„Für Historiker ist keine 1848-Tradition bei den österreichischen Burschenschaftern erkennbar“

Wolfgang Maderthaner, Generaldirektor des Österreichischen Staatsarchivs, ortet Tendenzen des Rassenantisemitismus bei den Verbindungen. Der Historiker kuratiert eine Ausstellung zu den Ereignissen von 1848.

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© privat

Interview mit Wolfgang Maderthaner

Wina: Wie berechtigt sind die Burschenschaften, sich auf ihren Anteil an der 1848-Revolution zu berufen?
Wolfgang Maderthaner: So wie sich die Burschenschaften heute darstellen, wie sie sich in der Zeit nach 1955 präsentiert haben und wie sie sich insgesamt seit den 1880er-Jahren entwickelt haben, nämlich als radikale rassenantisemitische Kampforganisationen, können sie sich nicht auf das Jahr 1848 berufen. Sie tun es, um sich eine revolutionäre Vergangenheit zu geben, also gegen Kaiser, gegen Metternich und gegen den multinationalen Habsburgerstaat aufzutreten. Sie wollen als jene gelten, die für den deutschen Nationalstaat eingetreten sind. Aber wenn man sich anschaut, wie sie sich sich von Anfang bis Mitte der 1880er-Jahre verhalten haben, sieht man, dass sie im Wesentlichen den Sinn haben, eine antisemitische Kerntruppe zu sein. Eine 1848er-Tradition ist da weder für mich noch für andere Historiker erkennbar.

Im Mittelalter war „Jude“ eine Bezeichnung der Religionszugehörigkeit, nicht der Rasse. Da konnten sich die Juden noch durch die Taufe vor Verfolgung und Mord retten. Im 19. Jahrhundert war dies durch die Bezeichnung „Rasse“ nicht mehr möglich. In Zusammenhang mit den Burschenschaften sprechen Sie aber vom Rassenantisemitismus?
Zum Kreis der Erfinder des Rassenantisemitismus wird Georg Ritter von Schönerer gezählt – und damit auch zum geistigen Vater von Adolf Hitler. Der Rassenantisemitismus Schönerers entsteht als Abgrenzung zum Lueger’schen Antisemitismus.

Bei Karl Lueger war der Antisemitismus politisch motiviert?
Politisch insofern, als er seine Klientel damit mobilisierte, es war sozusagen ein „zweckdienlicher“ Antisemitismus. Interessant ist, wie unterschiedlich Hitler in Mein Kampf im Kapitel über seine Wiener Lehrjahre die beiden beschreibt. Er bezeichnet Lueger als größten deutschen Bürgermeister, weil er das Wesen der Masse versteht, aber sein Antisemitismus sei nicht ehrlich. Bei Schönerer lobt er die richtige, also rassische Form des Antisemitismus und kritisiert, dass er das Wesen der Masse nicht versteht. Hitler selbst versteht sich als die beste Verkörperung beider dieser Ausprägungen.

„Die spezifische Form des Judenhasses der österreichischen Burschenschaften trägt eine besondere Radikalität und
Kompromisslosigkeit in sich.“
W. Maderthaner

Es heißt, die österreichischen Burschenschaften, die später als die deutschen entstanden sind, seien radikaler und antisemitischer?
Ich bin da nicht so sicher, aber diese spezifische Form des Judenhasses der österreichischen Burschenschaften trägt eine besondere Radikalität und Kompromisslosigkeit in sich.

Welche Rolle spielte die Religion bei den Burschenschaften? Sie galten ja als antiklerikal.
Es war eine kluge Form von Antiklerikalismus, aber die religiöse Dimension des katholischen Antisemitismus würde ich eher bei Lueger sehen. Dort baute sie auf eine Tradition auf, die bis in das Mittelalter zurückreicht. Ich habe mich weniger mit dem Wesen der Burschenschaften selbst beschäftigt als mit der Frage, wie sich Menschen wie Sigmund Freud, Gustav Mahler, Viktor Adler dem Deutschnationalen zuwenden konnten.

Und wie konnten sie? Was ist Ihre Antwort?
Die Antwort ist gar nicht so einfach: Sie stammten alle aus einem assimilierten jüdischen Milieu, daher war für sie das Deutschtum der Inbegriff der Aufklärung, des Fortschrittes. Viktor Adler schrieb in einem Brief an Karl Kautsky: „Ich trete zum Protestantismus über, um meinen Kindern das Entrée-Billett zur deutschen Kultur zu geben.“ Es war eine kulturelle Assimilation, die Freiheit, Gleichheit und Emanzipation bedeutete.

Gibt es heute ideologische Unterscheidungen zwischen den einzelnen Burschenschaften, wie diese behaupten?
Ich habe mir angeschaut, was z. B. Norbert Steger alles dazu gesagt hat. Also schön langsam kommt mir vor, dass die Burschenschafter eigentlich alle Widerstandskämpfer sind. Das ist unglaublich und erbärmlich. Es mag vielleicht unterschiedliche Korporationen geben, aber im Endeffekt läuft alles auf das Gleiche hinaus.

 

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