„Für unsere Soldaten gibt es keine Schafböcke als Ersatz“

0
753

Menashe Kadishman hat der Nachwelt zahlreiche große Werke hinterlassen. Über Israels berühmtesten Bildhauer und Maler sprach seine Tochter mit WINA. Von Marta S. Halpert   

An den getrockneten Farben haftet noch der warme Geruch des Künstlers. Man wünscht sich, dass der große, schwere Mann die Tür des vollgepackten Ateliers aufstößt und herein poltert. Doch Menashe Kadishman hat sich bereits im sonnigen Mai von dieser Welt verabschiedet. Und in der kleinen Straße hinter der Allenby befeuchtet derzeit ein dunstiger Novemberregen die spärlichen Bäume und Sträucher.

„Er war so ein großartiger Vater und Großvater, er hat uns nie aus seinem Leben ausgeschlossen.“ Maya Kadishman

Die anhaltende Trauer um den Vater ist hingegen in der Wohnung der Tochter stark zu spüren. Maya Kadishman kauert in ihrem Sessel mit hochgezogenen Knien und nackten Füßen.

Maler und Bildhauer. Kadishman beherrschte das grobe Eisen wie die feinen Pinselstriche gleich schöpferisch.
Maler und Bildhauer. Kadishman beherrschte das grobe Eisen wie die feinen Pinselstriche gleich schöpferisch.

Hier in diesem langen grauen Schlauch von Wohnküche verbrachte Israels berühmtester Maler und Bildhauer viel Zeit mit seinen drei Enkelkindern. „Seine Wohnung ist über uns, aber er suchte immer die Nähe seiner Schäfchen“, schmunzelt Maya. Denn dem ehemaligen aktiven Schafhirten gingen gewisse Eigenschaften nie verloren, nicht mit dem Ruhm, nicht mit dem Alter oder der späteren Krankheit. So wie er seine Schafsköpfe und ihre unterschiedlichen Charaktere auf hunderten Bildern verewigte, seine Verbundenheit mit der Natur bewahrte, so kümmerte er sich auch um seine Mitmenschen. „Er blieb ein ewiger Hüter. Er schenkte seine Werke für wohltätige Zwecke, u. a. für die Heilung von krebskranken Kindern, und er sorgte sich bis zum letzten Atemzug um die Armen in der Gesellschaft“, erzählt Maya. Noch am Totenbett trug ihr der Vater auf, „ja nicht auf die Challot zu vergessen“, die er bedürftigen Familien für den Schabbat zu schicken pflegte. „Wenn jeder symbolisch ein Schaf hatte, also etwas zu essen, dann wurde man automatisch Teil seiner Herde, dann war man beschützt und konnte auch als Gruppe nicht verloren gehen.“

Kadishman, 1932 im britischen Mandatsgebiet geboren, verlor mit 15 Jahren seinen Vater – auch deshalb war Gemeinschaft immer wichtig und prägend für ihn. Seinen Militärdienst absolvierte er in der Nachal-Brigade, einer Einheit, deren Mitglieder in Kibbuzim und neu entstandenen Peripheriegemeinden stationiert waren. Kadishman kam in den Kibbuz Ma’ayan Baruch im Norden Israels, wo er als Schäfer seine Liebe zu diesen Kreaturen entdeckte. Doch seine eindrucksvolle Karriere begann mit einer soliden Ausbildung zum Bildhauer. Von 1947 bis 1950 studierte Kadishman beim israelischen Bildhauer Moshe Sternschuss am Avni Institute of Art and Design in Tel Aviv und danach bei Rudi Lehmann in Jerusalem.

Der Versuch, die Schwerkraft aufzuheben

Kadishman3Engel1959 ging er nach London, wo er an der Saint Martin’s School of Art und der Slade School of Art sein Studium fortsetzte. Richtungsweisend für seine künstlerische Karriere wurden seine Lehrjahre beim berühmten Briten Anthony Caro Anfang der 1960er-Jahre. Bereits 1965 gelang ihm der internationale Durchbruch mit seiner ersten Einzelausstellung in der Londoner Grosvenor Gallery.

„Bereits damals waren seine Skulpturen minimalistisch im Stil und darauf ausgelegt, die Schwerkraft aufzuheben“, erzählt die Tochter, die in London geboren wurde und sieben Jahre alt war, als sich die Eltern 1972 trennten und Kadishman nach Israel zurückkehrte. „Meine Mutter war Engländerin, stammte aus russischem Adel und konvertierte zum Judentum aus Liebe zu meinem Vater“, berichtet Maya, die Schauspielerin ist. Ihr Bruder Ben ist Maler, ebenso wie ihr Ehemann Eran Shakine. Sie wird sich um das Vermächtnis ihres Vaters „irgendwann“ kümmern, jetzt ist er  noch hier und überall: eine Schwarz-weiß-Zeichnung an der Wand, ein kleines buntes Carré-Bild auf dem Küchenbord.

„Wäre mein Vater in New York geblieben, hätte er sicherlich die Berühmtheit von Zeitgenossen wie Andy Warhol oder Robert Rauschenberg erreicht.“

„Er war so ein großartiger Vater und Großvater, er hat uns nie aus seinem Leben ausgeschlossen. Zu den meisten Ausstellungen, sogar nach Japan, hat er uns alle mitgenommen.“ Die Reiseziele wurden immer vielfältiger und umfangreicher, weil Kadishman von Toronto bis Peking und von Los Angeles bis Berlin in allen großen Museen und Sammlungen zu finden war und ist. Deutschland spielte eine große Rolle für seinen Bekanntheitsgrad in Europa: Riesige Skulpturen der Pieta oder eines Kusses findet man heute in Schwäbisch Gmünd und Braunschweig sowie auf dem Skulpturenweg in Salzgitter-Bad. Bereits im Jahr 1968 war Kadishman mit zwei Metall-Glas-Skulpturen Teilnehmer an der 4. documenta in Kassel. Zeit seines Lebens erhielt er zahlreiche Auszeichnungen, darunter den Hauptpreis für Skulptur bei der 5. Kunstbiennale Paris. 1978 vertrat er Israel auf der Biennale in Venedig. Dort verwandelte er den Israel-Pavillon in einen Scheunenhof und ließ eine Herde von blau angemalten Schafen im Giardino di Biennale grasen. Die Verbindung zwischen Leben und Kunst, zwischen Natur und Kultur war für ihn immer fließend und eine unverbrüchliche Einheit.

Die Opfer von gestern, heute und morgen

Im Jüdischen Museum in Berlin befindet sich jene begehbare Installation Kadishmans, die sein historisches Bewusstsein und seine künstlerische Macht aufzeigt: Im Memory Void, einem der leeren Räume im Libeskind-Bau, bedecken über 10.000 Gesichter mit aufgerissenen Mündern, grob aus schweren, runden Eisenplatten geschnitten, den Boden. Beim Gehen erzeugen diese Platten einen ins Mark gehenden Ton. Dadurch entsteht eine beeindruckende Verbindung mit dem Raumgefühl, der Leere: Während diese ein architektonischer Ausdruck für den unwiederbringlichen Verlust bilden, den der Mord an den Juden Europas bedeutet, rufen Menashe Kadishmans Skulpturen mit dem Titel Shalechet (Gefallenes Laub) schmerzhafte Erinnerungen an die Opfer von gestern, heute und morgen wach.

KadishmanAEngel„Das Opferthema beschäftigte meinen Vater besonders intensiv, als mein Bruder zum Militär ging“, erinnert sich Maya, „das Schaf stand in seinen Werken als Anspielung auf die Geschichte im Alten Testament, der zufolge Abraham seinen Sohn Isaak auf Gottes Geheiß hin opfern will. Nach der bestandenen Prüfung darf Abraham den Bock statt des Sohnes opfern. Mein Vater argumentierte, dass es für seinen Sohn – aber auch für andere Soldaten – im Ernstfall kein tierisches Ersatzopfer geben würde.“

Maya Kadishman arbeitet schon seit Längerem an einem Familienroman, um, wie sie es formuliert, ihr „Trauma über den Verlust eines Königreichs“ bewältigen zu können. „Wäre mein Vater in New York geblieben, hätte er sicherlich die Berühmtheit von Zeitgenossen wie Andy Warhol oder Robert Rauschenberg erreicht.“ Aber Kadishman sah seine Zukunft nur in Israel – trotz aller politischen Umbrüche. „Er wusste, dass es für den Frieden einen Preis zu zahlen gilt.“ Daher überrascht es nicht, dass dieser Künstler beauftragt wurde, das Gastgeschenk für die Friedensgespräche in Oslo 1993 zu kreieren. Es entstand die faszinierende Kleinskulptur zweier einander küssender Tauben, wobei die eine kaum Bodenhaftung hat, während die andere – nur am Schnabel festgehalten – frei schwebt.

Nur wenige Künstler konnten ihre schöpferische Ausdruckskraft auf zwei – augenscheinlich gegensätzlichen – Feldern so meisterlich beherrschen wie Menashe Kadishman: einerseits die grobe Behandlung des Stahls und des Eisens und andererseits die zarte, liebevolle Pinselführung bei den bunten Farbtupfern, um einen Schafskopf zu markieren. Hier ist Leichtigkeit in der Schwere der Skulptur und dort verschworene Ernsthaftigkeit in der Malerei. Das weite, weiße Hemd war eines der Kennzeichen dieser archaischen Figur mit dem großen Herzen, die keinen Unterschied kannte zwischen Kunst und Leben. ◗

Bilder: © Reinhard Engel

HINTERLASSEN SIE EINE ANTWORT

Please enter your comment!
Please enter your name here

*

code