Festhalten am urjüdischen Ja zum Leben

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WINA – Sommerdoppelausgabe.

Als ich 1986 nach Wien kam, war ich zwölf. Die weiteste Urlaubsreise, die ich bis dahin kannte, führte von Budapest zum Balaton. Als wir zum ersten Mal ins Ausland reisten, ging es dann nach Israel – und ich hatte Leon Uris’ Exodus im Gepäck.

Die besonderen Umstände, die großen Gefühle auf Hunderten von Seiten und vor allem die kindliche Freude meines Vaters bei unserer Ankunft prägten mein Verständnis von Identität und Zugehörigkeit für immer: eine tiefe Faszination für Land und Menschen und die greifbare Begegnung mit der Idee eines jüdischen Homeland.

Der israelische Publizist Ari Shavit* nennt diese Idee eine „Kultur des Lebens“ – den unbändigen Willen, anstatt nach der Schoa in Resignation und Hass zu verharren, den Weg des Aufbaus, der Kreativität und der Zukunft zu wählen. Ein radikales Ja zum Leben, das Golda Meir so zusammenfasste: „Wir wollten leben, nicht sterben. Jede Entscheidung war ein Ja zum Leben.“

Doch seit dem 7. Oktober 2023 steht diese Haltung vor einer gefährlichen Bewährungsprobe. Die Trauer um die brutale Auslöschung unschuldigen Lebens, die Gefahr eines scheinbar endlosen Krieges und die Erschütterung eines gesellschaftlichen Konsenses gehen Hand in Hand: Das „Niemals Wieder“ der Schoa gilt als unantastbares ethisches Fundament für eine friedliche Weltgemeinschaft, in der Antisemitismus, Rassismus und Diskriminierung keinen Platz mehr haben dürfen.

Doch dieses Fundament begann nur Tage nach dem Überfall der Hamas zu erodieren – und es öffneten sich Räume, in denen die Vergangenheit nicht länger Vergangenheit ist.

„Mein Name ist Gal… Ich bin Mutter, Ehefrau, Schwester, Tochter, Schauspielerin, ich bin Israeli – und ich bin Jüdin. (…) Und ist es nicht verrückt, dass es heute wie eine Kontroverse klingt, einfach nur diese schlichte Wahrheit über mich auszusprechen?“ – so beschreibt Schauspielerin Gal Gadot** diese Realität, in der wir uns überlegen müssen, ob wir unsere Identität preisgeben und uns entscheiden sollen, ob wir auf der guten oder auf der schlechten Seite stehen. Und definiert werden diese Seiten gerne von selbsternannten Nahostexperten und Wahrheits-Warriors auf Social Media, in den Medien und im privaten Umfeld. Dafür werden Begriffe verdreht, Bilder manipuliert und alle Grautöne gelöscht.

Was liegt, das pickt – lückenhafte Medienberichte, Fake News und Suggestivfragen befeuern den schwelenden Antisemitismus. Wir stehen dabei nicht nur vor der Frage, wie wir uns physisch schützen können, sondern auch, wie wir an unserer Kultur des Lebens festhalten – während der Krieg endlos erscheint, seine Folgen für Mensch und Gesellschaft immer schmerzhafter werden und die Hoffnung auf das Überleben der verschleppten Geiseln langsam verblasst. Dabei wäre ihre Befreiung nicht nur ein grundlegendes, sondern auch ein notwendiges Festhalten am urjüdischen Ja zum Leben – um jeden Preis.

Mein Name ist Julia – ich bin Mutter, die Tochter eines Zionisten, die Enkelin von Holocaust-Überlebenden, ich bin Journalistin, ich bin Jüdin – und ja, ich bin Zionistin: im Sinne Martin Bubers, der eine lebensfähige Gesellschaft auf der Basis gemeinsamer Kultur und gegenseitiger Verantwortung propagierte und die dabei nach außen offen bleibt.

Ich hoffe, dass wir uns nach der Hitze dieses Sommers wieder einer Realität annähern, in der Dialog und Miteinander möglich werden, um Lösungen und Kompromisse für die Betroffenen zu finden – um die es im Grunde wirklich geht.


* Ari Shavit: My Promised Land – The Triumph and Tragedy of Israel; Scribe Publ. 2014.

** Gal Gadot, ADL‘s Summit 2025; www.adl.org/resources/news/gal-gadots-keynote-address-adls-2025-never-now-summit-antisemitism-and-hate.

*** Martin Buber verstand Zionismus als humanistisches, kulturelles Projekt, das echten Dialog und Verantwortung fördert – sowohl innerhalb des jüdischen Volkes als auch im respektvollen Miteinander mit anderen Bevölkerungsgruppen und Religionen der Region. (In: Martin Buber, Between conflict and reconciliation;Tandfonline, 2024.)

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