Schau in Hohenems notiert hätten, wurden fotografiert und sind nun online abrufbar, sagte Hanno Loewy, Direktor des Jüdischen Museums Hohenems. Ähnlich will man nun auch in Wien verfahren, so der Leiter des Volkskundemuseums, Matthias Beitl.

Die jüdische ist mit der europäischen Geschichte so eng verflochten, dass es keinen Sinn machen würde, sie getrennt zu erzählen. Foto: kollektiv fischka / kramar

Die Ausstellung sei zwar ursprünglich eben für ein Jüdisches Museum und daher aus jüdischer Perspektive erzählt worden, so Heimann-Jelinek. Rasch werde aber klar, dass die jüdische mit der europäischen Geschichte verflochten ist und es keinen Sinn mache, zu versuchen, das eine vom anderen zu trennen.

Das zeigt sich etwa auch, wenn man vor der Station über Kommunikation steht: Testimonial hier ist Paul Julius Reuter (1816-1899). Der Sohn eines Rabbiners aus Kassel, der 1845 zum Christentum konvertierte, erkannte die Bedeutung rascher Nachrichtenübermittlung. Im 19. Jahrhundert wurden die ersten Telegraphiestrecken eröffnet. Reuter nutzte die Technologie und revolutionierte den internationalen Journalismus, indem er neutrale, möglichst objektive Nachrichten veröffentlichte. Bis heute ist Reuters eine der großen internationalen Nachrichtenagenturen.

Wenn es um die europäische Idee geht, gibt es pessimistischere und optimistischere Perspektiven: nicht zuletzt die aktuelle Covid-Krise zeigte auf, dass Europa immer noch vor allem ein Konglomerat aus Nationalstaaten ist. Ein Zerfall Europas sei dennoch nicht zu befürchten, denn sie sei zuallererst eben keine Friedensunion, sondern eine Wirtschaftsgemeinschaft gewesen, wie Heimann-Jelinek zu bedenken gab. Genau deshalb sei sie nicht mehr zerschlagbar: „Das Argument der Wirtschaft ist in einem kapitalistischen System immer größer.“ Am Ende bleibt die Frage, ob das Europa von heute auch jene Werte vertritt, die ihre Pioniere vertreten haben und die vielen Menschen bis heute ein Anliegen sind. Wie schön wäre es, mit der Ansicht eines Meeres einfach nur Landschaft und im besten Fall Urlaub und nicht die Themen Flucht und Tod zu verknüpfen. Die Realität sieht anders aus.

volkskundemuseum.at

 

 

 

 

 

 

 

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