Ein Leben für die Quetsch’n: Professor Felix Lee

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„Frau Ella Lee und Herr Lee Wei Ning, die Eltern des kleinen Felix, der, wie berichtet, mit seiner Mutter am 6. Dezember die große Reise nach Schanghai antritt, wo sie der Herr Papa bereits mit Ungeduld erwartet.“ Kronenzeitung, 1935.

Mit dem Akkordeonisten, Komponisten und Zeitzeugen Felix Lee, der im Herbst seinen 90. Geburtstag beging, wollen wir einen Menschen würdigen, dessen Leben scheinbar widersprüchlich, jedenfalls aber höchst ungewöhnlich verlaufen ist. In einer wina-Story zu Lees 80er brachte es Redaktionskollegin Alexia Weiss auf den Punkt. Sie schrieb:      

Sein Instrument: das Akkordeon. Sein Genre: das Wienerlied – aber nicht nur. Seine Heimat: Wien. Sein Aussehen: asiatisch. Seine Identität: jüdisch. Wer Felix Lee nicht kennt, denkt: was für ein bunter Vogel!“ 

Für das Interview besuche ich Felix Lee zu Hause. Die gemütliche Wohnung, in der er gemeinsam mit seiner Lebens- und Musikpartnerin Gertrude Kisser lebt, liegt in einer ruhigen Gasse zwischen Hanappi-Stadion und Westausfahrt. Wir sitzen im Wohnzimmer. Felix Lee hat Unmengen an Zeitungsausschnitten, Dokumenten, Fotos und Musikmaterial bereitgelegt. Das Interview kann also beginnen. Sie werden Felix‘ Originalstimme hören und können einige seiner Kompositionen und Stücke, die er im Lauf der Jahrzehnte mit diversen Ensembles eingespielt hat, per Mausklick abrufen. Anders als in der aktuellen Printausgabe von wina (Doppelnummer Dezember/Januar) wird es hier in erster Linie um den Musiker Felix Lee gehen.

In die Wiege gelegt

Wien 1945. Der Krieg ist zu Ende. Felix Lee ist 10 Jahre alt. Den Naziterror hat er überlebt – dank der chinesischen Staatsbürgerschaft durch gleich zwei (!) chinesische Väter und dank einiger glücklicher Zufälle (lesen Sie darüber in der aktuellen wina-Printausgabe). Jetzt kann Felix zum ersten Mal eine Schule besuchen, später wird er eine Goldschmiedelehre absolvieren. Die Musik aber, die Felix von klein auf begleitet, hat ihn „fest im Griff“ – der leibliche Vater ist in den 1930ern chinesischer Musikstudent in Wien, die Mutter aus jüdisch-böhmischer Familie ist leidenschaftliche Amateurpianistin. Es ist wohl kein Zufall, dass sich der junge Felix vor der Auslage einer Wiener „Chance“-Filiale wiederfindet, einer der nach dem Krieg sehr populären Tauschzentralen. Der Tanz mit dem Akkordeon kann beginnen…

Talent, Ehrgeiz, Disziplin

Topasring mit Brillanten. Felix Lees Gesellenstück als Goldschmied, 1954.
© Privatbesitz Felix Lee

Für Felix Lee heißt das: Schule, Lehre, Job als Goldschmied bei Tag, Akkordeon üben bei Nacht, dazwischen, irgendwie, das Konservatorium. Mitte der 1950er nimmt seine Musikerkarriere schließlich Fahrt auf – nicht ohne Hindernisse freilich…

Felix lernt schnell. Sehr schnell. Das Engagement scheint gesichert, doch da gibt es noch eine Hürde: Den Brotjob…

Dank seines verständnisvollen Chefs liefert der 20jährige Felix nun als einer von „Fünf Elite Boys“ abendliche Tanzmusik im Hawaii-Stil ab. Zu seinem Leidwesen ist jedoch der heiß geliebte Sound der US-Sender auf der Schlagerbühne tabu. Überdies lässt sich das Engagement in einer Showband auf lange Sicht nicht mit einem Ganztagesberuf vereinbaren. Was also tun? Nicht zum ersten Mal hilft Felix Lee der Zufall.

Wo lernt man so zu spielen?

Anlässlich eines Auftritts mit den „Boys“ hört Lee eine virtuose junge Akkordeonistin. Er staunt. Wo man denn so zu spielen lernen könne? Ein Herr neben ihm antwortet: „Nur bei mir“. Es stellt sich heraus, dass dieser Herr Akkordeon unterrichtet und überdies der Vater der jungen Akkordeonistin ist. Sein Name: Viktor Winklbauer. Felix Lee schmeißt die Goldschmiederei, wird von Winklbauer zum Musiklehrer ausgebildet und unterrichtet fürderhin bis zu seiner Pensionierung an verschiedenen Wiener Musikschulen Klavier und Akkordeon. Das lässt sich gut mit dem Musikerleben vereinbaren. In den Folgejahren spielt Lee mit Viktor Winklbauers Tochter Gertrude in einigen Akkordeonensembles, gründet mit ihr die „Wiener Akkordeon Solisten“, nimmt erste Tonträger auf. Zwischendurch entdeckt er die chassidische Musik für sich, spielt mit den “Sabres“ und deren Nachfolgern „Geduldig & Thiemann“, später mit Schlomo Carlebach.

Mit Shlomo Carlebach 1989 im Gemeindezentrum der IKG Wien. © Privatbesitz Felix Lee

Felix auf der Suche nach dem Glück

Mittlerweile von Akkordeonensembles mit ihrer starren Rollenverteilung ermüdet, sucht Lee nach musikalischer Veränderung. Die soll ihm, so der Plan, Möglichkeiten für spezielle Arrangements eröffnen und Freiraum für Improvisation schaffen. Wiederum hilft der Zufall:

Im Duo mit Ehefrau Gertrude Kisser 2009. © Privatbesitz Felix Lee

Lee sieht und hört Gertrude Kisser. Ersteres mündet in eine Lebenspartnerschaft, zweiteres in eine ebenso lange Musikgemeinschaft. Kisser, ihres Zeichens Österreichische Akkordeonmeisterin, ist von Felix Lees (nicht nur) musikalischen Vorstellungen höchst angetan. Die beiden gründen 1967 das über fünf Jahrzehnte erfolgreiche Gespann „Gola Akkordeon Duo“ (benannt nach „Gola“, einem state of the art-Modell des Akkordeonherstellers Hohner mit Preisen im deutlich fünfstelligen (!) Euro-Bereich).

Gesucht, gefunden, geehrt…

Dem Erfolg folgen Ehrungen: Felix Lee wird, unter anderem, der Berufstitel Professor verliehen – Ausdruck der Wertschätzung für sein Schaffen als Musiker und Komponist und zugleich Höhepunkt eines erfüllten und „gelungenen“ Menschenlebens, das in jungen Jahren nicht nur einmal auf der Kippe gestanden war (hier in wina nachzulesen!) …

Noch ein musikalisches Abenteuer gilt es zu erzählen…

Man schreibt das Jahr 1962. Die Begegnung mit zwei Herren auf der Suche nach Ersatz für ihren dritten wird Felix Lees Leidenschaft für das Wienerische – musikalisch wie schmähmäßig – entfachen:     

Die beiden Herren waren natürlich Toni Strobl und Helmut Reinberger, zwei der legendären „Drei Spitzbuben“, einer in den 1960er und 70er Jahren weit über Wiens Grenzen gefeierten Heurigen-, Wienerlied- und Kabarettcombo, Spezialgebiet Persiflage und (tiefer) Schmäh. Auf der Suche nach einem Einspringer für ihren erkrankten Akkordeonisten Helmut Schicketanz fanden sie also Felix Lee. Leider gibt es, so heißt es, zu dieser denkwürdigen Auftritts-Serie weder Ton- noch Filmmaterial, aber immerhin ein Foto…

Felix als „Spitzbub Nr. 3“ mit Toni Strobl und Helmut Reinberger 1962 im legendären „Nußberghof“. © Privatbesitz F. Lee

Wienerischer Jude oder musischer Chinese?  Das ist hier die (letzte) Frage…

Das Interview geht zu Ende. Ich stelle meine letzte Frage – die ist ziemlich unmusikalisch und schrecklich eindimensional: Felix, wer bist du? Die Antwort des Vielschichtigen ist knapp, aber eindeutig:

Felix Lee, danke für das Gespräch. Bis Einhundertundzwanzig..!    

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