Ein Frühlingslüfterl in Budapest?

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Das erfrischend mutige Auftreten der jüdischen Gemeinden bringt einen Hauch von Hoffnung in die gesellschaftspolitische Landschaft Ungarns. Ein Lokalaugenschein vor dem Wahltermin am 6. April von Marta S. Halpert.

Der große Mann im bunt kariertem Hemd spricht über das Jüdisch-Sein und strahlt über das ganze Gesicht. Bis vor Kurzem bestand Péter György vehement und wortreich darauf, dass jede Art von Orientierung, egal ob religiös oder sexuell, reine Privatsache sei. Konsequenterweise hielt sich der Leiter des Medienwissenschaftlichen Instituts an der Eötvös-Lorand-Universität (ELTE), der größten und angesehensten Hochschule Ungarns, von den Aktivitäten der jüdisch-religiösen Gemeinde fern. Das hat sich in den letzten Wochen schlagartig geändert: „Viktor Orbán hat es eindeutig übertrieben, das war jetzt zuviel“, ereifert sich der Professor, der sowohl am Royal College of Art in London als auch an der New School for Social Research in New York gern gesehener Gastvortragender ist.

Eine unerschrockene jüdische Gemeinde findet Anerkennung und auch Rückhalt in der Gesamtgesellschaft.

Györgys Erregung und öffentliches Einverständnis mit der Haltung von MAZSIHISZ, dem Dachverband der jüdischen Gemeinden Ungarns, fußt auf den doppelbödigen Maßnahmen der Regierung rund um das offizielle „Holocaust-Gedenkjahr 2014“. „Unter dem wiederholten Vorwand, die rechtsextreme Jobbik-Partei neutralisieren zu wollen, hat Orbán der gar nicht schleichenden Geschichtsfälschung ständig Vorschub geleistet: erstens mit dem geplanten Monument zur Erinnerung an den Einmarsch der Wehrmacht am 19. März 1944, das Ungarn als Erzengel Gabriel und nur als Opfer darstellt. Und zweitens mit dem Konzept für ein ‚Haus der Schicksale‘ unter der Federführung von Mária Schmidt, die für ihre den Holocaust verharmlosende Interpretation bekannt ist. Jetzt insinuiert ihr Projekt, dass die Juden allein vom Schicksal dazu bestimmt sind‚ ‚Opfer‘ zu sein. Es war kein Schicksal, in die Gaskammer zu gehen. Das sind Ungeheuerlichkeiten, die sich die Regierung leisten wollte, weil sie sich sicher war, die jüdische Gemeinde schon ‚managen‘ zu können.“ Für die Art und Weise, wie die Regierung das angeht, bringt György einen schwerwiegenden Vergleich: „Durch die Finanzierung jüdischer Projekte unter dem Motto ‚Jedem das Seine‘ – das war der Spruch über dem Tor zum KZ-Buchenwald – möchten sie die Juden ruhigstellen, um auf der anderen Seite populistisch den nationalistischen Teil der Parteienlandschaft zu bedienen.“

Doch das scheint diesmal nicht zu gelingen, was auch den religionsfernen Intellektuellen sehr freut. „Die post-kommunistische Führung im MAZSIHISZ wurde jetzt endlich abgewählt. Die Haltung des neuen Präsidenten und seiner jüngeren Gefolgschaft, wie z. B. auch des Rabbiners der Frankel-Synagoge, Thomas Verö, ist viel selbstbewusster: Man setzt unvermindert auf den Dialog – aber nicht mehr um jeden Preis.“ Der Brief von MAZSIHISZ an den Regierungschef mit dem Ersuchen, von den derzeitigen Plänen Abstand zu nehmen und auch die offiziellen Gelder für die eigenen Projekte abzulehnen, ist ein sensationelles Novum in der Geschichte der jüdischen Gemeinde nach 1945.

Solch ein Schritt weist in eine neue Richtung: Eine unerschrockene jüdische Gemeinde findet Anerkennung und auch Rückhalt in der Gesamtgesellschaft. „Vielleicht gelingt es uns so, einen neuen sozialen Gesellschaftsvertrag zu knüpfen“, hofft auch Péter György.

Stärkere Präsenz von Jobbik und Fidesz an den Unis

Eine ähnliche Entwicklung wünscht sich auch der 29-jährige Dániel Róna, Politikwissenschafter an der renommierten Corvinus-Universität. Im letzten Jahr hat er gemeinsam mit Kollegen 1.700 Studenten zu ihren Parteipräferenzen befragt und ein erschreckendes Ergebnis erhalten: Jeder dritte Student des Landes wäre bereit, die rechtsextreme Jobbik zu wählen. 2013 gab es keine Parlamentswahlen, doch jetzt stehen sie kurz bevor. Besteht dieser große Zulauf noch? „In so kurzem Abstand konnten wir auch aus finanziellen Gründen keine derart umfassende Umfrage machen. Aber Fakt ist, dass sowohl fidesznahe Studenten stärker an Boden gewinnen, als auch grüne und alternative Gruppierungen größeren Zuwachs verzeichnen. Es entsteht langsam ein Gegengewicht zu den Jobbik-Leuten.“ Dennoch will Róna die Gefahr und den Einfluss der Jobbik an den Universitäten nicht unterschätzen, denn auch dieser Gruppe entstammen immer mehr Akademiker und Intellektuelle, die vor allem auf nationalistische Töne und antieuropäische Ressentiments gut ansprechen. „Die Jobbik-Leute empfinden die Fidesz-Truppe – ähnlich den früher regierenden Sozialisten – zunehmend als alt und langweilig. Sie frönen einer jugendlichen Rockkultur in der Stadt und noch mehr auf dem Land.“ Daher ist Róna gar nicht überzeugt, ob es Viktor Orbán und seiner Fidesz-Partei gelingen wird, erneut eine Zweidrittelmehrheit im Parlament zu erringen. Der Universitätsdozent engagiert sich in der neuen Kleinpartei PM-Párbeszéd Magyarországért (Dialog für Ungarn), einer Abspaltung der ungarischen Grünen.

Um die Fidesz-Studenten an den Universitäten nicht zu mächtig werden zu lassen, hat Károly Füzessi mit Studienkollegen die HaHa-Studentenvertretung gegründet. „Da sich der regierungstreue Studentenverband HÖAK brav an die Vorgaben der Politik hält, sehen wir es als unsere Pflicht, unabhängig studentische Forderungen durchzusetzen“, lacht Füzessi, der mit seiner Truppe schon Brückenblockaden organisiert hatte. „Wir haben es mit unseren Maßnahmen geschafft, dass massive Einschränkungen bei der Stipendienvergabe zurückgenommen wurden. Orbán hat uns, also HaHa, diesen Erfolg nicht zuschreiben wollen und daraufhin Verhandlungen mit seiner Fidelitas-Gruppe vorgetäuscht, um das Ergebnis ihnen gutzuschreiben.“

„Nationaler Stolz beruht auf Lügen.“
Ist das Europa? Laut einer Umfrage würde jeder dritte Student des Landes die rechtsextreme Jobbik wählen.
Ist das Europa? Laut einer Umfrage würde jeder dritte Student des Landes die rechtsextreme Jobbik wählen.

Gyuri Vári lässt sich nicht täuschen: „Gas, Strom und Wasser sind etwas billiger geworden – und damit will die Orbán-Regierung die nächste Wahl gewinnen“, sagt der 35-jährige Journalist, der bei unserem letzten Gespräch im Vorjahr noch als Innenpolitiker für das Aufdeckermagazin Magyar Narancs gearbeitet hat. Vor Kurzem wechselte er zur größten unabhängigen Tageszeitung Népszabadság, wo er nun über Kultur schreibt. Der religiös lebende Vater eines kleinen Buben sprach damals über die „Zyniker in der ungarischen Politik, die nur an ihre Macht glauben“. Was hat sich in diesem Jahr geändert? „Die Situation ist meiner Meinung nach schlimmer geworden, jetzt ist sie komplett hoffnungslos!“ Váris Sorge ist, dass Orbán auf jeden Fall wiedergewählt wird, auch wenn die Leute ihn gar nicht mögen. „Die Menschen sehen keine Alternative zu Orbán. Viel weniger wollen jetzt noch Jobbik. Aber alle zusammen hassen die Sozialisten so sehr, dass sie das kleinere Übel wählen werden.“

Es sei vollkommen unklar, welchen Weg Ungarn einschlagen wird, meint Vári, und da komme die Berufung auf den „nationalen Stolz“ immer gut an. An der aktuellen Debatte könne man ablesen, wie sehr alles auf Lügen basiere. Vári: „Nach dem Einmarsch der deutschen Wehrmacht am 19. März 1944 wurden innerhalb von sechs Wochen 400.000 Juden ausschließlich von ungarischen Behörden und eifrigen Mittätern, also ohne jegliche praktische Mithilfe der Deutschen, in Waggons gezwängt und nach Auschwitz geschickt. Die Lust daran, die Juden loszuwerden, war so groß, dass der Lagerkommandant von Auschwitz um ‚eine weniger dichte Folge der Transporte‘ bat. Doch bis Kriegsende wurden weitere 200.000 Juden und Roma deportiert, andere Juden gleich zu Hause ermordet, in Budapest massenweise ‚in die Donau geschossen‘. Dies waren auch keine deutschen Aktionen, sondern die Eigeninitiative ungarischer Nazis, der Pfeilkreuzler. Und all das geschah, als bereits klar war, dass der Krieg für die Deutschen und ihre Verbündeten verloren war.“

„Wir müssen die richtigen Antworten parat haben, vor allem wenn sie uns Juden in diesem Land zu Fremden abstempeln wollen.“

In der Geschichtsanalyse sind sich Gyuri Vári und Péter György einig.Sonst ist Gyuri der Pessimist und Péter der Optimist. Und das obwohl der Professor, ebenso wie seine berühmte Kollegin Ágnes Heller, vor einem Jahr Folgendes auf dem Türschild an der ELTE-Universität lesen mussten: „Juden: Die Universität gehört uns, nicht euch.“ Laut György hat sich seit diesem Vorfall die Stimmung an der Uni verbessert: „Das war ein Schock für das akademische Personal und für viele Studenten. Die meisten haben ihrem Ärger darüber Luft gemacht und sich mit uns solidarisiert. Ich glaube, es liegt an uns Pädagogen, solche negative Entwicklungen zu unterbinden. Wir müssen die richtigen Antworten parat haben, vor allem wenn sie uns Juden in diesem Land zu Fremden abstempeln wollen.“

Ähnlich wie die Waldheim-Ära in Österreich, scheinen die Aktionen der Orbán-Regierung in Ungarn Menschen, die sich vom Judentum und deren Institutionen entfernt haben, nach eigenen Angaben „wieder zu bekennenden Juden zu machen“. Im stilvollen, gemütlichen Deriné-Café in Buda schwärmt ein Hochschullehrer von der neuen Win-win-Situation, in der sich seiner Meinung nach die jüdischen Gemeinden derzeit befindet. „Ich bin nicht so sicher, dass Orbán die Wahl gewinnt“, lacht Péter György, bevor er entschwindet, um seinen Enkel vom Kindergarten abzuholen.

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