Das ferne, arme Zauberland‏

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Die Ausstellung Mythos Galizien widmet sich der verschollenen Welt am Rande des österreichischen Kaiserreichs. Text & Fotos Reinhard Engel

Natürlich zeigt die Ausstellung Gemälde, Fotos und Gegenstände aus Galizien: Es sind Bilder polnischer Adeliger und armer jüdischer Kleinhändler, man sieht das Modell einer frühen Lokomotive der Nordbahn und Plakate über Pogrome und jiddisches Theater. „Zu diesem Thema wurde auch viel geforscht, ob in Polen, in Österreich, in Russland, der Ukraine, in den USA oder in Israel“, erzählt Jacek Purchla, Direktor des International Cultural Centre in Krakau, einer der Initiatoren der Schau. „Aber es ist keine Ausstellung nur über Geschichte, sondern über die Erinnerung, die unterschiedliche Erinnerung auf allen Seiten.“

„Galizien lag gleichzeitig im Zentrum Europas und im Nirgendwo.“ Wolfgang Kos, Direktor des Wien Museums

Mythos_Galizien_Pressefoto_05Der Direktor des Wien Museums, Wolfgang Kos, argumentiert ganz ähnlich: „Es sind literarische Bilder, die in unserer Vorstellung von Galizien eine große Rolle spielen.“ Dazu zählten auch Stereotypen, die mythenfähig, aber zugleich widersprüchlich seien: „Galizien lag gleichzeitig im Zentrum Europas und im Nirgendwo.“ Joseph Roth, der aus dem galizischen Brody stammte, nannte seine Heimat „ein Zwischenreich“, sein Schriftstellerkollege Karl Emil Franzos schrieb über „Halb-Asien“.

Der Landstrich war 1772 nach der zweiten Teilung Polens durch eine zufällige Konstellation in der europäischen Machtpolitik an Habsburg gefallen. Galizien war fast so groß wie das heutige Österreich und zählte zehn Millionen Einwohner. 1918 verschwand es mit dem Ende der Monarchie als politisches Gebilde: Der westliche Teil rund um Krakau wurde wieder polnisch, der östliche Teil mit der Metropole Lemberg ging in der Ukraine auf und gehörte jahrzehntelang zur Sowjetunion. Während des Zweiten Weltkriegs lag hier wohl eine der blutigsten Gegenden Europas, nicht nur wegen des Vernichtungslagers Auschwitz-Birkenau, hier wurde auch die lokale, vielfältige jüdische Kultur fast vollständig zerstört.

Mit einem Anteil an der Gesamtbevölkerung von mehr als zehn Prozent war Galizien innerhalb der Habsburgermonarchie die Provinz mit den meisten Juden. Da am Land vor allem polnische wie ruthenische (ukrainische) Bauern lebten und den Juden lange der Landbesitz verboten war, siedelten sie vor allem in den größeren und kleineren Städten. In manchen von ihnen hatten sie die Mehrheit, etwa in Brody, Stanislau, Kolomea oder Drohobytsch, und stellten – später – auch oft Stadträte und Bürgermeister.

Vielfältiges jüdisches Leben
Unbekannte  Größe. Lemberg, die Hauptstadt Galiziens, war um 1900 die viertgrößte Stadt Österreich-Ungarns.
Unbekannte Größe. Lemberg, die Hauptstadt Galiziens, war um 1900 die viertgrößte Stadt Österreich-Ungarns.

Doch zuvor stand das Toleranzpatent Josefs II., kombiniert mit mehreren Maßnahmen zur Integration der jüdischen Bevölkerung Galiziens. Er ordnete an, dass sie Familiennamen annahmen, dass sie deutschsprachige Schulen besuchten, er dehnte die Wehrpflicht auf sie aus. Das kam freilich bei den konservativen und teilweise chassidischen Gemeinden nicht gut an, sie fühlten sich dadurch in ihrer Autonomie und Lebensweise deutlich eingeschränkt.

Und das jüdische Leben in Galizien war äußerst vielfältig. Es reichte von den gläubigen Schtetl-Bewohnern bis zu liberalen Stadtbürgern, die sich an Wien orientierten; es gab sozialistische und zionistische Organisationen, Juden fanden sich unter den – wenigen – wohlhabenden Unternehmerfamilien ebenso wie unter den – vielen – armen bis elenden Arbeitern oder unter den kleinen Händlern und Handwerkern.

Und Elend herrschte in dieser Gegend des Reiches, Galizien war mit Abstand die ärmste Provinz. Um 1900 lebte noch 80 Prozent der Bevölkerung von der Landwirtschaft, mehrere Pläne Wiener Regierungen zur wirtschaftlichen Entwicklung hatten nur wenig gefruchtet. Außer den großen Salzminen nahe Krakau und dem Ölboom in Ostgalizien rund um Boryslaw und Drohobytsch mit seinen zahlreichen, freilich eher primitiven Holzbohrtürmen, gab es kaum Industrie. Es war eine Art Kolonialökonomie: Der Ausfuhr von Rohstoffen standen die Importe – oder der Schmuggel – von bearbeiteten Waren gegenüber. Die Verwaltungsbauten der Monarchie sehen zwar aus wie in Graz, Györ oder Zagreb, aber jenseits des Beamtenapparats und des Militärs kam die Modernisierung hier kaum an. Das Polytechnikum in Lemberg gehörte eher zu den Ausnahmen.

Nach dem Ersten Weltkrieg verschwand Galizien  als politisches Gebilde von der Landkarte und die Judenver-folgung setzte  verstärkt ein.
Nach dem Ersten Weltkrieg verschwand Galizien als politisches Gebilde von der Landkarte und die Judenver-folgung setzte verstärkt ein.

Dementsprechend hoch waren die Zahlen der Auswanderer – vor allem von Juden, aber nicht nur. Die Zielpunkte mehrerer Wellen lagen vorrangig in den USA und in Kanada, viele zog es auch nach Wien. Doch hier waren sie nicht unbedingt willkommen, nicht einmal bei den schon früher zugezogenen Juden aus Böhmen, Mähren oder Ungarn, die sich mittlerweile eingelebt oder assimiliert hatten und mit den „primitiven Ostjuden“ nicht assoziiert werden wollten. Der politische Antisemitismus nutzte sie für seine Hetze.

Aber die galizischen Juden organisierten sich auch in Wien. Sie schafften es zwar nicht in die höchsten Regierungsämter wie manche der polnischen Adeligen, aber es gab eine Vielzahl von Vereinen, auch der prächtige Tempel „Polnische Schul“ in der Leopoldstadt wurde von Zuwanderern aus Galizien besucht, jiddische Theatermacher kamen ebenfalls von dort. Einer der sensibelsten Literaten, der das verschwundene Königreich in seinen Romanen unsterblich machen sollte, Joseph Roth, lebte eine Zeitlang in Wien, ebenso Karl Emil Franzos. In polnischer Sprache beschrieb Bruno Schulz Galizien, und mit einem Vater aus Tarnopol war auch der israelische Schriftsteller Yoram Kaniuk von dessen Mythos beeinflusst. ◗

MYTHOS GALIZIEN 
Wien Museum
26. März 2015 bis
30. August 2015
Karlsplatz 8, 1040 Wien
+43/(0)1/505 87 47
office@wienmuseum.at
wienmuseum.at

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