Frauen machen Frieden

Angela Scharf: Eine Ex-Wienerin an der Friedensfront. Nicht der Streit steht im Vordergrund, sondern die Initiative für eine nachhaltige Lösung

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Angela Scharf: „… Frauen bei Konfliktlösungen in die Entscheidungsprozesse einbeziehen“. © Reinhard Engel

Die Sonne brennt auf die weißen Quader vor dem Habima Plaza. Jeder Zentimeter Stoff wiegt zu viel, aber Angela Scharf lässt es sich nicht nehmen: Über die luftige weiße Bluse schwingt sie einen türkisen, langen Baumwollschal und knotet ihn vorne zusammen. „An diesem Schal ist unsere Gruppe erkennbar, das ist unser Alleinstellungsmerkmal“, lacht Scharf und meint nicht ihre Firma, sondern die Initiative Women Wage Peace – Frauen machen Frieden. Seit zwei Jahren engagiert sie sich für die größte Basisbewegung Israels, getragen von rund 45.000 Frauen aus allen sozialen, religiösen und ethnischen Schichten im ganzen Land.
Die NGO wurde 2014 als Reaktion auf die Operation Protective Edge gegründet. Es handelte sich um die Militäraktion als Antwort auf anhaltenden Raketenbeschuss Israels durch die Hamas und andere militante palästinensische Gruppen aus dem Gazastreifen und endete am 26. August 2014 mit einer unbefristeten Waffenruhe. „Die Frauen sagten: ‚Genug ist genug. Wir wollen unsere Söhne nicht mehr in den Krieg schicken‘ “, weiß Scharf. „Am Anfang waren das etwa zwanzig Frauen, dann ein paar Hundert, 2015 schon Tausende. Der Frauenanteil beträgt rund 80 Prozent, inzwischen machen auch Männer mit.“
Das Besondere an dieser Friedensinitiative ist, dass keine Festlegung auf ein Modell betrieben wird: Es geht nicht um Zustimmung zu einer Ein- oder Zwei-staatenlösung – und daher kommen die Unterstützerinnen aus dem linken, rechten, religiösen und säkularen Lager ebenso wie aus dem Kreis der israelischen Araber, Drusen und Beduinen. Beim March of Hope 2016 machten auch 3.000 Palästinenserinnen aus dem Westjordanland mit, für die Mahmud Abbas sogar Busse organisiert hatte. „Das Ziel heißt, einen neuen Weg zu finden, damit die Regierungen sich hinsetzen und über Frieden reden.“ Der zweite Schwerpunkt der Bewegung ist es, Frauen bei Konfliktlösungen in die Entscheidungsprozesse einzubeziehen. Da beruft sich WWP auf die Umsetzung der UNO-Resolution 1325, die bereits im Jahr 2000 einstimmig vom UN-Sicherheitsrat verabschiedet wurde. Darin wurden die Mitgliedsstaaten der UNO erstmals dazu aufgerufen, Frauen gleichberechtigt in Friedensverhandlungen und Konfliktschlichtung einzubeziehen.
Scharfs unternehmerische Tätigkeit war bereits zur Routine geworden, daher suchte sie nach einer zusätzlichen Herausforderung. „Ich war immer schon politisch sehr interessiert, und die Ideen dieser Gruppierung haben mich am ehesten angesprochen“, erzählt die Wienerin, die im Gymnasium Kundmanngasse im dritten Bezirk maturierte. Dass sie mit 18 Jahren nach Israel auswanderte, verdankte sie zwei Umständen: Erstens ging sie einer religiösen Freundin zuliebe in die Bnei Akiba. „Religiös wurde ich dort nicht, aber dafür stark zionistisch geprägt.“ Zweitens überredete sie die widerwilligen Eltern, sie doch gehen zu lassen, mit der wahrscheinlicheren Aussicht auf einen jüdischen Lebenspartner.
Schon beim Studium der Politikwissenschaften, Nahoststudien und Arabisch an der Hebräischen Universität in Jerusalem dachte sie an eine Zukunft mit politischem Einschlag. „Ich wollte die neue Golda Meir werden“, schmunzelt Scharf. Während des Studiums jobbte sie im Jerusalemer ORF-Büro beim legendären Hans Benedict. Berufspolitikerin wurde sie nicht, aber wenigstens die Eltern konnte sie beruhigen: Angela heiratete einen französischen Studienkollegen, der in der Folge als Diplomat in Tel Aviv arbeitete.
„Mein erstes Geld verdiente ich bei einer Firma, die Stoffe importierte, um dann fertige Kleidung nach Deutschland zu exportierten. Sie hatten mich vor allem wegen meiner Deutschkenntnisse angestellt“, erzählt die zierliche Mutter zweier erwachsener Kinder. „Dann haben sie mich einmal zur Frankfurter Messe mitgenommen und gesehen, dass ich gut mit Menschen umgehen kann. Sie steckten mich in den Verkauf, und ich stieg bis zur Import-Chefin auf.“ Fünf Jahre arbeitete Angela dort, dann begann sie als selbstständige Handelsagentin, Stoffe aus Österreich, Italien, Deutschland und Frankreich nach Israel zu importieren.

»Die Unterstützerinnen kommen aus dem linken, rechten, religiösen und säkularen Lager
ebenso wie aus dem Kreis der israelischen Araber,
Drusen und Beduinen.«
 

Angela Scharf

Mit der Versetzung ihres Mannes an die Botschaft in Südkorea erfolgte eine neuerliche Zäsur in Scharfs Leben. Für die eingeführte Agentur in Israel gewann sie ihre Bnei-Akiba-Freundin Paula Basch als Partnerin, die ab 1990 die Geschäfte in Israel weiterführte. Sie selbst begann, Stoffe von Seoul aus nach Israel zu importieren. Ab 1991 betreute die zweite Bnei-Akiba- und Jugendfreundin Eva Kulcsar den österreichischen und ungarischen Markt. „Ich habe in rund zehn Staaten Subagenten aufgebaut, angefangen von Holland über Griechenland bis Italien, und wäre gerne mit meinem Mann von Südkorea nach Hongkong oder Vietnam gezogen“, berichtet sie. „Doch wir mussten auf Posten nach Köln. Das hat mich ziemlich deprimiert, denn ich bin nicht aus Österreich weggegangen, um in Deutschland zu landen.“ Ihre Arbeit in Korea hatte sich darauf konzentriert, Stofflieferanten zu finden und die Waren überprüft an die verschiedenen Vertretungen zu versenden. Damit war es jetzt vorbei, doch Angela Scharf begann von Köln aus, ihren Kundenstock in Deutschland und der Türkei aufzubauen, und nützte weiterhin ihre Kontakte in Asien.

Women Wage Peace. Ab 1998 lebte die ganze Familie in Brüssel, von da aus konnte Scharf weiter ihren Markt in Deutschland betreuen. „Für die Kinder war Brüssel ein guter Ort, sie besuchten zuerst die jüdische Schule und danach die europäische. Aber mein Traum war es, nach Israel zurückzukehren.“ Seit drei Jahren lebt Angela – inzwischen geschieden – wieder in Tel Aviv und beliefert noch immer ihre Textil-Grossisten in Deutschland. „Die israelische Politik habe ich von überall mit großem Interesse verfolgt. Als ich dann wieder hier war, ging ich zu Konferenzen und Vorträgen, darunter einmal über das Thema Demokratie in Israel. Dort lernte ich eine Aktivistin von Women Wage Peace kennen, und seit zwei Jahren bin ich voll dabei.“
Heute gehört Scharf zu den einhundert Frauen, die sich regelmäßig zur Strategiebesprechung zusammenfinden, um die vielfältigen Aktivitäten gezielt zu planen. Das Vorbild der Gruppe ist die Bürgerrechtlerin und Politikerin Leymah Roberta Gbowee aus Liberia, die 2011 den Friedensnobelpreis verliehen bekommen hat. „Im Bürgerkrieg zwischen Christen und Muslimen hat der Frauenprotest u. a. auch mit Sitzstreiks den Konflikt beendet. Natürlich passen wir uns in Israel an unsere Situation an“, erzählt Scharf. „Hier begannen wir 2014 mit einem Friedensmarsch in das ständig bedrohte Sderot; 2015, am ersten Jahrestag des Gaza-Krieges, errichteten wir ein Zelt vor der Residenz des Premierministers: Dort fasteten hunderte Frauen 50 Tage lang, und Tausende kamen dorthin, um ihre Solidarität zu bekunden.“
Friedensmärsche durch das ganze Land und plakative Aktionen dieser Art wären aber zu wenig, um das Establishment aufzurütteln. „Wir haben professionelle Gruppierungen, die das Gespräch mit Diplomaten und Politikern im In- und Ausland suchen, um echte Bewegung in die festgefahrene Situation zu bringen. Und unter dem Titel Sayeret (Aufklärungstruppe) gehen wir zu Wahlauftritten von Politikern und konfrontieren diese mit Fragen nach ihren Friedensinitiativen. Ich war z. B. bei Benny Gantz von Blau-Weiß und auch bei Naftali Bennett. Wir informieren die anderen Frauen über das Gesagte oder Versprochene, und bei der nächsten Gelegenheit werden diese Politiker erneut zur Rede gestellt.“
Individuelle Gespräche mit Knesset-Abgeordneten gehören ebenso zum wöchentlichen Geschäft von Frauen machen Frieden wie das Friedenszelt vor der Knesset: Da kommen die Frauen mit ihren weißen Blusen und türkisen Schals seit eineinhalb Jahren – während der Sitzungsperioden – jeden Montag hin, um alle Menschen, die hier ein- und ausgehen, von ihrem Projekt zu überzeugen. Derzeit hat WWP einen konkreten Gesetzesvorschlag ausgearbeitet und hofft, diesen durchzubringen. „Mit dem Gesetz Political Alternatives First möchten wir bewirken, dass jede Regierung nur dann in den Krieg ziehen kann, wenn sie vorher bewiesen hat, dass sie bereits auf politischer Ebene alles unternommen hat, um diesen zu vermeiden.“
Ist es nicht schwer, die Menschen für die Friedensinitiative zu begeistern? Man scheint sich im Status quo doch irgendwie eingerichtet zu haben? „Ja, das Gefühl, dass man nichts machen kann, ist deprimierend“, konzediert die Aktivistin. „Aber wenn man in dieser Gruppe ist, bekommt man gegenseitig so viel Kraft und positive Energie. Das ist unwahrscheinlich aufbauend.“ Einmal im Monat stehen an ca. 100 Standorten in ganz Israel WWP-Frauen an Verkehrskreuzungen und halten Poster mit Aufschriften wie „Geht/Fahrt in Frieden“. „Ich wohne in Ramat Aviv, da habe ich mir eine Kreuzung ausgesucht, und da stehe ich dann fast zwei Stunden.“

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