For today i am a boy

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Bewegung zwischen den Polen. Oppositionen wie Körper und Geist sind zentrale Begriffe im Werk Tobaran Waxmans. / © Capture One 6 Macintosh

Tobaron Waxman nimmt religiöse Rituale genauso ernst wie sexuelle Utopien. Von Thomas Edlinger

Ein vollbärtiger Mann im schwarzen Anzug pflügt mit einem elektrischen Haarschneider durch Bart und Kopfhaar. Konzentriert wird in den Spiegel geblickt, die dunklen Büschel fallen in eine Glasschüssel, als ob sie Reliquien wären. In wenigen Minuten wird weder vom Vollbart noch von der Frisur etwas übrig, dafür wird sein Gesicht weiß geschminkt sein. Der Mann wird dann auf jiddisch und hebräisch alte und neue Lieder singen, die von einem Anderswerden voller Hoffnung erzählen. Sogar Lou Reeds Candy Says wird in dieser flüchtigen Besetzung des Museumsraums durch unbehauste Töne dabei sein.

Tobaron Waxman macht eine solche Performance nicht zum ersten Mal. Schon 2000 hat er sich in einem fünftstündigen Akt seiner Haare entledigt und die Strähnen in einem Kunstraum von der Decke baumeln lassen. Opshernish bezog sich auf die rituelle Abscherungszeremonie des bis dahin ungeschnittenen Haupthaars, die orthodoxe jüdische Buben im Alter von drei Jahren erfahren. Damit wird traditionell nicht nur der Eintritt in das religiöse Leben, sondern auch die sexuelle Identität als Mann festgelegt.

„In wenigen Minuten wird weder vom Vollbart noch von der Frisur etwas übrig, dafür wird sein Gesicht weiß sein ...“

Die Bewegung zwischen Oppositionen

Im Fall von Waxman, der seine Vergangenheit aufgrund seiner langjährigen Beschäftigung mit der chassidischen Tradition als religiöse Askese bezeichnet, markiert die künstlerische Reinszenierung dieses Rituals hingegen den Beginn der Verwandlung von der Frau in einen Mann. Das lange Haar, das als Attribut des Weiblichen gilt, bleibt im Raum der Performance festgeschraubt – gleichzeitig wächst am Kopf und im Gesicht schon wieder neues Haar. Der Übergang, die Bewegung zwischen Oppositionen wie Mann und Frau, Körper und Geist, religiöser Bindung und der Freiheit der Kritik ist der zentrale Begriff im Werk Tobaron Waxmans.

Heute tun sich von ihm beauftragte Straßenmaler zwischen New York, Paris und Wien schwer, ihr Gegenüber nicht nur sexuell einzuordnen. Doch die Verwirrung gehört zum Konzept dieser in vielerlei Hinsicht queeren Kunst. Denn die Straßenmaler, deren Waxman-Porträts zum seit 2006 laufenden Projekt In Fear Of A Bearded Planet beitragen, fragen vor Beginn ihrer Arbeit gewöhnlich nach der Identität ihres Auftraggebers. Doch in diesem Fall verweigert dieser die Auskunft. Und so fließen die Mutmaßungen über die Herkunft des bärtigen Unbekannten in die individuelle Gestaltung der Porträts ein. Einmal scheint der bei seinen Begegnungen stets gleich gekleidete Waxman eher arabischer Muslime, dann wieder orthodoxer Jude zu sein. Ein Berliner Straßenmaler hält ihn hingegen für einen Türken.

Die im Salonstil gehängten, dicht gedrängten Porträts bilden nicht nur die Grundlage einer Installation, sondern formen auch ein kollektives Porträt des orientalischen Semiten. Es ist allerdings ein Porträt, das ausschließlich aus Identitätsprojektionen besteht und gerade in dieser radikalen Fiktionalität eine Wahrheit über unsere (auch in Zwänge und Gewalt mündenden) Einbildungen ausplaudert.

In anderen Arbeiten geht Waxman umgekehrt vor und versucht, durch eigene Bildkonstruktionen herkömmliche Konstellationen zu verunreinigen oder zu „verqueeren“. Im Foto-Triptychon Armidah (2004) wird die Ordnung des Maskulinen im jüdischen Gebet durch einen nackten, geisterhaft verwischten Körper aufgebrochen; das Video True Spirit schockiert zunächst mit einer sadomasochistischen Szene zwischen drei jungen Menschen im Stil einer voyeuristischen Reality-Doku, die dann aber in einen überraschenden, die drei Protagonisten einenden Moment der Zärtlichkeit mündet. Aktuellere Werke wie die Soundarbeit Mechitza 7.1. oder Israel eats itself artikulieren hingegen die „postzionistischen“ Anliegen von Waxman, die sich vor allem gegen ein militarisiertes, zum Rassismus neigendes Männlichkeitskonzept wenden. Es passt daher auch gut ins Bild dieses furchtlosen und vorurteilslosen Künstlers, wenn Waxman Weihnachtspostkarten verschickt, die in einem ganz wörtlichen Sinn die Grenze ins Visier nehmen. Die Souvenirs zeigen seine untere, bärtige Gesichtshälfte am Checkpoint in Bethlehem. Steht hier ein Israeli oder ein Palästinenser, ein Jude oder ein Muslime oder gar eine ehemalige Frau?

Zur Person

Der Kanadier Tobaron Waxman hat polnische Wurzeln und lebt in New York. Als Multimediakünstler agiert er im Sinn einer diasporischen Queerness, die oft mit Hilfe seines eigenen Körpers einen Raum zwischen den fixen Identitätszuschreibungen zu behaupten versucht. Seine Installation In Fear Of A Bearded Planet ist noch bis 17. Februar in der vom Autor kuratierten Ausstellung Vollmilch. Der Bart als Zeichen im Linzer Lentos-Museum zu sehen.

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