Fort! – Da!

In einer hypervernetzten Welt können wir nicht mehr alles wahrnehmen und darauf reagieren. Oft werden wir in Interaktionen hineingezogen, anstatt uns bewusst dafür zu entscheiden.

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Es laute Chaos und der unüberschaubare, unbegreifliche Wahnsinn der täglichen Meldungen, mit denen wir konfrontiert sind, übersteigen unser Wahrnehmungsvermögen. Alles Geschehen dringt zeitgleich auf uns ein, der permanente Strom der Kommunikation prägt unsere Tage (und unsere Nächte). Im Zentrum dieses Echtzeit-Datenflows steht das Smartphone – leistungsstarkes Werkzeug, Medien- und Kommunikationsknotenpunkt – als komplexes „Spielzeug“.

Sigmund Freud beschreibt in Jenseits des Lustprinzips (1920), wie sein achtzehn Monate alter Enkelsohn eine an einer Schnur befestigte Holzspule aus seinem Kinderbett wirft („Fort!“) und sie dann wieder zurückzieht („Da!“). Freud interpretierte dieses Spiel als Versuch des Kindes, die belastende Erfahrung der Abwesenheit seiner Mutter zu bewältigen. Indem es das Verschwinden und Wiederauftauchen mit dem Objekt aktiv nachstellte, verwandelte es eine passive, schmerzhafte Erfahrung in eine aktive, kontrollierbare, milderte seine Angst und begann, Phasen der Trennung zu tolerieren. Dieses einfache Spiel stellt laut Freud einen entscheidenden Schritt im Reifeprozess dar: den Übergang vom Lustprinzip (Verlangen nach sofortiger Befriedigung, Vermeidung von Schmerz) zum Realitätsprinzip (Toleranz und Akzeptanz vorübergehender Abwesenheit, Bewältigung der Realität).

Was aber haben die Spule eines Kindes vor über hundert Jahren und das allgegenwärtige Smartphone des 21. Jahrhunderts gemeinsam? Das dauerhaft mit dem Internet verbundene Mobilgerät fungiert quasi als modernes „Fort!-Da!“-Spielzeug, dessen inhärente Merkmale jedoch nicht die von Freud beobachtete Entwicklung ermöglichen. Anstatt Toleranz für Distanz und abwesende Subjekte und Objekte sowie ein inneres Gleichgewicht zu fördern, kann das Smartphone Ängste vor dem Verpassen von Information, die Abhängigkeit von ständiger virtueller Verbundenheit und einen paradoxen Zustand kultivieren, in dem man gleichzeitig – handlungsunfähig – mit dem globalen Netzwerk verbunden und von der unmittelbaren Lebensrealität getrennt ist.

Technology is not neutral. We´re inside of
what we make, and it´s inside of us. We´re
living in a world of connections – and it matters
which ones get made and unmade.”
(Donna Haraway)

Schon bei Kindern lässt sich beobachten, dass sie, das Handy in der Hand, zwar physisch anwesend, mental aber abwesend sind; vom Touchscreen ihrer Geräte absorbiert, ihrem unmittelbaren Umfeld entfremdet. Auch der Druck, eine kuratierte Online-Persönlichkeit aufrechtzuerhalten, der ständige Vergleich mit der Selbstdarstellung anderer sowie die Konfrontation mit unfassbaren Mengen an Inhalten wirken auf die User:innen. – Wo ziehen wir die Grenzen dessen, womit wir uns näher befassen?

In einer hypervernetzten Welt können wir nicht mehr alles wahrnehmen und darauf reagieren. Oft werden wir in Interaktionen hineingezogen, anstatt uns bewusst dafür zu entscheiden. Das von Freud beschriebene Kind kontrollierte die Spule; wir werden oft vom Gerät dominiert; rund um die Uhr: Pop-up-Meldungen, Nachrichten und Updates.

Das Smartphone als „Fort!-Da!“-Spielzeug scheint das Entwicklungsziel des Kinderspiels umgekehrt zu haben. Anstatt zu lernen, Ängste zu tolerieren und mittels (primären) Erfahrungen – auch in größerem Rahmen – Handlungsfähigkeit zu erlangen, werden wir abhängig von durch Algorithmen gesteuerten Rückkopplungsschleifen, was zu Zuständen ständiger (nervlicher) Überforderung führen kann, die durch verminderte Aufmerksamkeitsspanne und Ohnmachtsgefühle gekennzeichnet sind. Die Technologie, die es vermag, potentiell Distanzen zu überbrücken, Menschen zusammenzubringen und über globale Geschehnisse zu informieren, kann zu Distanz, Eskalation und kognitiver Dissonanz führen. Auch als Homo Politicus empfiehlt es sich daher, mitunter einen simplen Rat von Jim Carrey aufzugreifen: „Do more of what makes you forget your phone.“

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