Forschung verbindet

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Welt der Wissenschaft. Die Lücke bei industriellen Forschungsabkomen schließen./ © senoldo - Fotolia.com

Zwischen österreichischen und israelischen Uni-Instituten gibt es eine Reihe wissenschaftlicher Kooperationen, wenn auch bisher noch ein bilaterales Forschungsabkommen für Technik und Wirtschaft fehlt. Von Reinhard Engel

Forschung braucht zwei entscheidende Betriebsmittel: Geist und Geld. Letzteres kann aus unterschiedlichen Quellen kommen: von staatlichen Institutionen, aus der Wirtschaft oder von privaten Spendern. Das jüngste Protokoll der Generalversammlung der Gesellschaft der Freunde der Universität Tel Aviv in Österreich fasst solche private Aktivitäten in einige wenige, schlanke Sätze: „Das von unserer Gesellschaft geförderte Projekt mit dem Titel Die Dynamik komplexer Moleküle konnte im vergangenen Jahr erfolgreich abgeschlossen werden. Für dieses Projekt zeichneten seitens der Tel Aviv University Prof. Itzhak Fouxon, School of Physics and Astronomy, Exact Sciences verantwortlich und seitens der Universität Wien Prof. Harald A. Posch, Computational Physics Group.“

Aber dieses hoch spezialisierte Projekt war nicht das einzige, das die Gesellschaft aktuell unterstützt, und das sie ihren Sponsoren ganz nüchtern präsentiert. Viele Jahre agierte sie unter Führung der Wienerin Hella Gertner, mittlerweile hält der Industrielle und frühere Vizekanzler Hannes Androsch die Präsidentschaft. Es geht nicht nur um Physik, sondern um so unterschiedliche Forschungsthemen wie Spracherwerb durch junge Migranten oder um Aspekte der Krebsforschung.

Eine Studie widmet sich etwa „Unzulänglichkeiten von kindgerichteter Sprache von Migranteneltern als Ursache unzulänglicher Sprachentwicklung und daher von mangelhaftem Schulerfolg ihrer Kinder“. Gemeint sind in Wien türkischstämmige Familien, in Israel solche mit russischem Migrationshintergrund. Hier arbeiten israelische Wissenschaftler der Constantiner School of Education & Department of Communications Disorders zusammen mit dem Institut für Sprachwissenschaft der Universität Wien.

Fehlendes Abkommen

Österreichische Onkologen – etwa des Comprehensive Cancer Center (CCC) der Meduni Wien unter Prof. Christoph Zielinski – kooperieren wiederum mit Zellforschern um den israelischen Wissenschaftler Issac Witz sowie mit dem Comprehensive Cancer Center der Tel Aviv University.

Derartigen über lange Jahre erfolgreich aufgebauten Privatinitiativen – es gibt auch eine äußerst aktive Freundesgesellschaft für die Hebräische Universität in Jerusalem, geleitet von Ellen und Peter Landesmann – haben die beiden Staaten zumindest in einem Schlüsselbereich nichts entgegengesetzt. „Leider gibt es zwischen Israel und Österreich noch kein abgeschlossenes bilaterales Abkommen zur industriellen Forschungskooperation“, bedauert der österreichische Wirtschaftsdelegierte in Tel Aviv, Christian Lassnig. Das müsse zwar nicht bedeuten, dass es auf Unternehmensebene zu keiner konkreten Zusammenarbeit bei technologischen Fragen komme, aber die Lücke bestehe dennoch.

Das sieht auch Alma Lessing ähnlich. Sie ist Koordinatorin am Desk of German Speaking Countries bei der Authority for Research & Development der Hebrew University of Jerusalem. „Es gibt ein großes Potenzial an Kooperationen im naturwissenschaftlichen Bereich, die aber vor allem daran leiden, dass es keine entsprechenden Fördermittel gibt.“ Naturwissenschaftliche Projekte sind laut Lessing normalerweise sehr viel teurer als geisteswissenschaftliche und daher auf entsprechende Fördermittel angewiesen. „Zur Zeit ‚schlafen‘ diese Kooperationsmöglichkeiten, beschränken sich auf das absolute Minimum oder werden zum Teil aus EU-Geldern finanziert. Möglicherweise soll in der nahen Zukunft – vielleicht 2014? – ein bilaterales Abkommen unterzeichnet werden, das auch Fördermittel zur Verfügung stellen wird“, so ihre Hoffnung.

Aber an der Hebrew University gibt es seit 12 Jahren eine Institution, die die beiden Länder kulturell und akademisch verbindet: das Austria Center.

Österreich-Zentrum

Dieses wurde von der österreichischen Regierung und der Freundschaftsgesellschaft ins Leben gerufen und finanziert und widmet sich der wissenschaftlichen Darstellung der österreichischen Wirklichkeit in unterschiedlichsten Gebieten und Forschungszweigen. Elisheva Moatti ist die administrative Direktorin, und sie erzählt, wer die israelischen Studenten sind, die am Center studieren: „Es gibt kein einheitliches Profil unserer Studierenden. Einige haben durchaus einen österreichischen oder CEE-Hintergrund, andere konzentrieren sich auf Themen mit Österreich-Bezug von ihrem Fachgebiet her, d. h. Literatur, Geschichte, jüdische Studien, Politikwissenschaft, Psychologie usw. Unter ihnen befinden sich aber auch Israelis mit sephardischem oder orientalischem Hintergrund.“

Im Zentrum des Austrian Center der Hebrew University stehen heute eher sozialwissenschaftliche Themen.

Gefragt nach dem aktuellen wissenschaftlichen Schwerpunkt berichtet Frau Moatti über eine graduelle Veränderung: „Zu Beginn lag der Forschungs- und Lehrschwerpunkt mehr auf den Geisteswissenschaften, heute nehmen sozialwissenschaftliche Themen, wie etwa Österreichs Rolle in der EU, einen größeren Raum ein.“ Das Center spricht aber nicht nur Studenten an, die sich auf derartige Inhalte spezialisieren, sondern organisiert auch Vorträge für ein breiteres Publikum oder öffentliche Veranstaltungen – teils in enger Zusammenarbeit mit der dort existierenden Österreich-Bibliothek und mit zwei themenspezifischen Lehrstühlen, benannt nach Franz König (Kunstgeschichte) und Teddy Kollek (Geschichte).

Christian Gerbel, ein österreichischer Zeithistoriker, der an der Universität Linz zwischen 1994 und 2001 Lehrveranstaltungen zum Thema NS-Herrschaft abgehalten hatte, unterrichtet noch bis Ende des laufenden Semesters an der Hebrew University. Er war bereits im akademischen Jahr 2006/2007 dort als Lektor tätig gewesen: „Einer meiner Forschungsschwerpunkte behandelt die österreichische Erinnerungskultur und die europäischen Gedächtniskulturen. Ich frage also, wie die europäischen Nationen nach 1945 mit dem Zweiten Weltkrieg und dem Holocaust umgegangen sind.“

Etwa die Hälfte seiner Studentinnen und Studenten hat familiäre Beziehungen zu Mittelosteuropa. Aber neben dem Unterrichten spielt auch weiterführende Forschung eine Rolle. Gerbel: „Forschung und Lehre sind nicht voneinander zu trennen. Im Kontext meiner Vorlesungstätigkeit habe ich in Kooperation mit Wiener Kolleginnen und Kollegen ein Projekt zur „europäischen Erinnerungskultur“ entwickelt. Das Projekt liegt an der Schnittstelle zwischen einer kulturwissenschaftlichen „Gedächtnis- und Erinnerungskulturforschung“ und einer sozialwissenschaftlichen.

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