Geimpft/ungeimpft

Wann wird es eine Impfung gegen Covid-19 geben? Und wer wird sich dann impfen lassen? Fragen, die derzeit viele beschäftigen – manche so sehr, dass sie unpassende Vergleiche mit der NS-Zeit anstellen.

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Verschwörungstheorien feiern in Krisenzeiten fröhliche Urständ. Derzeit kann man diesem Phänomen nicht nur im Netz zuschauen, sondern auch bei diversen Demos von Menschen, die meinen, sie wären durch den Staat ihrer Freiheit beraubt. Schon dieser Umstand ist verstörend: Wenn ein demokratischer Staat alles daransetzt, seine Bürgerinnen und Bürger vor der Erkrankung mit einem Virus zu schützen, die tödlich verlaufen kann und gegen das es noch keine Impfung und kein Medikament gibt, ist das nicht mit dem Vorgehen in einer Diktatur vergleichbar. Vor allem in Deutschland tauchte bei solchen Kundgebungen aber auch ein besonders befremdliches Symbol auf: das des gelben Judensterns der Nazis, ergänzt um den Schriftzug „ungeimpft“.
Unter Impfgegnern geht derzeit die Angst um, dass der Staat, sollte es eines Tages ein Serum zur Vorbeugung einer Covid-19-Infektion geben, eine Zwangsimpfung vorschreibt. Sowohl in Deutschland wie auch in Österreich stellten die verantwortlichen Politiker bereits klar, dass dem nicht so sein wird. Es hindert so manchen aber nicht daran, gegen die Impfung weiter mobilzumachen – und dabei auch drastische Bilder zu bemühen. Der Judenstern diente der Kennzeichnung von Jüdinnen und Juden. Andere konnten den vermeintlichen „Volksfeind“ sofort ausmachen – die Betroffenen selbst wurden so zu Freiwild.

Menschen fühlen sich ohnmächtig und in ihrer Existenz bedroht – und suchen nach Sündenböcken. Und schon sind antisemitische Zuschreibungen im Umlauf.

Benutzt man nun dieses Symbol, um anzuprangern, dass künftig vielleicht Menschen, die sich weigern, sich gegen Covid-19 impfen zu lassen, öffentlich als ungeimpft gebrandmarkt würden, führt man sich selbst einerseits als potenzielles Opfer vor. Andererseits zieht man Vergleiche, die eben nicht zu ziehen sind. Juden hatten keinerlei Handlungsspielraum, es wurden ihnen Bürgerrechte und Menschenrechte einfach aberkannt. Impfgegner heute leben in einem demokratischen Staat. Selbst wenn eine Impfpflicht verabschiedet würde, geschähe das im Rahmen des demokratischen Gesetzwerdungsprozesses. Wäre das Gesetz beschlossen, könnte man es immer noch vor dem Verfassungsgerichtshof beeinspruchen – und sollte es dort dennoch bestätigt werden, müsste man das eben in einer Demokratie zur Kenntnis nehmen.
Auf der anderen Seite warten weltweit Millionen von Menschen auf die Nachricht, dass ein Impfstoff entwickelt und zum Einsatz zugelassen wurde. Wird das noch ein halbes Jahr dauern, ein Jahr, zwei Jahre? Darauf gibt es noch keine Antwort. Was aber festzustellen ist: Mit der Ausbreitung des Virus und den Eindämmungsversuchen der verschiedensten Regierungen geht eine wirtschaftliche Krise einher. Menschen fühlen sich ohnmächtig und in ihrer Existenz bedroht – und suchen nach Sündenböcken. Und schon sind antisemitische Zuschreibungen im Umlauf, vom Brunnenvergiften bis zu kruden Theorien, wer von solch einer Krise profitieren könnte.
Seit Jahren überlegen jüdische Gemeinden weltweit, wie eine Schutzimpfung gegen Antisemitismus ausschauen könnte. Aufklärung und Information wurden dabei immer als wichtige Eckpfeiler gesehen. Leider zeigt nicht zuletzt die aktuelle Krise, dass Desinformation stets raschere Wege und leider für einige auch überzeugendere Argumente findet. Der stete Kampf gegen Antisemitismus ist dennoch fortzuführen. Auch wenn man sich eingestehen muss: Er ermüdet einen. Und damit lässt auch die Vehemenz nach, mit der man sich einsetzt. Am Coronavirus sollen die Juden schuld sein? Na, wenn ihr meint, sagt man schon etwas abgeschlagen. Warum sind dann aber auch viele Juden weltweit – in belgischen, englischen, italienischen, in US-amerikanischen Städten an Covid-19 erkrankt und sogar verstorben? Die Antwort der antisemitischen Verschwörungstheoretiker darauf würde mich interessieren. Oder vielleicht auch nicht. Es wäre nur das nächste unerträgliche Geschwurbel.

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