Berührende Gedichte über „Babyn Jar. Stimmen“ im Landestheater

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Lesung mit Dörte Lyssewski undS ergei Dreznin (Piano), Salzburger Festspiele 2025.

Mit aufgelöstem Haar, unruhigen Händen und Tränen in den Augen steht Marianna Kijanowska, 1973 nahe bei Lemberg/Lwiw geboren, auf der Bühne des Salzburger Landestheaters. Soeben hatte sie aus dem Off zwei ihrer Gedichte im ukrainischen Original gesprochen – und ist noch von ihren Gefühlen getragen. Flankiert wird die Literaturwissenschaftlerin, Essayistin und Dichterin von der Burgschauspielerin Dörte Lyssewski sowie dem Komponisten und Pianisten Sergei Dreznin, die gerade eine Stunde lang Kijanowskas mehrfach preisgekrönten Gedichte vorgetragen und musikalische umrahmt haben.

„Wenn ich sage: ‚Ich bin Rachel‘, dann ist das für mich keine Floskel, sondern wörtlich zu nehmen. Denn ich fühle mich nicht als Autorin dieser Gedichte; es sind Stimmen, die ich aufgeschrieben habe.“ In ihrem Gedichtband Babyn Jar. Stimmen erzählt Kijanowska von einem der  größten Massaker der Shoah: der Erschiessung von mehr als 33.000 Juden in der felsigen Schlucht von Baby Jar – fast der gesamten jüdischen Bevölkerung Kiews – an nur zwei Tagen (29. und 30. September 1941) durch die SS und Polizei-Spezialkräfte des Dritten Reichs.


 

Babyn Jar. Stimmen
Gedichte. Ukrainisch und deutsch
Aus dem Ukrainischen von Claudia Dathe

Suhrkamp Verlag,
24,00 € (D), 24,70 € (A)


Für Kijanowska, deren Werke nicht nur mit zahlreichen Literaturpreisen ausgezeichnet, sondern auch ins Hebräische, Englische, Deutsche, Italienische, Schwedische, Polnische, Serbische, Tschechische, Slowakische und Weißrussische übersetzt wurden, geht es in Babyn Jar. Stimmen um alle Kriege, in denen Menschen massenhaft sterben. Ihre eigenen Erfahrungen, 2016 war sie an der Front in der Ostukraine, vermischen sich mit dem verinnerlichten Leid, das sie so meisterlich nachempfinden und in Prosa fassen kann. „Diese Texte sind schwere Kost, aber es muss sein, denn die Menschen wollen sich nicht mehr an all das erinnern,“ sagt Hanna Feingold, die frühere Präsidentin der IKG-Salzburg nach dem Besuch dieses ergreifenden, sinnlich-brutalen Abends.

Dörte Lyssewski, © Tommy Hetzel

Dörte Lyssewski haucht durch ihr empathisches Nachempfinden den einzelnen verzweifelten, zum Verstummen gebrachten Menschen wieder Leben ein: Die klagenden und noch immer leise kämpfenden Stimmen hallen von der abgedunkelten Bühne in den Zuschauerraum. Die Auswahl der Gedichte hat die Burgschauspielerin selbst vorgenommen: Sie schafft es einen inhaltlichen Bogen zu spannen, der Stimmen hören läßt, die von der Abholung in der Wohnung erzählen, über die folgenden Erniedrigungen, wie Nacktausziehen bis zu Wahrnehmungen in der Grube inmitten der anderen Ermordeten.

Mit Sergei Dreznin, der als „kreativer Vulkan, musikalischer Visionär und Grenzgänger“ bezeichnet wird, stand ihr ein erfahrener jüdischer Künstler zur Seite, der in Moskau geboren wurde und daher zum Originaltext komponieren konnte. Um das Publikum in die nachdenkliche Phase einzustimmen, bestand Lyssewski darauf, die Geschichte des Massakers von Babyn Jar auf der Leinwand ablaufen zu lassen. „Nach diesem informativen Text habe ich dann nur ein schwarz-weiß Foto der Todesschlucht mit Geröll projizieren lassen, sodass man die Größe und Wucht ständig vor sich hat, aber sonst nichts zu erkennen ist,“ so Dörte Lyssewski. Ein beklemmender aber sehr lohnender Abend.

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