„Für mich ist die ESRA so etwas wie ein Bruder“

Seit Anfang Februar ist Benjamin Vyssoki neuer Ärztlicher Leiter des Psychosozialen Zentrums ESRA in Wien, das sein Vater David Vyssoki 1994 mit begründete und bis zu seinem Tod 2021 nachhaltig prägte. Es war, so der Sohn im Rückblick, Vaters drittes Kind, das nun vor neuen Entwicklungsschritten steht.

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Prof. Dr. Benjamin Vyssoki hat in Wien und Berlin Medizin studiert sowie eine Facharztausbildung für Psychiatrie und Psychotherapie absolviert. Er ist assoziierter Professor an der Universität Wien. © Ouriel Morgensztern

WINA: Mit Ihrem Vater habe ich hier zuletzt 2015 ein Gespräch geführt, in dem es im Wesentlichen um vererbte Traumata, vor allem spezifisch jüdische Traumata ging. Genauso wie Ihr Vater sind Sie Psychiater geworden und sitzen nun als Primar an seinem einstigen Arbeitsplatz. Welchen Anteil hat an diesem Karriereweg vererbte Neigung oder vererbtes Trauma?
Benjamin Vyssoki: Dass bei der Familie Vyssoki bezüglich meiner Berufswahl und letztlich jetzt auch beim Entschluss, bei ESRA zu arbeiten, das Thema Trauma entscheidend war, glaube ich nicht. Für mich war eher das Thema Identität und die emotionale Verbundenheit zum Judentum und zur jüdischen Gemeinde in Wien ausschlaggebend. Und der große Wunsch, innerhalb der Gemeinde weiterhelfen und unterstützen zu können.

Ihr Vater hatte eine schwierige Kindheit und Jugend. Das hat ihn und seine Berufswahl sicherlich beeinflusst. Hat Sie Ihr eigenes Aufwachsen als Angehöriger der so genannten „Dritten Generation“ geprägt oder belastet?
Da kann ich mich glücklich schätzen, denn meinem Vater ist es trotz der stattgefundenen Traumatisierungen – er ist als Vollwaise nach Wien gekommen und ein Großteil seiner Familie ist in der Schoah umgekommen – gelungen, dieses Trauma zu bearbeiten und im Rahmen seiner Ausbildung zum Facharzt für Psychiatrie in der Selbsterfahrung zu reflektieren und so gut wie möglich zu verarbeiten.

Begünstigt Ihr diesbezüglicher Background auch Ihr Verständnis für die spezifische Klientel der ESRA?
Da ist auf jeden Fall meine Familiengeschichte prägend gewesen und davon ausgehend ein Mehr an Empathie und Einfühlungsvermögen für Menschen, denen vor ein oder zwei Generationen Ähnliches widerfahren ist. Das Thema transgenerationales Trauma wird ESRA als Trauma-Kompetenzzentrum immer begleiten, aber die Bedürfnisse der Wiener jüdischen Gemeinde im 21. Jahrhundert sind neue, auch andere.

Welche wären das, und in welche Richtung soll sich ESRA bewegen?
ESRA hat die letzten zweieinhalb Jahrzehnte viel Großartiges geleistet, und der nächste Entwicklungsschritt soll ESRA auch gut ins 21. Jahrhundert bringen. Es gilt, Gutes zu bewahren und Dinge, die noch nicht ausreichend den Wünschen und Erfordernissen der Gemeindemitglieder entsprechen, neu aufzustellen. Als das psychosoziale Zentrum der jüdischen Gemeinde in Wien arbeiten wir Schulter an Schulter mit der IKG, mit dem Ziel, unsere Kompetenzen auszubauen, so den seit vielen Jahren erfolgreichen Konsiliardienst mit dem Maimonides-Zentrum, der für die älteren Menschen der Gemeinde sehr wichtig ist, um in der letzten Lebensphase ein möglichst hohes Maß an Lebensqualität zu sichern und Menschen umfangreich betreuen zu können. Das zweite Thema betrifft Kinder und Jugendliche, da bei dieser Altersgruppe die psychosoziale Belastung in den letzten zwei Jahren coronabedingt massiv zugenommen hat. Wir haben sehr erfahrene Therapeut:innen und Psycholog:innen, die auch in den Schulen tätig sind. Drittens wollen wir die aufsuchende Tätigkeit verstärken. Mit unserem Mobile-Outreach-Team können wir vermehrt Menschen mit psychischen Belastungen, die nicht zu ESRA kommen, daheim aufsuchen. Weiters haben wir ein hoch professionelles Team von Sozialarbeiter:innen, das in enger Zusammenarbeit mit der IKG Menschen beratend unterstützen kann.

Was hat Sie nach einer akademischen Karriere an der MedUni Wien an dieser neuen Position gereizt?
Ich war zwölf Jahre am AKH und bin 2020 zum Psychosozialen Dienst gegangen. Die ESRA als niederschwellige psychiatrische Ambulanz kann man auch als jüdischen PSD verstehen. Ich bin hierhergekommen, weil es notwendig war. ESRA ist in den letzten Jahren ein wenig in Turbulenzen geraten, und da habe ich die innere Verpflichtung gespürt, einen bestmöglichen Beitrag anzubieten.

Sie haben die ärztliche Leitung in einer schwierigen Zeit übernommen. Vieles, das früher im direkten, spontanen und persönlichen Kontakt möglich war, geht jetzt nur sehr schwer. Wie kann man darauf reagieren?
Da möchte ich auf das Mobile-Outreach-Team verweisen, da es jetzt umso wichtiger ist, unbürokratisch und niederschwellig Hilfe und Unterstützung anbieten zu können. Für uns alle sind das belastende Monate, die uns viel abverlangen. Aber es sind hier tolle Kolleg:innen tätig. Für mich ist es eine große Freude, mit so vielen klugen und engagierten Menschen arbeiten zu können, und ich freue mich auf die vielen gemeinsamen Jahre.

 

„Das Thema transgenerationales Trauma wird
ESRA als Traumakompetenz-Zentrum immer begleiten,
aber die Bedürfnisse der Wiener jüdischen Gemeinde
im 21.
Jahrhundert sind neue.“

Benjamin Vyssoki

 

In welcher Weise beeinträchtigt die Pandemie, die Situation der vielen Lockdowns, insbesondere die älteren Patienten? Sind bei Überlebenden des Holocaust Retraumatisierungen zu beobachten?
Es ist gut untersucht, dass psychisch ohnehin belastete Menschen in der Pandemiezeit noch mehr belastet sind. Dass Traumata aus der Vergangenheit durch das Gefühl, nicht mehr sicher zu sein oder das Haus nicht mehr verlassen zu dürfen, belastend sein können, ist zu erwarten. Deshalb ist gerade jetzt für diese erste Generation die psychosoziale Unterstützung so wichtig.

ESRA war anfänglich als Institution einzigartig, wie sieht das heute aus?
Ja, aber mittlerweile hat es weltweit viele Nachahmer gefunden, und daher ist es auch schön, dass wir uns nun mit anderen Jewish Mental Health Centers vernetzen möchten. Außerdem wollen wir uns in Richtung Gesundheitsförderung entwickeln, hin zum Stärkenden, zum Fördern von Resilienz und Potenzialen. Das heißt, man soll nicht nur zu ESRA kommen, wenn es einem schlecht geht, das ist besonders für Kinder und Jugendliche so wichtig und entspricht auch dem Zeitgeist. Weg von der Krankenanstalt zu einer „Gesundenanstalt“, einfach das Herz der jüdischen Gemeinde für alle psychosozialen Erfordernisse. Die jüdische Gemeinde ist auf Grund ihrer Heterogenität ein Mikrokosmos unterschiedlicher Bedürfnisse, auf die eingegangen werden muss. Alle haben das gleiche Anrecht auf die bestmögliche Versorgung. Insbesondere ist eine Kernaufgabe, dass man Menschen dort behandelt, wo sie leben, also dieses „mobile outreach“.

Auch ihr Bruder Daniel ist als Psychotherapeut einschlägig und hier vor Ort tätig. Eine weitere familiäre Prägung?
Unser Vater hat ESRA von der Wichtigkeit und Wertigkeit wie ein drittes Kind emotional besetzt, und für mich ist ESRA auch schon so etwas wie ein Bruder, mit dem ich aufgewachsen bin. Ich kann mich noch gut an Papas Stolz erinnern, als das neue ESRA, in dem wir uns ja noch immer befinden, eröffnet wurde. Es war damals sicher eines der modernsten psychosozialen Einrichtungen und ein wegweisendes Pionierprojekt. Meine Aufgabe sehe ich darin, dieses Projekt weiterzuentwickeln und weiter auszubauen, denn hie und da hat sich schon eine Spur Staub angesetzt. Dabei können wir insgesamt auf sehr viel Unterstützung zurückgreifen, weil allen Handelnden die Wichtigkeit von ESRA sehr bewusst ist.

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