Was gibt es Schöneres, als die eigene Familiengeschichte über drei Generationen mittels jener Talente und Vorlieben zu erzählen, die einen privat und beruflich schon so lange begleiten? Jordan Mechner, 1964 in New York geboren, hat bereits mit 25 Jahren durch seinen Computerspiel-Klassiker Prince of Persia weltweite Bekanntheit erlangt. Aber erst vor zehn Jahren entdeckte er durch die Recherche für seine Graphic Novel* Replay – Erinnerungen einer entwurzelten Familie, wie tief seine Geschichte mit Wien verbunden ist.
Die deutsche Übersetzung von Replay nach dem französischen Original 2023 (Englisch 2024) präsentierte Jordan Mechner jüngst in Österreich, unter anderem bei einem Interview-Abend im Jüdischen Museum Wien. Hier wunderte sich allen voran Direktorin Barbara Staudinger, dass ein junges und mittelalterlich durchmischtes Publikum den Saal komplett füllte. „Meine Generation ist mit diesem ersten Computerspiel Prince of Persia aufgewachsen, da wollte ich den Entwickler kennenlernen“, erzählt ein Techniker einer großen Firma um die 40, der zum ersten Mal hier ist.
Doch heute und hier bewegt Jordan Mechner Emotionales: „Die Veröffentlichung von Replay in Österreich ist für mich besonders bedeutsam, da die Familie Mechner von hier stammt. Mein Vater wurde in Wien geboren, er war sieben Jahre alt, als die Nazis 1938 die Macht übernahmen. Mein Großvater Adolf (Spitzname „Bubi“), ursprünglich aus Czernowitz, war Arzt mit Praxis in der Wiener Taborstraße 64“, erzählt der Enkel. „Bereits 1936 hatte er aus dem Gift der Sandviper eine Salbe gegen Heuschnupfen entwickelt, die unter dem Namen Viperin in Deutschland, Frankreich und der Tschechoslowakei hergestellt und verkauft wurde.“
Der weitere Weg dieses Medikaments hängt mit Adolf Mechners Flucht im Oktober 1938 nach Kuba zusammen: Durch einen glücklichen Zufall hatte Adolfs Bruder Carl viele Jahre vor der NS-Machtübernahme zwei Aquarelle eines wenig bekannten Malers namens Adolf Hitler erworben. Als die Flucht dringlich wurde, erinnerte er sich daran und verkaufte die zwei Aquarelle an einen hohen NS-Offizier, und das ermöglichte Visas für die Familie. Da der 1897 in Czernowitz geborene Großvater 1938 den US-Behörden als Rumäne galt und es nur wenige Quotenplätze gab, musste sich Familie Mechner trennen: Adolf floh allein nach Kuba, seiner Frau gelang mit der kleinen Tochter die Überfahrt in die USA, sein siebenjähriger Sohn Franzi (später Francis) blieb mit Tante Lisa Ziegler im besetzten Frankreich zurück.
Auch die schwere Zeit des Vaters in Frankreich thematisiert Jordan in Replay. 1941 schien ihre Lage so gut wie aussichtslos. Wieder kam es aber zu einer glücklichen Fügung: Großvater Adolf Mechner, der auf Kuba eigentlich nicht praktizieren durfte, kurierte dort dennoch einen hohen Diplomaten. Dieser revanchierte sich mit Ausreisepapieren für Sohn Franzi und Schwägerin: Damit gelang es ihnen im Herbst 1941, von Nizza über Madrid nach Lissabon zu reisen, um dort das letzte Schiff zur Überfahrt nach Kuba zu ergattern. Die Weiterreise in die USA schafften sie erst fünf Jahre später.
Mit Fluchtgeschichten kennt Jordan sich aus: „Mein Großvater und mein Vater bezogen sich öfter auf ihre Herkunft aus Wien, die Zeit in Frankreich, aber auch das meist nur in Anekdoten. Und als junger Bursch hört man nicht so genau hin. Erst als ich die Memoiren meines Forscher-Großvaters gelesen hatte, die dieser in den 70er-Jahren in New York zu Papier brachte, und die Erinnerungen meines in Wien geborenen Vaters zusammentragen konnte, habe ich mich daran gemacht, ihre Geschichte ausführlich zu recherchieren, sie zu zeichnen und zu erzählen.“
Besondere Freude machte dem Zeichner und Autor die Begegnung mit 70 Schülerinnen und Schülern in der Stadtbibliothek von St. Pölten. Obwohl sie aus unterschiedlichem Umfeld stammen, waren alle Jugendlichen an der jüdischen Flucht- und Familiengeschichte im Comic- Modus interessiert. „Ich hoffe, dass die Geschichte Leser und Leserinnen mit vielfältigem Hintergrund anspricht, insbesondere diejenigen, deren Familien in früheren Generationen Krieg und Verfolgung erlitten haben oder dies jetzt, im Jahr 2026, noch immer tun“, resümierte Mechner nach dem Besuch.
Computerspiele auf dem Heimcomputer. Jordan Mechners Vater Francis Mechner, geboren 1931, lebt heute in New York. Er war renommierter Forscher im Bereich der Lernpsychologie und betätigte sich in seiner Freizeit als Pianist und Komponist. Als sein Sohn mit Hilfe des Apple 2-Heimcomputers in Yale begann, Computer spiele zu designen und zu programmieren, bot er an, im Stil der Wagner’schen Leitmotivtechnik die Scores zu schreiben. Jordan wollte eigentlich bereits vor dem Start seiner Spielentwicklerkarriere nur Comiczeichner werden. Doch durch seine innovativen Animationen und Kampfszenen setzte er schließlich mit Prince of Persia 1989 neue Maßstäbe. In den nächsten Jahrzehnten wurde das Spiel mehrfach weiterentwickelt, auf verschiedene Plattformen übertragen und nach einem Drehbuch von Jordan Mechner sogar von Disney in Hollywood verfilmt. Für Spiele wie Karateka und The Last Express wurde er vielfach ausgezeichnet. 2017 erhielt er den Pioneer Award der International Game Developers Association. Als Graphic- Novel-Autor landete er mit Templar einen New York Times-Bestseller.
„Meine Großeltern mütterlicherseits waren religiös und gingen fleißig in die Synagoge. Aber die Forscherseite mit Großvater Adolf und Vater Francis interessierte sich wenig dafür. Für einen einzigen Feiertag konnte mein Vater von den Schwiegereltern gewonnen werden – und das war Pessach“, erinnert sich Jordan Mechner. „Er fasste die Geschichte der ewigen Verfolgung und wiederholten Flucht, plastisch dargestellt in der Haggada im Auszug aus Ägypten, philosophisch auf. So wurde mit jedem Jahr am großen Familientisch immer weniger hebräisch gelesen, dafür aber viel und lebhaft diskutiert. Diese Abende möchte ich nicht missen.“
Was bis vor ein paar Jahren nur ein Aspekt der Entwicklung von Prince of Persia war, wurde 2023 von Mechner in dessen Graphic Novel Replay stark ausgeweitet. Hier wechselt Mechner ständig zwischen drei Zeitebenen: den Erzählungen von Vater und Großvater sowie Jordans eigener Geschichte und den persönlichen Erlebnissen ab 2015. Die Zeitschienen sind dabei übersichtlich farbkodiert, damit man beim Lesen zwischen ihnen wechseln kann: Erster und Zweiter Weltkrieg, Shoah-Bezüge in Sepia/Monochrom für die teils dunkle Vergangenheit, Blau für das eigene Aufwachsen und Gelb für die Gegenwart. Die Graphic Novel changiert nicht nur gekonnt zwischen den Zeiten, sondern auch zwischen leichteren Texten, zwischenmenschlichen Dramen, Archivmaterial und politischer Tragik. Dementsprechend weiß man nie, ob man beim nächsten Umblättern lächeln oder traurig sein wird.
2017 zog der heute 61-jährige zweifache Vater für ein Filmprojekt, das letztlich nicht realisiert wurde, nach Montpellier und blieb in der südfranzösischen Stadt, in der er sich sehr wohl fühlt. Kam er hierher zurück, weil sein Vater auch prägende Zeiten in Frankreich erlebte? „Das kann unbewusst schon so sein, denn unsere Familie blieb dem Kontinent kulturell und emotional eng verbunden. Als mein Vater 2020 erfuhr, dass es für verfolgte und geflohene Österreicher die Möglichkeit gibt, die Staatsbürgerschaft zu erlangen, reichte er die Unterlagen ein. Seither ist er erneut österreichischer Staatsbürger – so wie seine vier Kinder, darunter auch ich.“
* Die Graphic Novel (Comic-Roman oder grafischer Roman) ist eine seit den 1980er-Jahren populäre, aus den USA übernommene Bezeichnung für Comics im Buchformat, die sich aufgrund ihrer erzählerischen Komplexität häufig an eine erwachsene Zielgruppe richten.





















