Ein gebrochener Golani

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Avi Edry* ist Soldat der Eliteeinheit Golani. Er hat den Albtraum der Operation „Protective Edge“ in diesem Sommer hautnah miterlebt. wina sprach mit ihm über den Verlust von Kameraden, die Erfüllung einer Mission und wie er selbst dem Tod entkommen ist. Von Iris Lanchiano   

Ya Ben Zona [du Hurensohn]!‘ Das war das Letzte, was ich zu ihm gesagt habe.“ Der 22-jährige Avi Edry spricht über seinen gefallenen Freund, Sean Carmeli. „Wir haben uns gestritten und ein bisschen herumgeschubst. Ich weiß nicht einmal mehr, warum ich das gesagt habe. Es war ein kleiner Streit, die Emotionen sind hoch gegangen, und dann hab ich es einfach gesagt. Ich weiß, er hat es mir nicht übel genommen, denn so spricht man in der Armee halt miteinander. Aber es nagt an mir, ich werde mir das nie verzeihen können. Ich denke so oft an ihn. Er fehlt mir.“

„Du hast keine Zeit, über deinen Tod nachzudenken, du denkst dir, wenn ich heute sterbe, dann soll es so sein.“

Sean Carmeli war einer der 13 Golani-Soldaten die am 20. Juli bei Sadschaija im Gazastreifen gefallen sind. Ein blutiger Tag für die Golani-Brigade. Sieben Soldaten wurden getötet, als ihr Schützenpanzerwagen über eine Mine fuhr und in die Luft ging. Drei weitere Soldaten kamen in einem brennenden Haus ums Leben. Die anderen drei wurden im Schusswechsel mit Hamas-Terroristen getötet. „Ich wurde am 19. Juli mit einem Helikopter von Gaza nach Beer Sheva gebracht. Das hat mir das Leben gerettet.“ Mit 40 Grad Fieber wurde Avi ins Soroka-Krankenhaus eingeliefert. „Die Tage davor war ich die meiste Zeit mit meinen Kameraden in den Schützenpanzerwagen. Wir haben in Zelten und Häusern in Gaza geschlafen. Es war wahrscheinlich die ganze angespannte Situation. Angst, Hunger, Schlafmangel.“

„Der Verlust eines Freundes – bedeutet das Krieg?“
Im Krankenhaus war sein einziger Wunsch auszuschlafen. Doch mit dem Ausschlafen kam ein böses Erwachen. 13 Golani-Soldaten, unter ihnen zwei gute Freunde, Sean Carmeli und Jordan Bensemhou, waren gestorben. „Ab diesem Zeitpunkt habe ich verstanden, wie ernst die Lage war. Alle fünf Minuten wurde ein verwundeter Soldat eingeliefert.“

Avi Edry, Golani-Soldat des 13. Bataillon, ist „Lone Soldier“. Eine Bezeichnung für Soldaten, die nach Israel immigrieren ohne Familie, um freiwillig in der israelischen Armee zu dienen. Sean und Jordan waren ebenfalls „Lone Soldiers“.

„Sean und ich haben im selben Zimmer geschlafen. Er hat mir immer geholfen. Er hat mich immer gefragt, wo ich zu Schabbat bin, um sicherzugehen, dass ich nicht alleine bin. Wir haben oft über unsere Familien gesprochen. Es ist schwer, ihn nicht mehr zu sehen, schwer, nicht mehr mit ihm in einem Zimmer zu schlafen, sehr schwer. Er war ein toller Mensch. Er fehlt uns allen. Eigentlich hätte er nicht nach Gaza geschickt werden sollen, weil er ein Problem mit dem Fuß hatte, aber er wollte unbedingt mit seiner Einheit sein. Er hat nicht losgelassen, bis der Kommandant zugestimmt hat. Er hat seine Freunde geliebt, sein Team. Er konnte nicht mit ansehen, dass wir kämpfen und er nicht. Er war kein Egoist, er war alles andere als ein Egoist, er war ein Held.“

„Du hast keine Zeit, um über deinen Tod nachzudenken.“
Zweieinhalb Jahre dient Avi Edry jetzt schon der israelischen Armee. „Einer meiner Beweggründe nach Israel zu kommen, war es, der israelischen Armee zu dienen. Ein Vorbild für andere zu sein und wie mein älterer Bruder ein Golani zu werden.“

„Ich war ein verwöhnter Junge. Ich hatte keine Ahnung, was Krieg bedeutet. Außer eine Woche Simulation in der Ausbildung. Wenig schlafen, wenig essen, viel gehen. Und bis es zu den ersten Todesopfern kam, habe ich nicht realisiert, dass wir im Krieg sind. Als die Nachricht über die ersten Toten kam, habe ich es erst verstanden.“

Im Krankenhaus konnte Avi endlich wieder mit seiner Familie sprechen, die sich aus der Ferne große Sorgen gemacht hatte. „Ich hatte Angst, meine Familie und Freunde nie wiederzusehen. Während der Operation ‚Protective Edge‘ habe ich aber versucht, nicht an sie zu denken. Du hast keine Zeit, über deinen Tod nachzudenken, du denkst dir, ‚wenn ich heute sterbe, dann soll es so sein.‘ Ich kann auch aus dem Haus gehen und von einem Auto überfahren werden. Wenn du nach Gaza geschickt wirst, musst du funktionieren.“

„Ich habe viele schlimme Dinge gesehen.“
„Unsere Mission war es, die Tunnel zu finden. Wir sind zu zwölft mit einem Panzer rein nach Gaza. Es war für mich schwierig, die Menschen dort zu sehen. Großteils Frauen und Kinder, die von der Hamas missbraucht werden als lebende Schutzschilder. Wenn die machen, was wir ihnen sagen, bringt die Hamas sie um, und wenn sie nicht machen, was wir ihnen sagen, dann heißt es: du oder sie. Am Anfang war das sehr schwer für mich, aber man muss sich immer wieder in Erinnerung rufen, dass man Israel verteidigen muss. Du hast keine Wahl. Keiner von uns will jemanden umbringen, obwohl man das israelische Militär gerne so darstellt. Ein 18-Jähriger will doch niemanden töten. Ich habe kein Problem mit Arabern, es gibt gute und schlechte Menschen, überall, auch bei uns Juden.“

Die mentale Stärke der Soldaten ist ausschlaggebend dafür, ob der Kommandant ihn nach Gaza schickt oder nicht. „Nicht jeder ist im Stande, das zu sehen, was sich dort abspielt; die Armee wird kein Risiko eingehen und jemanden hineinschicken, der labil ist. Man muss seinen Job erledigen, seine Mission erfüllen.“

Die Nachwirkungen. „Das Militär hat mir psychologische Hilfe verschrieben, um das Ganze zu verarbeiten. Ich versuche aber, in die Zukunft zu sehen und nicht in der Vergangenheit zu leben. Einige Soldaten sind mental stark genug, um das zu verarbeiten, andere leiden im Stillen.“ Avi Edry ist aber auch verärgert: „Ich glaube nicht mehr an Frieden. Nicht unter diesen Umständen, nicht mit dieser Regierung. Der Waffenstillstand wird nicht eingehalten, unter unseren Ärschen wird weiter gegraben. Diese Operation hat alles noch schlimmer gemacht. Ich bin nicht stolz auf das, was ich gemacht habe, ich fühle mich aber auch nicht schlecht deswegen. Ich fühle mich schlecht, weil meine Freunde umgebracht worden sind und es nichts an der Situation geändert hat. Ich wünschte mir, es wäre nicht notwendig gewesen, und es hätten nicht 18-, 19- jährige Burschen sterben müssen, die noch nicht einmal ihr Leben angefangen haben. Aber was weiß ich schon. Ich bin nicht vom Geheimdienst, ich bin nur ein einfacher Soldat.“ ◗

* Name von der Redaktion
geändert.

© flash 90/Miriam Alster

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