Gedenken in der Steppe Kasachstans

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Im Sommer 2014 wird Irene Bartz von ihrem Sohn Edek eingeladen, ein paar Tage in Drusendorf zu verbringen. Dort trifft sie die Publizistin Mella Waldstein, die von ihrer Reise nach Karaganda erzählt, die sie auf den Spuren der Wolgadeutschen und ihrer Verschleppung nach Kasachstan unternommen hat. Sie zeigt Fotos von der Reise, und Irene beginnt zu weinen. Dort, weit weg von zu Hause, starb ihre Mutter. Jetzt, nach so vielen Jahrzehnten, stehen dort Gedenksteine, und Irenes Mutter hat endlich ein Grab. Von Tanja Eckstein   

„Da hat sie sich plötzlich gesagt: Ich muss überleben, ich muss bei meinen Kindern bleiben.“

Den Einmarsch der Deutschen im März 1938 erlebt Irene Bartz nicht in Wien. Sie besucht mit ihrer Mutter Regina Geduldig die schwerkranke Großmutter in Krakau. Der Vater Abraham Geduldig kommt zur Beerdigung der Großmutter, fährt aber wegen der Liquidierung der Geschäfte nach Wien zurück. Irenes Schwester, die fünfjährige Vera, kommt allein mit dem Zug nach Krakau, der Vater hat sie fremden Leuten anvertraut. In Krakau lebt die Familie beim Großvater. Irene besucht eine jüdische Gewerbeschule, lernt nähen und geht in den jüdischen Turnverein. Kurz nachdem die Deutschen Polen überfallen, werden Irene, ihre Mutter und ihre Schwester an der russisch-polnischen Grenze als Deutsche von den Polen interniert. Nachdem sich die Deutschen mit den Russen Polen geteilt haben (Hitler-Stalin-Pakt) ist der Krieg für sie erst einmal beendet, denn sie befinden sich auf russischem Territorium. Als die Deutschen 1940 die Sowjetunion überfallen, werden sie mit vielen anderen in ein Internierungslager im Ural gebracht. Dort arbeitet Irene am Bau einer Eisenbahnlinie und in einem Wald. Nach einem Jahr, der Krieg kommt näher, wird sie mit ihrer Mutter und Schwester hinter Novosibirsk, Sibirien, gebracht. Das Internierungslager ist umzäunt und bewacht. Sie treffen auf Bekannte und erfahren, dass der Vater es nach Frankreich geschafft hat (Abraham Geduldig wird vom Internierungslager Drancy bei Paris nach Auschwitz deportiert und ermordet).

Zurück in Wien. Irene Bartz (geb. Geduldig) ihr Sohn Edek und ihre Schwester Vera kamen 1958 zurück aus Karaganda.
Zurück in Wien. Irene Bartz (geb. Geduldig) ihr Sohn Edek und ihre Schwester Vera kamen 1958 zurück aus Karaganda.

Nach wiederum einem Jahr geht es für die Internierten weiter: „Im Juli 1942 hat man uns alle zusammengepackt, in Viehwaggons verfrachtet und nach Kasachstan gebracht. Nach vier Wochen erreichten wir unser Ziel. Als ich unser Lager sah, dachte ich, ich sehe eine Oase wie bei Karl May vor mir. Eine Oase in der Wüste. Ringsherum absolut nichts, Steppe, dann war ein runder Teil eingezäunt, und da standen Baracken. In der Mitte gab es einen Brunnen. Bevor wir kamen, war das Lager ein Strafgefangenenlager. Es war umgeben von doppeltem Stacheldraht, und es waren Aufsichtshäuschen für die Soldaten an jeder Ecke; vier Ecken und vier Aufsichtshäuschen, in denen die Soldaten, die von der Front gekommen und nicht mehr kampffähig waren, auf uns aufgepasst haben. Das große Tor war zu. Außerhalb des Lagers waren ein paar Baracken mit Leuten, die die Schafe gehütet haben, aber sonst war nichts. Soweit man geschaut hat, war nichts außer der Steppe.

Jeden Morgen und Abend mussten wir uns aufstellen, und man hat uns gezählt. Aber wir führten dort im Lager ein einigermaßen menschliches Dasein an dem gemessen, was wir gehört haben, als wir zurückgekommen sind – KZs, Vernichtung. Immerhin haben wir überlebt, wenn auch viele gestorben sind. Das Essen wurde von der Küche in die Baracken getragen und dort verteilt. Drei Mal am Tag gab es Suppe und ein Mal am Tag 400 Gramm Brot. Das Brot war eine schwere und klebrige Masse. Wir hatten auch einen Karzer, also ein kleines Gefängnis, und wenn man sich nicht nach den Regeln benommen hat, hat man uns hineingesteckt. Aber wir haben trotzdem fleißig gestohlen: Karotten, rote Rüben, das Kraut und alles Essbare – wir wollten ja überleben!

Wir waren in den Baracken untergebracht, Frauen und Kinder separat und die Männer separat. Ich hatte ein Zimmer mit meiner Mutti und mit meiner Schwester, einer Frau Kaiser aus Polen und ihrem Kind. Ich habe Matten aus Stroh für Treibhäuser geflochten. Man hat die Treibhäuser mit den Strohmatten gedeckt, und wir haben in die Treibhäuser Setzlinge für den Frühling, für draußen, gesetzt. Dort war nur Steppe, das Land lag brach. Man muss sich das vorstellen, es waren Hügel, keine Bäume, nichts – nur die Steppe. Es war ein riesengroßes Gebiet. Als wir gekommen sind, waren sieben Hektar, und als wir weggefahren sind, hatten wir 70 Hektar urbar gemacht.

Der Winter war ein Erlebnis, weil es dort Schneeverwehungen gab und der Schnee höher war als unsere Baracken. Wenn ein Schneesturm im Anzug war, läutete eine Glocke. Dann durfte man die Baracken nicht mehr verlassen. Wenn es vorbei war, sind Equipen gekommen und haben zu den Häusern einen Weg geschaufelt, wobei die Schneehaufen höher waren als die Baracken. Die Einheimischen, die dort außerhalb des Lagers gewohnt haben, waren Usbeken, die Schäfer waren. Wenn der Winter gekommen ist und sie die Schafe nicht rechtzeitig in Sicherheit gebracht hatten, ist es vorgekommen, dass sie eingeschneit wurden und erfroren sind. Ich kann mich erinnern, dass sie einmal nur überlebt haben, weil sie durch die Schafe gewärmt wurden, ansonsten hätte es keine Überlebenschance gegeben. Der Boden in unseren Baracken bestand aus Lehm, die Betten waren Holzliegen auf hohen Füßen, und wenn dann das Tauwetter kam, ist das Wasser in die Häuser hereingeronnen. Da sind wir in der Früh im Wasser gestanden. Wir haben den Schnee versucht weit wegzuschaufeln, aber das hat nichts genützt.

Der Frühling dauerte vier bis fünf Tage, da hat alles getaut. Dann kam der heiße Sommer. Wir haben mit Schaufeln auf den Feldern gearbeitet, vollkommen primitiv. Wir haben Setzlinge, Samen, Kraut, Tomaten, Melonen und irgendeine Art von Gerste bekommen und gesetzt und gepflanzt. Begonnen hat die Arbeit um fünf Uhr in der Früh, damit die Sonne nicht alles kaputt macht. Im Winter wurde der Schnee von den Männern in riesengroße Blocks geschnitten, und die Blocks wurden neben einem ausgetrockneten See gestapelt. Im Frühling ist der Schnee getaut, und mit dem Wasser wurde das Feld bewässert. Meine Schwester hat nicht gearbeitet, sie war zu jung, und ich habe für meine Mutti mitgearbeitet und darum immer zwei Schichten übernommen.

Die Männer im Lager, insgesamt waren es 1.360, waren Deutsche, Österreicher, Wolgadeutsche, das sind Russen deutscher Abstammung, eine Schiffsmannschaft Dänen, die Odessa angefahren hatte und dann durch den Ausbruch des Krieges nicht mehr zurückkonnte, weil es zu gefährlich gewesen wäre, dann Kommunisten aus dem Spanischen Bürgerkrieg, die mit der ‚Ibarruri‘ [Schiff] nach Odessa gekommen waren, und Polen. Die Polen waren polnische Offiziere, unter denen war auch mein Mann. Hitler hatte sich 1939 mit den Russen Polen geteilt. Das war der Hitler-Stalin-Pakt. Die polnische Armee hatte versucht, Polen zu verteidigen. Sie hatten gekämpft und wurden geschlagen. Die Russen haben viele der Offiziere und Soldaten, aber auch Zivilbevölkerung ermordet, aber einige wenige Offiziere wurden in Züge gesetzt und nach Russland deportiert. Die Polen im Lager haben viel gearbeitet. Alles haben sie gemacht, sogar Schusterarbeiten.

Die Mutti ist krank geworden. Ein Kind hatte mit Steinen geworfen und die Mutti an der Schläfe getroffen. Sie hatte einen Bluterguss, der begonnen hat zu wandern. Der Arzt hat mir gesagt, wenn der Bluterguss zum Herzen gelangt, muss sie sterben. Es gab keine Möglichkeit, ihn zu stoppen. Aber die Mutti war auch schon sehr geschwächt. Sie hatte ein Jahr davor einen schrecklichen Durchfall. Sie ist in einer Krankenbaracke gelegen, und – das hat sie mir nachher erzählt – sie hat gesehen, wie ich an ihrem Bett geweint habe. Ich war ja fast noch ein Kind, und meine Schwester war noch so klein. Da hat sie sich plötzlich gesagt: ‚Ich muss überleben, ich muss bei meinen Kindern bleiben.‘ Und das hat sie irgendwie aufgebaut, und sie hat’s auch wirklich überlebt. Ein Jahr haben wir noch zusammen in der Baracke in Karaganda gelebt. Dann ist sie gestorben. Das war 1943. Meine Mutti ist wahrscheinlich dort auf dem Friedhof begraben, denn bestimmt ist dort ein Friedhof, weil es ja Einheimische gab. Ich weiß aber nicht, wo genau das ist, weil ich aus dem Lager nicht heraus konnte. Das war damals so ein Schock für mich und wäre sicher auch heute noch ganz furchtbar. Ich war 16 Jahre alt und meine Schwester war sechs. Aber ich kann nicht sagen, dass sich damals, als meine Mutti gestorben ist, eine andere Familie unserer angenommen hätte, das war nicht möglich.

Eines Tages hat der Oberkommandant des Lagers einen Tanzklub geschaffen. Es wurde eine Riesenbaracke aus Lehm gebaut. Die Ziegel wurden mit Lehm und Stroh vermischt und in der Sonne getrocknet. Da gab es dann Tanzabende und Vortragsabende. Dadurch, dass wir die Musik und den Tanz hatten, dass man uns erlaubt hat, mit den Männer zusammenzukommen, sind natürlich auch Kinder zu Welt gekommen.
Im Lager entstand auch so etwas wie eine Schule. Die Kinder haben Schreiben auf Holztafeln gelernt, denn es gab kein Papier. Einige Bleistifte haben uns die Russen gebracht. Eine Rabbinerin aus Riga, Bella hieß sie, war eine der Lehrerinnen. Sie hatte ein Kind, das irgendwo unterwegs zur Welt gekommen war. Man hatte sie von ihrem Mann, Adler hieß er, den Vornamen weiß ich nicht mehr, der Rabbiner war, getrennt. Aber glücklicherweise hat sie den Mann nach dem Krieg gefunden, und sie sind wieder zusammengekommen.

Jede Woche ist ein Politruck [Politkommissar] gekommen. Das war ein Russe, der uns die politische Lage erklärt hat. Aber wir haben nicht geglaubt, was er gesagt hat. Wir haben nicht glauben können, dass es Lager gibt, in denen man die Menschen einfach ermordet. Er hat es uns erzählt, und niemand von uns hat es geglaubt. Nicht die Polen, nicht die Deutschen, niemand! Dass man tötet, das konnte sich niemand vorstellen.

Mein Mann war zehn Jahre älter als ich, aber damals war es kein so großer Unterschied. Er war aus Posen [polnisch Poznan] und schon Magister der Chemie. Im Lager hat er eine kunstgewerbliche Werkstätte geleitet.

Als der Krieg 1945 aus war, hat man uns noch nicht nach Hause gelassen. Wir waren ja gute Arbeitskräfte. Was hätten sie machen sollen mit den 70 Hektar Land, das wir bebaut hatten? Wir haben doch die ganze Umgebung mit Lebensmitteln versorgt. Es waren riesige Betontonnen in die Erde hineingebaut worden, und während der Erntezeit haben wir die Früchte dort eingesalzen für die Russen im Winter. Es waren Tonnen von Gurken, Tomaten und Kraut.

Bevor Edek auf die Welt gekommen ist, habe ich in der Küche gearbeitet, weil ich schwanger nicht mehr ins Feld konnte. Nachdem ich den Edek im August 1946 bekommen habe, bekam ich Beulen an den Händen. Das war eine rheumatische Gelenksentzündung. Damals habe ich den Edek gestillt, der Krieg war schon aus, und ich hatte Angst, ihn von der Brust abzusetzen, denn was werde ich ihm geben, wenn ich unterwegs nach Hause bin?

Nicht alle Internierten wurden nach Hause geschickt, nur ungefähr 80 Prozent. Ein paar Leute sind dageblieben, die sich angeblich etwas hatten zu Schulden kommen lassen. Mein Mann hat uns dann nach Polen mitgenommen. Wir haben am 24. November 1946 das Lager verlassen.“ ◗

Titelbild: Nichts als Steppe. 1943 starb Irene Bartzs Mutter in einem Lager nahe Karaganda, Kasachstan. Heute erinnern dort Gedenksteine an die zahllosen Toten.

© Ernst Spycher; © privat

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