Frauen in der Armee

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Aluf Orna Barbivai: weiblicher General mit Agenden zwischen Frauenförderung und der Entwicklung neuer Normen für den Armeedienst.

Die isralische Armee hat ihren ersten weiblichen General. Sie dient bei keiner Kampfeinheit, kämpft aber – mit friedlichen Mitteln – für mehr Gleichstellung und Frauenförderung. Nachrichten aus Tel Aviv von Gisela Dachs.

Auf Orna Barbivais Visitenkarte steht Aluf – hebräisch für General. Sie hat nicht auf der weiblichen Form insistiert, denn das käme einer Erneuerung der Fachsprache gleich. So weit wollte sie nicht gehen. Andere Dinge in Sachen Frauenförderung sind ihr wichtiger. Zum Beispiel die Getränkeecke in ihrem Büro. Dort brüht sie sich ihren Kräutertee selbst. Die Pappbecher muss keine Rekrutin spülen.

Dabei stimmt es ja schon lange nicht mehr, dass junge Soldatinnen während ihrer Armeezeit hauptsächlich mit Kaffeekochen und Fotokopien beschäftigt sind. Orna Barbivai rechnet vor, dass heute 92 Prozent der Berufe in der Armee für Frauen offen sind. Während im Jahr 2000 noch gut ein Viertel der jungen Frauen als Sekretärinnen dienten, ist dieser Anteil auf zwölf, dreizehn Prozent gesunken.

Als einziges weibliches Mitglied des Generalstabs ist sie für die riesige Personalverwaltung der Armee verantwortlich.

Als erstes – und einziges – weibliches Mitglied des Generalstabs ist die 50-jährige Israelin als rosh aka für die riesige Personalverwaltung der Armee verantwortlich. Das hindere sie nicht daran, auch bei anderen Themen mitzureden, sagt sie, inklusive Iran. Schließlich sei sie hier kein Gast. Ihre Kollegen kennt sie schon länger. Etwa seit dreißig Jahren.

Ihre Beförderung zur Generalmajorin vor zwei Jahren bezeichnete der damalige Verteidigungsminister Ehud Barak als „historischen Riesenschritt in Richtung Gleichberechtigung“. Der große Rest der Bevölkerung registrierte die Nachricht viel gelassener. Im Jahr 2011 schien es den meisten normal, dass Frauen jetzt auch in dieser Domaine nach ganz oben dringen.

Trotzdem bleibt es ungewöhnlich, eine Frau im Hauptquartier der Armee anzutreffen, die nicht am Eingang Magnetkarten aushändigt oder im Vorzimmer am Schreibtisch sitzt. Der Weg zu Barbivai in der Kirjia, dem Komplex des Tel Aviver Verteidigungsministeriums, ist von Bildern ihrer Vorgänger gesäumt – alles Männer, die auf die eine oder andere Weise die Militärgeschichte des Landes mitgeprägt haben.

Ein langer Weg

In Israel waren Frauen immer schon Teil der Armee, wenn auch nicht in allen Einheiten. Als Zugeständnis an die religiösen Koalitionspartner hat man sie nach der Staatsgründung 1948 von Kampfeinheiten ausgeschlossen. Dass Frauen zuvor in Untergrundbewegungen wie der „Hagana“ (aus der dann die Armee hervorging) gegen die britische Mandatsmacht bewaffneten Widerstand geleistet hatten, spielte keine Rolle mehr. Erst in den späten 1970er-Jahren kam es zur Reform: Soldatinnen dienten in der Infanterie, als Fahrlehrerinnen für Panzer und Flugzeugmechanikerinnen. 2000 stimmte das Parlament schließlich dafür, alle Positionen für Frauen zu öffnen – auch die Kampfeinheiten. Die 23-jährige Alice Miller hatte diese Entwicklung ins Rollen gebracht, indem sie das Recht einklagte, an Ausbildungsgängen der Luftwaffe teilnehmen zu dürfen. 1995 entschied das Oberste Gericht, Frauen zur Pilotenausbildung zuzulassen. Das ermöglichte ihnen eine zivile Karriere bei der nationalen Fluggesellschaft El Al, die grundsätzlich nur Abgänger der Luftwaffe einstellt.

Zwölf Jahre später wurde beschlossen, die letzten Männerbastionen in der Armee für Frauen zu öffnen. In Kriegsgebiete aber lässt man die Soldatinnen bisher höchstens an Bord von Flugzeugen, aber nicht am Boden. Sie sollen davor geschützt sein, in die feindlichen Hände von Hisbollah oder Hamas zu fallen. Dass sich nur ganz wenige weibliche Rekruten letztlich für Kampfeinheiten interessieren, betont die ehemalige Knessetabgeordnete Naomi Chasan, schmälere die Bedeutung dieser Öffnung im Namen der Chancengleichheit keineswegs.

Orna Barbivais Aufgabe besteht darin, „so viele Israelis wie möglich einzuziehen“, was nicht nur den Bedarf deckt, sondern nach den sozialen Protesten vom Sommer 2011 auch der Forderung nach einer gerechteren Lastenverteilung nachkommt. Bisher wurde ein Viertel aller jüdischen Männer aus religiösen Gründen nicht eingezogen. Das soll sich nun ändern, nachdem erst das Oberste Gericht das entsprechende Tal-Gesetz für „nicht mehr tragbar“ erklärte und jetzt die neue Regierung die Wehrpflicht für Ultraorthodoxe zu ihrer Hauptaufgabe definiert hat.

3.000 Ultraorthodoxe dienen bereits in besonderen Einheiten

Die Frage ist, wie es mehr werden können, ohne einerseits bestehende Normen der Armee zu verändern und anderseits deren spirituelle Oberhäupter zu radikalisieren, die darin einen Angriff auf ihre Identität sehen. Neuerdings sitzen ihre politische Vertreter auf der Oppositionsbank, dafür haben Yair Lapid und Naftali Bennett gesorgt.

Mit der Forderung nach Wehrpflicht (oder einem nationalen Dienst) für alle verbindet sich mehr als ein geteiltes Soldatenschicksal. Die Mehrheit der Israelis hofft, dass die demografisch stark anwachsende ultraorthodoxe Bevölkerung so einen Weg in die Arbeitswelt findet, statt sich nur dem Talmudstudium zu widmen, also wirtschaftlich produktiver und weniger auf staatliche Unterstützung angewiesen wird. Gelänge dies, käme das einem Strukturwechsel gleich, wie ihn viele für überfällig halten.

Als Zugeständnis an die religiösen Koalitionspartner hat man Frauen nach der Staatsgründung 1948 von Kampfeinheiten ausgeschlossen.

Orna Barbivai gehört zu jenen, die sich dabei den Kopf über das „Wie“ zerbrechen müssen. Immerhin muss sie Männer mobilisieren, die ihr als Frau nicht die Hand geben würden, und Frauen beruhigen, die fürchten, dass die Armee künftig womöglich weniger offen für sie sein werde. Die Generalin aber wirkt zuversichtlich. Sie ist sich ziemlich sicher, dass sie wegen ihrer Fähigkeiten, Veränderungen möglich zu machen, berufen wurde.

Ihre eigene Biografie mag da als Beispiel dienen. Sie ist die Älteste von acht Geschwistern, der Vater stammt aus Rumänien, die Mutter aus dem Irak; eine Familie mit wenig Mitteln, die sich niedergelassen hatte in der abgelegenen nördlichen Kleinstadt Afula, umgeben von Kibbuzim und arabischen Dörfern. Mit 18 wurde sie einberufen, am Fenster steht ein Foto, das damals gemacht wurde. Seither ist sie bei der Armee, hat geheiratet und drei Kinder zu Welt gebracht. Vor einem Jahr kam ihr erstes Enkelkind zur Welt; die Bilder trägt sie in ihrem iPhone mit sich herum. Im Generalstab hat man darüber gewitzelt, erzählt sie schmunzelnd, dass nun eine Großmutter unter ihnen ist. Aber eine mit Power.

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