Gedenken in der Pandemie

Seit 2020 denkt sich Gedenkkultur neu. Viele Veranstaltungen wurden vom realen in den virtuellen Raum verlagert. Im Frühjahr finden normalerweise die große Schülerreise zur KZ-Gedenkstätte Auschwitz und die Befreiungsfeier im ehemaligen KZ Mauthausen statt. Doch auch im zweiten Jahr der Pandemie ist alles anders.

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March of the Living 2021. Heuer fand ein virtueller Marsch in Erinnerung an die ermordeten Mediziner statt – um damit auch all die Mediziner zu ehren, die in der COVID-Pandemie an vorderster Front kämpfen. © Int. March of the Living; Sebastian Philipp/MKOE

Ich kann mir noch gar nicht vorstellen, was mich erwartet, vor allem weiß ich nicht, wie ich mich fühlen soll.“ – „Jetzt ist es dunkel, ich sitze allein in meinem Zimmer, und ich habe Angst.“
March of the Living nennt sich das Großevent, im Rahmen dessen jedes Jahr tausende Menschen aus aller Welt, darunter viele Jugendliche, der Nazigräuel im Konzentrationslager Auschwitz gedenken. Der österreichische Verein March of Remembrance and Hope (MoRaH) organisiert seit fast 15 Jahren eine Reise nach Polen für hunderte Jugendliche. 2019 war darunter auch eine Klasse der Grafischen, einer HTL mit Ausbildungszweigen im Kreativbereich. Für den Film Facing Auschwitz wurden vier Jugendliche einerseits mit der Kamera begleitet, andererseits nahmen sie mit einem Diktiergerät ihre persönlichen Eindrücke auf.
Die zwei eingangs zitierten Sätze stammen von zwei Mädchen, damals beide 18 Jahre alt, die sie vor dem Reiseantritt formulierten. Nach ihrem Besuch in der KZ-Gedenkstätte Auschwitz werden die vier dann Gedanken äußern wie: „Nach dem Ankommen war ich sehr schockiert, weil alles so touristisch ausgeschaut hat.“ – „Man hat so Bilder im Kopf, so sieht es in einem KZ aus: dreckig, trostlos […]. Aber dann waren so viele Leute dort und es hat das Ganze noch viel surrealer gemacht.“ – „Ich war sehr berührt, zum Beispiel von den Schuhen, aber die Emotion ist auch sehr schnell wieder heruntergegangen.“ – „Dann ging die Führung in einen Raum, in dem es um Kinder ging. […] Da war der Punkt für mich erreicht, wo ich gespürt habe, ich kann das nicht. Ich musste einfach heraus.“ Aber auch: „Ich finde es extrem wichtig, dass man das macht als Jugendlicher. Es ist eine Erfahrung, die jeden Blick, den ich auf das Thema werfe, verändert hat. Ich finde eigentlich, jeder Jugendliche sollte diese Erfahrung machen.“
Das, was Paula, Maggie, Alina und Thomas 2019 erlebten, bleibt Schülerinnen und Schülern heuer verwehrt. Schon 2020 musste MoRaH die Reise nach Polen absagen. Für 2021 wurde auf Grund der weiter schwierigen Pandemiesituation erst gar keine geplant. MoRaH hat stattdessen das Gedenken wie viele andere Organisationen auch in den virtuellen Raum verlegt, wie die beiden Obleute, Iris Singer und Philipp Doczi, im Gespräch mit WINA erzählen. Einer der diesjährigen Programmpunkte: Im Mai und Juni wird in Kooperation mit dem EU-Jugendkino, dem LET’S CEE Film Festival und dem Roten Kreuz ein Schwerpunkt zum Thema „Friedensarbeit und Erinnerungskultur“ organisiert. Dabei gezeigt wird unter anderem auch Facing Auschwitz. So können Jugendliche, obwohl heuer nicht selbst vor Ort, aus der Perspektive von Gleichaltrigen immerhin miterleben, wie es ist, in der KZ-Gedenkstätte Auschwitz zu stehen.

Die Jugend muss im Mittelpunkt stehen. Das sei auch immer im Sinn der Überlebenden gewesen.
Willi Merny

Singer skizziert ein weiteres geplantes Filmprojekt: für Raise your voice sollen Jugendliche aufgefordert werden, Kurzgeschichten zum Thema Zivilcourage im Kontext von Antisemitismus und Rassismus zu schreiben. Eine Auswahl davon soll dann in ein Drehbuch umgeformt und schließlich in einem Kurzfilm umgesetzt werden. Die Geschichten dafür können sowohl real erlebt wie auch fiktiv sein. „Auch hier wollen wir mit dem EU-Jugendkino kooperieren“, so Singer. Zudem wolle man mit OKTO TV kooperieren, um die Filme einem größeren Publikum zugänglich zu machen.
Dass Onlineveranstaltungen durchaus etwas bewirken, hat das MoRaH-Team am Jom haScho’a diesen Jänner erlebt. Das Onlinezeitzeugengespräch mit dem Künstler und Holocaust-Überlebenden Frederick Terna erreichte fast 400 Jugendliche. Sie konnten zuvor Fragen einreichen, „und die Resonanz war sehr positiv“, erinnert sich Singer. Dennoch betont sie: „Kein virtuelles Event kann aber eine Reise ersetzen.“

Mauthausen-Befreiungsfeier 2021
In kleinem Kreis und mit viel Abstand wurde heuer in Mauthausen den Opfern gedacht. Gleichzeitig gab es auch zahlreiche virtuelle Gedenkveranstaltungen. © Int. March of the Living; Sebastian Philipp/MKOE

Reden mit Zeitzeug*innen. Im Herbst tasten sich die MoRaH-Organisator*innen dann dennoch langsam wieder an Präsenzveranstaltungen an. Dazu haben sie eine Veranstaltungsschiene entworfen, die im Freien funktioniert. In einer „Spurensuche“ macht sich dabei jeweils eine Schulklasse, begleitet von einem im Rahmen des Peer-Programms Likrat der Jugendkommission der IKG Wien ausgebildeten Likratinos, auf, das frühere und das heutige jüdische Wien zu erkunden. „Die Touren sollen einen geschichtlichen Überblick über die Ereignisse der 1930er- und 1940er-Jahre geben und gleichzeitig zeigen, was Judentum heute im 21. Jahrhundert in Wien bedeutet“, erläutert Doczi.

© Jugendkommission der IKG

Was im Herbst vielleicht möglich sein wird, ist das eine – nun im Mai ist nichts in Präsenz planbar, und schon gar kein großes Event. Daher werde es auch heuer am 8. Mai kein „Fest der Freude“ am Heldenplatz geben, bedauert Willi Mernyi, der Vorsitzende des Mauthausen Komitees Österreich, gegenüber WINA. „Es geht leider nicht. Weder mit zehn noch mit 100 Leuten. Die Vernunft und die behördlichen Auflagen lassen mir keine andere Wahl.“ So wird auch das diesjährige „Fest der Freude“ wie im Vorjahr ein virtuelles Event, mit Reden der Zeitzeugin Katja Sturm-Schnabl und von Bundespräsident Alexander Van der Bellen als Höhepunkt. Ausgestrahlt wird das Programm am 8. Mai ab 18 Uhr auf www.mkoe.at.
Ein sehr kleines Event vor Ort, dafür ein großes Programm online wird es auch am 16. Mai ab 11 Uhr anlässlich der traditionellen Feierlichkeiten, die an die Befreiung des KZ Mauthausen und seiner Außenstellen im Mai 1945 erinnern, geben. Als Schwerpunkt haben die Organisator*innen das Thema „Vernichtete Vielfalt“ gewählt. In das KZ Mauthausen und seine 49 Außenlager wurden Menschen aus vielen verschiedenen Gruppen deportiert. Die größte Gruppe waren „politische Häftlinge“ und aus rassistischen Gründen Verfolgte. Interniert waren in Mauthausen auch Juden, Roma und Sinti, Homosexuelle sowie Kriegsgefangene und Menschen aus slawischen Ländern.
Mernyi versucht dem Onlinegedenken auch positive Seiten abzugewinnen. Einerseits erreiche man so ein anderes, andererseits ein größeres Publikum. Und auch die auf Video aufgenommenen Überlebendenstatements würden eine buntere und internationalere, vor allem aber auch weiblichere Perspektive eröffnen. Kaum eine*r der wenigen Überlebenden könne noch reisen. So aber hole man Stimmen aus der ganzen Welt nach Mauthausen. Was dagegen fehle, sei die Energie vor Ort. „Wenn ich gemeinsam mit anderen bin, spüre ich das. Online spüre ich die Zahl nicht.“ Doch es sei, wie es sei.
Wie das Team von MoRaH hofft auch Mernyi, dass es 2022 wieder eine Befreiungsfeier geben kann, wie man sie von früher kennt, wobei die Ausrichtung für das Mauthausen Komitee ganz klar ist: Die Jugend muss im Mittelpunkt stehen. Das sei auch immer im Sinn der Überlebenden gewesen.

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