Die Facebook-Intifada

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Die jüngste Welle der Gewalt gegen jüdische Israelis auf beiden Seiten der grünen Linie verunsichert, schafft ein tiefes Misstrauen und macht hoffnungslos. Es sieht nicht so aus, als würde sie so schnell wieder verebben. Von Gisela Dachs

Vielleicht ist die jüngste Gewaltwelle ja bereits abgeebbt, wenn diese Kolumne erscheint. Was ich aber bezweifle. In jedem Fall hat meine 12-jährige Tochter nun ihren ersten Selbstverteidigungskurs absolviert. In der Schule wurde sie zwei Stunden lang – freiwillig – über den Umgang mit der neuen Bedrohungslage instruiert. Das hat sie beruhigt. Jetzt weiß sie zumindest, wie sie sich im Ernstfall verhalten soll. „Man muss die Umgebung im Auge behalten, auf verdächtige Gestalten achten. Das kann jemand sein, der mit verzerrtem Gesicht suchend um sich blickt oder eine weite Kleidung trägt, unter der eine Waffe verborgen sein könnte. In so einer Situation heißt es, Abstand nehmen und einen vertrauenswürdigen Erwachsenen in der Nähe informieren.“ Es sei besser, zu früh – und fälschlicherweise – „Terrorist“ zu rufen, um sich dann später zu entschuldigen, wenn sich herausstellen sollte, dass man sich getäuscht habe, als zu spät, sagte sie.

Der letzte Schrei sind Mädchen-Ohrringe in der Form von zwei klitzekleinen Küchenmessern.

An manchen Tagen in den letzten vier Wochen jagte ein Bericht über einen Anschlag den anderen. Ausgeführt mit Messern, Autos, Steinen. Die Attacken fanden diesseits und jenseits der grünen Linie statt, unter anderem auch im Negev, als ein 21-jähriger Beduine im Busbahnhof von Be’er Sheva einem Soldaten die Waffe entwendete und um sich feuerte. Dass daraufhin nicht nur der Täter getötet wurde, sondern auch ein eritreischer Flüchtling (Sicherheitsleute hatten ihn für den Attentäter gehalten und auf ihn geschossen, bevor sich dann auch noch der Mob auf ihn stürzte), führte zu einer Debatte über die möglicherweise viel zu toleranten Botschaften, die Polizei und Regierung in Hinblick auf Selbstverteidigung aussenden. Deren Position ist tatsächlich klar und zielt auf das Prinzip Abschreckung: Wer angreift oder auch nur diesen Eindruck erweckt, muss damit rechnen, erschossen zu werden.

Seither sitzt das gegenseitige Misstrauen zwischen Juden und Arabern, zwischen Israelis und Palästinensern noch tiefer. (Inzwischen wurde auch ein orientalisch aussehender Jude von einem Juden getötet, der sein Opfer für einen Attentäter gehalten hatte.)

Die meisten tatsächlichen Attentäter kommen aus dem Osten Jerusalems. Niemand schickte sie los, sie waren auf eigene Faust unterwegs und bereit zu sterben. Das führt nun wieder zu einer Asymmetrie, die sich im Ausland sofort gegen Israel richtete. Da viele Attentäter rechtzeitig „neutralisiert“ werden, gibt es viel mehr palästinensische Tote als jüdische Opfer.

Tote Attentäter werden in Videos auf Youtube und Facebook zu „Helden“ und „unschuldigen Märtyrern“.

Die Motive der Täter speisen sich aus mehreren Quellen. Sie lehnen sich gegen die Diskriminierung als Araber im geeinten Jerusalem und die Benachteiligung ihrer Wohnviertel durch die Stadtverwaltung auf, die aber zugleich an der Kontrolle über diese Nachbarschaften und ihrer Bewohner festhält. Sie gehören nirgendwo hin, nicht wirklich zu Israel, aber auch nicht zur palästinensischen Autonomiebehörde. Sie besitzen aber Papiere, die ihnen Bewegungsfreiheit gewähren und somit auch einen Blick auf die besseren Lebensbedingungen der anderen Seite. Und sie wollen die Al-Aqsa-Moschee retten, deren Existenz durch Israel bedroht wäre. Dieses Gerücht wird auch jetzt noch weiterverbreitet von all jenen, die an einer Eskalation interessiert sind. Allen voran die Islamisten der Hamas, die neuerdings Videoanleitungen zum Abstechen verbreiten. Der letzte Schrei sind auch Mädchenohrringe in der Form von zwei klitzekleinen Küchenmessern.

Kameras auf dem Tempelberg sollen nun für Klarheit sorgen und zeigen, dass Israel nicht an dem Status quo rüttelt, der allein den Muslimen ein Betrecht dort oben einräumt. Auch robbten jetzt endlich jene israelischen Minister zurück, die vor Monaten dem Gerücht Nahrung gaben, indem sie demonstrativ zum Gebet auf den Tempelberg stiegen. Mithilfe von Google aber bleiben diese Bilder weiterhin abrufbereit.

Noch gibt es eine tägliche Sicherheitskooperation zwischen israelischer Armee und den Sicherheitskräften der Autonomiebehörde (die in Ostjerusalem nicht sein dürfen), aber allmählich brodelt es auch zunehmend im Westjordanland, und die palästinensischen Polizisten tauchen vermehrt in Zivil auf, um nicht als Kollaborateure beschimpft zu werden. „Es ist nicht dieselbe Situation wie 2002, als die Armee mit der Operation Schutzschild ins Westjordanland einfiel“, befindet der Haaretz-Armeeexperte Amos Harel im Gespräch. „Noch sind wir davon weit entfernt, aber wenn die jetzige Terrorwelle noch lange so weitergeht, begibt man sich auf ein rutschiges Terrain. Niemand kann sagen, wie dann die nächste Phase aussieht.“

Wie ihre palästinensischen Altersgenossen kennen auch die hiesigen Teenager die düsteren Zeiten der Zweiten Intifada nur aus Erzählungen. In Israel legte sich damals ein grauer Schleier über den Alltag, als Selbstmordattentäter serienweise Busse und Cafés in die Luft jagten. Um jetzt erneut ein Gefühl von Unsicherheit zu bekämpfen, haben sich nicht wenige mit Tränengas und Elektroschockern ausgerüstet. Man verfolgt die Nachrichten auf dem Smartphone samt gruseliger Direktaufnahmen von Anschlägen. Was bei jungen Israelis die Angstgefühle verstärkt, befeuert auf palästinensischer Seite die Wut.

Es sind dort aber nicht die gleichen Bilder, die auf den Smartphones konsumiert werden. Tote Attentäter werden in arabischen Videos auf YouTube und Facebook zu „Helden“ und „unschuldigen Märtyrern“, von „israelischen Aggressoren exekutiert“ – ohne jeden Verweis auf ihre vorherigen Taten oder Vorhaben. Solche Szenen hat man wegredigiert. Die Sorge, dass dies zu weiteren Nachahmungsaktionen führen könnte, treibt palästinensische Eltern und die israelischen Sicherheitskräfte gleichermaßen um. Noch schlimmer: Mittlerweile hat sich nun erstmals auch der Islamische Staat digital zu Wort gemeldet, der bisher nicht viel für die palästinensische Sache übrig hatte. In einem der Videos haben sie den Palästinensern zum „Dschihad gegen die ausbeutenden Juden“ gratuliert.

Für Netanjahu sind das Stunden der Prüfung. Schließlich ist das Thema Sicherheit sein Markenzeichen. Man werde sich darauf einstellen müssen, für immer mit dem Schwert leben zu müssen, soll er Ende Oktober dem Knesset-Ausschuss für Verteidigung und Außenpolitik gesagt haben. Das signalisiert vor allem Hoffnungslosigkeit. Während die Linke – oder was von ihr übrig ist – so tut, als wäre alles immer nur ausschließlich eine Sache der israelischen Innenpolitik (wenn man doch nur noch mehr als in allen bisherigen Friedensgesprächen anbieten würde, wäre ein Abkommen mit den Palästinensern möglich), und die Rechte ihr eigenes Süppchen kocht, bleibt – 22 Jahre nach dem Beginn des Friedensprozesses in Oslo, 20 Jahre nach dem Mord an Jitzchak Rabin und vier Jahre nach den ersten arabischen Umstürzen, die ringsherum zu zerfallenden Staaten geführt haben – derzeit kaum Anlass für Optimismus.

Bild: © flash 90

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